FAZ 28.09.2026
09:41 Uhr

Künstlerin Annemirl Bauer: Meisterwerk auf Klodeckel


Annemirl Bauer lebte in der DDR wegen ihrer politischen Ansichten unter prekären Umständen. Sie malte auf Untergründen, die sie teilweise aus dem Sperrmüll fischte. Nun widmen sich in Berlin und Potsdam zwei Schauen der großen Malerin.

Künstlerin Annemirl Bauer: Meisterwerk auf Klodeckel

16.000 Arbeiten hat die Künstlerin Annemirl Bauer hinterlassen. Manche malte sie auf Leinwand, andere auf Teppiche, Bilderrahmen oder Klodeckel. Dass trotzdem immer wieder von ihrer „Entdeckung“ gesprochen wird,  erzählt weniger über Bauer selbst, sondern vielmehr über die Schwerfälligkeit des sogenannten Kanons der Kunstgeschichte. Seit geraumer Zeit werden Künstlerinnen, die dort bisher kaum oder gar nicht vorkamen, neu entdeckt und ausgestellt. Das gilt für alle Epochen: von Artemisia Gentileschi über Hilma af Klint bis hin zu Gabriele Stötzer, die erst kürzlich, bei der Eröffnung ihrer Ausstellung, mit 73 Jahren durch den Gropius Bau tanzte. Damit eine Position nicht verschwindet, sondern auffindbar bleibt und am Ende vielleicht einen festen Platz im Kanon bekommt, braucht es einen langen Atem. Das erkennt man besonders am Werk von Annemirl Bauer, die gerade mit zwei Schauen in Berlin und Potsdam geehrt wird. Bauer wurde 1939 in Jena geboren und starb 1989 mit 50 Jahren nach einer kurzen, schweren Krebserkrankung, nur drei Monate vor dem Fall der Mauer. Kritik am repressiven System der DDR Wenn man hört, wo die Malerin überall ausgestellt wurde und dass es in Berlin sogar einen Annemirl-Bauer-Platz gibt, könnte man meinen, dass jeder wüsste, wer sie war. Doch Bauer wird immer wieder als Entdeckung gefeiert, obwohl ihr Werk schon  2012 im Bundestag zu sehen war und auch in Museen in Dresden, Leipzig und Cottbus gezeigt wurde. Sie studierte an der Kunsthochschule Weißensee, schloss 1965 mit einem Diplom in baugebender Kunst ab und war Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler in der DDR. Trotzdem waren ihre Lebensumstände prekär. Lange lebte sie mit ihrer Tochter in einer Ladenwohnung im Prenzlauer Berg, und aus Briefen, die sie an die DDR-Behörden schrieb, geht hervor, in welchem maroden Zustand sich die Wohnung befand. Von Schimmel und abgelösten Dielen schreibt sie da. Der baufällige Zustand ihrer Bleibe war nicht das Einzige, worüber Annemirl Bauer mit der Obrigkeit im Disput lag. Sie protestierte schriftlich gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung oder sprach sich in Briefen gegen die Wehrpflicht für Frauen aus. Immer wieder forderte sie Reisefreiheit und kritisierte vehement das repressive System. In einer Eingabe von 1984 heißt es: „Die Mauer ist überflüssig und überholt (...) ich bin 45 Jahre alt und habe die Geduld verloren, ich will den Erdball selber abtasten und mich nicht immer nur informieren lassen (...) ich bin nicht nur zum Sattsein geboren.“ Im selben Jahr wurde sie aus dem Berufsverband der Bildenden Künstler ausgeschlossen. Es kam einem Berufsverbot gleich. Die malerische Biographie Bauers ist die einer Künstlerin, für die das Malen eine unabdingbare Voraussetzung zum Leben war. Die Umstände, unter denen ihre Arbeiten entstanden, waren alles andere als ideal, was erklärt, warum sie auf so ungewöhnlichen Untergründen malte, die sie teilweise aus dem Sperrmüll fischte. Teppiche, Bilderrahmen, Klodeckel – was ihr in die Hände fiel, konnte zum Bildträger werden. Auch darin zeigt sich die Konsequenz, mit der sie ihre Arbeit gegen alle Einschränkungen verfolgte. Wenn man einen Überblick über Bauers Schaffen erhalten möchte, dann sollte man in diesen Tagen nach Potsdam fahren. Dort zeigt das Kunsthaus Das Minsk, das der SAP-Milliardär und Kunstmäzen Hasso Plattner 2022 eröffnete, mit „Bruch ist in der Welt“ eine umfassende Schau ihrer Arbeiten. Begleitet wird die Ausstellung von einem Katalog, der das Leben und Werk Annemirl Bauers kunsthistorisch einordnet. Sie erinnert an Picasso und Modersohn-Becker Die Kuratorin Marie Gerbaulet hat eine Auswahl von 150 Werken in vier Kapiteln thematisch angeordnet. Da sind Zeichnungen ineinander verknäulter