„Sex sells!“, dachten sich schon venezianische Impresarios des 17. Jahrhunderts, als die Oper erstmals auch abseits adeliger Höfe einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Gegen Entgelt konnte im Prinzip jedermann in öffentlichen Theatern die damals noch junge Gattung bestaunen. Erotische Stoffe hatten als Kassenmagnet daher Konjunktur, auch Librettist Giovanni Faustini und Komponist Francesco Cavalli, ein Schüler Monteverdis, bedienten sich einer Geschichte aus Ovids „Metamorphosen“, die sich um die schönste Nebensache der Welt dreht. Sie erzählt von der Nymphe Calisto, die von Giove (Jupiter) in Gestalt der Göttin Diana verführt und von dessen eifersüchtiger Gattin Juno dafür in eine Bärin verwandelt wird – was der „Göttervater“ zwar nicht rückgängig machen kann. Dafür lässt er Calisto aber als „große Bärin“ am Firmament umso heller strahlen. Die Rechnung der Autoren ging allerdings nicht auf: „La Calisto“, 1651 in Venedig uraufgeführt, geriet zum Flop. Nach nur elf Aufführungen verschwand das Werk in der Versenkung, aus der es erst Raymond Leppard 1970 in Glyndebourne mit der kürzlich verstorbenen Ileana Cotrubas hervorholte. Als nachhaltiger erwies sich 23 Jahre später René Jacobs legendäre Produktion mit Herbert Wernicke als Regisseur, die auch an der Berliner Staatsoper gezeigt wurde, wohin Stefan Herheims bildmächtige Neuinszenierung für das von ihm geleitete MusikTheater an der Wien übersiedeln wird. Bei Christina Pluhar sind Verzierungen nicht bloß Beiwerk Venezianische Opern des 17. Jahrhunderts verfügen über keine Partitur im herkömmlichen Sinn. Besetzung und Größe des Orchesters hingen davon ab, was ein Impresario zu investieren bereit war, der unterm Strich Gewinn machen wollte. Daher haben Komponisten in der Regel nur die Vokalstimmen und den Generalbass ausgeschrieben, die Komplettierung wurde erst bei der Aufführung den Gegebenheiten des jeweiligen Theaters angepasst. Wer für solch eine Oper heute die musikalische Verantwortung übernimmt, muss daher zunächst eine spielbare Partitur arrangieren. Dieser Aufgabe hat sich Christina Pluhar souverän entledigt, mit bewundernswerter Phantasie, großem Geschmack und enormer Stilsicherheit. Unter ihrer animierenden Leitung faszinierte ihr famoses Originalklangensemble L’Arpeggiata mit Klängen von betörender Sinnlichkeit, eruptiver Vitalität und belkantesker Schönheit. Beeindruckend auch Pluhars Umgang mit Verzierungen: Diese, für die Musik jener Epoche essentiell, sind ihr nicht bloß ornamentales Beiwerk, sie nutzt sie als Mittel des Ausdrucks. An diesem Abend leuchtete Cavallis Musik in allen nur erdenklichen Farben, ähnlich wie ein frisch restauriertes Gemälde eines Alten Meisters. Der Spielfreude des Orchesters stand jene der Darsteller um nichts nach. Regisseur Stefan Herheim konnte aus dem Vollen schöpfen, der „La Calisto“ als temporeiche Erotikkomödie, garniert mit schwungvollen Tanzeinlagen (die Choreographie stammte von Beate Vollack), shakespearehaften Rüpelszenen, aber auch besinnlichen Momenten auf die Bühne brachte. Silke Bauers Bühnenbild, das barockes Kulissentheater kongenial für moderne Sehgewohnheiten übersetzt, bot ihm dafür den idealen Rahmen. Mal erwecken sich öffnende konzentrische Ellipsen Assoziationen an das weibliche Geschlecht, mal weist eine Mondsichel auf Diana hin, während eine Waldlandschaft oder ein Sternhimmel für poetische Stimmungen sorgen. Eine glühende Erde ist keine moderne Zutat des Regisseurs, wohl aber dass Giove im Feuerwehrmontur zum Löschen anrückt, um den bedrohten Planeten zu retten. Zur Haupthandlung um Calisto gesellen sich einige Nebenstränge hinzu. In einem schmachtet der Hirte Endimone, vom Counter Arnaud Gluck mit ebensolcher Inbrunst gesungen, die keusche Göttin Diana an, die hier so keusch nicht ist, sondern sich zu Endimone auch erotisch hingezogen fühlt. Leider wurde ihre Sinnlichkeit von Luciana Mancinis allzu herbem Mezzo etwas konterkariert. Auch für Pan ist Diana ein Objekt der Begierde, doch hat er das Nachsehen, was Tenor Juan Sancho Anlass gab, als gekränkter Krawallmacher durch das Geschehen zu poltern. In punkto Komik schossen allerdings der souveräne Counter Jake Arditti als triebgesteuerter Satirino und Marcel Beekman als liebestolle Linfea – der im Nude-Suit auch La Natura verkörpert – den Vogel ab. Glänzend besetzt waren die Hauptpartien: Renato Dolcini als Mercutio gab mit seinem biegsamen Bariton stimmlich einen wetterwendischen Gott der Lügen, die Juno Giuseppina Bridellis bewahrte trotz Eifersucht aristokratische Würde, während der rund tönende Bass von Milian Siljanov auch in falsettierten Höhen begeisterte, wenn Giove sich als Diana ausgibt. Herz der Aufführung aber ist Vera-Lotte Boecker als Calisto, eine grandiose Singschauspielerin, die stimmlich wie mimisch alle nur erdenklichen Facetten auszuspielen weiß. Herheim machte diese Nymphe zu einer selbstbewussten Frau, die aus eigenen Stücken mit Giove das Bett besteigt, das mit den beiden – im wahrsten Sinne des Wortes – in höhere Sphären entschwebt. Von diesen himmlischen Gefilden der Lust muss sie allerdings, bis zur endgültigen Aufnahme am Firmament, nochmals auf die Erde herab. Sie tut dies in edlem Pelz und schicker Sonnenbrille – diese Calisto wird sich mit Sicherheit von niemandem mehr täuschen lassen. Stefan Herheim, der leidgeprüfte Intendant, dem die Kammeroper als Nebenspielstätte aus Einsparungsgründen gestrichen wurde und der obendrein eine Reduzierung der Premieren im Haupthaus hinnehmen muss, hat mit der umjubelten Premiere von „La Calisto“ einen Triumph eingefahren und zugleich bewiesen, dass er zu kämpfen versteht. Starke Mitkämpfer, sei es die eigene Geschäftsführung, sei es Wiens Kulturpolitik, stehen ihm dabei leider nicht zur Seite.