Körper, bei denen noch irgendwo ein Penis aufblitzt oder riesige Brüste sich panisch um die Ohren der Figuren wickeln. Schnelle Striche, die fast an Picasso erinnern, was sicherlich kein Zufall ist, sondern eine Anspielung auf den großen Maler mit dem patriarchal geprägten Blick. Dann wieder findet man Kinderporträts, die in ihrer Zartheit und sanften Farbigkeit an Paula Modersohn-Becker denken lassen. Die Collagen auf französischen Briefumschlägen und Postkarten erzählen von dem nie gestillten Fernweh Annemirl Bauers. Es sind Bilder, die dokumentieren, wie sich eine Kunst zur Dringlichkeit entwickelt, um einem repressiven System zu entkommen, es zu dokumentieren oder auch um sich über seine Begrenztheit lustig zu machen. Denn bei aller Ernsthaftigkeit, mit der Bauer ihre Malerei betrieb, ist vieles auch voller komischer Momente. Etwa die Zeichnung „Frühstück im Freien mit Hornochsen“, auf der drei nackte Männer etwas verloren und ratlos wirkend in einer Landschaft sitzen, in der im Hintergrund die echten Ochsen herumstehen. „Ein Vogel, der gegen den Käfig flog“ Viele Arbeiten haben etwas von einem Tagebuch, was auch damit zu tun hat, dass Schrift und Sprache eine große Rolle spielen. Manche Bilder tragen sprechende Titel, etwa „Frau mit Penisneid und 5 Söhnen, selbst geborenen!“. Darauf ist eine Frau mit großem Bauch und großen Brüsten zu sehen, umgeben von dünnen, kleinen männlichen Figuren. Ihr großes, buntes Triptychon, ein zentrales Werk, mit picknickenden Menschen heißt „Der Himmel über Berlin ist unteilbar“. Oft integrierte Bauer die Schrift auch direkt ins Bild. So wie in „Herrlich dämlich dumme Dame“: das Porträt einer Frau, in deren aufgetürmtem Haar sich Gedanken zum Wortursprung der „History“ finden und wo die Frage geschrieben steht: „Und ihre Storry?“ (sic.) Bauer beschwor in ihrer Kunst eine Freiheit, die das System, in dem sie lebte, nicht anerkannte. Immer wieder wurden ihre Reiseanträge abgelehnt. Ihre Freundin und Kollegin Bärbel Bohley sagte einmal über sie: „Sie war wirklich ihr ganzes Leben lang so ein Vogel, der gegen den Käfig flog.“ Gemeinsam mit der Künstlerin Bohley wird Bauer gerade auch in Berlin, in der „Galerie im Turm“ gezeigt. Es ist eine sehr viel kleinere und dennoch sehr sehenswerte Ausstellung. Aufgrund ihres politischen Engagements waren beide Frauen enormen Repressionen und sogenannten „Zersetzungsmaßnahmen“ in der DDR ausgesetzt. Sie engagierten sich kontinuierlich für Bürger- und Menschenrechte, die für sie ganz automatisch auch Frauenrechte waren. Ein Titel, den Bauer einer Zeichnung aus der Reihe „Frauen“ gegeben hat, lautet so: „Frauen, wenn wir heute nichts tun, leben wir morgen wie vorgestern.“ An Aktualität hat das leider kaum verloren. Anfang der 1960er-Jahre war sie mit ihrer Mutter, Tina Bauer-Pezellen, ebenfalls Malerin und unter den Nazis verfemt, einmal in Südfrankreich gewesen. Seitdem träumte sie davon, dorthin zurückzukehren, was sie 1987 schaffte. Dort entstanden über 80 weitere Arbeiten. 1989, kurz vor ihrem frühen Tod, durfte sie nach Westberlin reisen, fuhr von dort aber weiter auf die Kanaren, wo sie wie wild mit Filzstiften malte. „Spanische Phantasien“ nannte sie die Reihe, in der man bunte Palmen und blutrote Sonnenuntergänge sieht. Bereits 1976 kaufte sie ein Haus in Brandenburg, in das sie mit ihrer Tochter Amrei zog. Heute ist es das „Annemirl Bauer Haus“, der Ort, an dem ihre Tochter den Nachlass verwaltet und wo das künstlerische Werk gelagert wird. Schließt man dort die Augen für einen Moment, dann klingt das Rauschen der Felder Brandenburgs fast ein wenig wie das Rauschen des Meeres vor Sanary-sur-Mer oder Le Lavandou. Vielleicht hat Annemirl Bauer sich vorgestellt, genau dort zu sein, wenn sie ihrer Tochter bei schönem Wetter vorschlug: „Lass uns heut den ganzen Tag im hohen Gras frühstücken.“ Annemirl Bauer, „Bruch ist in der Welt“, DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, bis 7. Februar 2027. „Träumen: Annemirl Bauer und Bärbel Bohley im Dialog mit Christian Borchert, Jürgen Graetz, Barbara Klemm und Elske Rosenfeld“. Bis 8. November, Galerie im Turm, Berlin