„Hallo, Europa! Mein Aufbruch in die freie Welt“ heißt das erste Kapitel Ihres neuen Buches. Sie versetzen die Leser zurück an den 10. Dezember 1989, als die Teilnehmer eines im Rahmen der Samtenen Revolution der Tschechoslowakei stattfindenden Protestmarsches illegal die Grenze nach Österreich überquerten. Sie waren als Zwölfjähriger mittendrin. Diesen von Aufbruchsstimmung erfüllten Tag beschreiben Sie als Ende einer langen Epoche der Unfreiheit. Was bedeutet Freiheit für Sie? Die Kindheit war damals sehr grau in Bratislava. Die Stadt war eine völlig andere. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung – 13 Jahre Diktatur, 13 Jahre Realsozialismus – habe. Ich kenne diese alte Welt und kann einen Vergleich ziehen. Die Demokratie ist für mich keine Selbstverständlichkeit. Mein Buch beginnt an diesem 10. Dezember, weil ich ihn als so einen unvergesslichen, euphorischen Tag in Erinnerung habe. Als Erwachsener verstand ich dann, wie schön es war, dass beim Protestmarsch die Rede von einer „Rückkehr nach Europa“ war – wir gehörten trotz vierzig Jahren Diktatur weiterhin zum Westen, und jetzt waren wir wieder da. Man wollte nicht länger Osteuropa sein und hinter dem Eisernen Vorhang verharren. Ihre früheren Bücher, Romane wie „Troll“ (2018) oder „Tahiti Utopia“ (2021), haben Sie auf Slowakisch verfasst, in Deutschland erschienen Übersetzungen. Wie kommt es, dass Ihr neues Buch auf Deutsch entstanden ist? Mein Lektor hat mich angesprochen. Ich hatte davor nur kurze Texte für Zeitungen auf Deutsch geschrieben. Mein Verlag hat mich ermutigt, endlich auch einen langen Text zu versuchen. Der Sprachwechsel war eine faszinierende Erfahrung. Deutsch ist keine Fremdsprache für Sie. In Ihrem Buch schildern Sie, dass Ihr Großvater mütterlicherseits der Minderheit der Zipsersachsen angehörte. Deutsch war immer Teil meiner Identität und meiner Welt. Mein Großvater sprach ein sehr altmodisches Deutsch, einen mündlichen Dialekt. Menschen wie er waren zweisprachig und bis zur Wende tatsächlich auch Bürger zweiter Klasse. In den Fünfzigerjahren galt Deutsch in der Tschechoslowakei als Sprache der Faschisten, als Sprache der Feinde. Ich und meine Cousins haben in unserer Kindheit österreichisches Fernsehen geschaut und österreichisches Radio gehört. Das war unsere Medienwelt. Ich stelle mir das ähnlich vor wie bei den Ostberlinern, die Westberliner Medien nutzten. Man lebte in dieser schizophrenen Situation, dass die Realität eine realsozialistische, dogmatische und die mediale Welt eine freie, kapitalistische war. Der 10. Dezember, der Tag, an dem der Protestmarsch stattfand, ist auch der internationale Tag der Menschenrechte. Wie steht es um diese unter Premierminister Robert Fico, der seit Herbst 2023 mit einem Regierungsbündnis aus Populisten und Rechten in der Slowakei wieder an der Macht ist? Zweieinhalb Jahre lang war die slowakische Zivilgesellschaft sehr aktiv und hat gegen den Rechtsruck protestiert. Mittlerweile, nach so vielen Monaten, herrscht eine ziemlich düstere Stimmung im Land. Erst ging es um Kämpfe im Bereich Kultur und Umwelt – die beiden zuständigen Minister sind eine Verschwörungstheoretikerin und ein Rechtsradikaler. Jetzt steht der Rechtsstaat an sich im Mittelpunkt. Da ist die Lage wirklich nicht gut. Aktuell laufen Korruptionsverfahren gegen Personen aus Ficos Umfeld. Jetzt geht es darum, ob der Rechtsstaat kippt, ob parteinahe Menschen noch gerecht verurteilt werden können. Es läuft etwa ein Verfahren gegen den jetzigen Vizepräsident des slowakischen Parlaments Tibor Gašpar, der früher der Polizeipräsident war. 2018 musste er nach dem Mord an dem Investigativjournalisten Ján Kuciak und dessen Verlobter zurücktreten. Auch Fico musste damals infolge der Massenproteste seinen Posten als Premierminister räumen. Kuciak hatte zu Verbindungen zwischen Ficos Umfeld und der organisierten Kriminalität recherchiert, bis er erschossen wurde. Der mutmaßliche Drahtzieher wurde nie verurteilt. Der Sohn des damaligen Polizeipräsidenten Gašpar leitet inzwischen den Geheimdienst SIS. Er hat am Unterarm das Gesicht seines Vaters als Tattoo und noch ein weiteres mit dem Consigliere aus „Der Pate“. In der Slowakei spricht man von einem Mafia-Clan. Im Herbst 2023 wählten viele Slowaken trotz dieser wohlbekannten zwielichtigen Verstrickungen Fico und seine populistische Partei Smer erneut. Wieso? Robert Fico ist ein Machtmensch, ein Opportunist. Er spielt sehr viel mit den Ängsten der Bevölkerung, gerade jetzt zu Kriegszeiten. Er stilisiert sich als jemand, der die Welt gut versteht – als Regierungschef eines kleinen Landes, der aber das Sagen hat. Leider kommt das in Teilen der Bevölkerung gut an. Und Fico hat gespürt, dass er etwa auch mit seinen Aussagen über NGOs punkten kann. Er behauptet, sie seien alle aus dem Ausland gesteuert und wiederholt damit Kreml-Narrative. Das läuft ähnlich ab wie in Georgien, ähnlich wie in Bulgarien; diese Strategie spaltet immer weiter und polarisiert die Gesellschaft noch stärker. Das Narrativ von den NGOs, die angeblich im Verborgenen die Strippen ziehen, wurde vor einem Jahr auch hierzulande verbreitet – erst vom rechten Online-Portal „Nius“ und der AfD, später von Politikern der Union und der Zeitung „Die Welt“. Gegen letztere folgte deshalb eine Rüge des deutschen Presserats. Ich sehe in etablierten Demokratien ähnliche Tendenzen wie in der Slowakei. Es gibt Versuche der Zensur bei Kultur und Medien, auch in Deutschland – wie neulich beim Ausschluss der drei linken Buchläden vom Buchhandlungspreis. Man muss genau hinsehen, um zu verstehen, was droht. Die Rechten sind sehr gut vernetzt. Bei Ihrem letzten Interview mit der F.A.Z. im Herbst 2024 waren Sie gerade von der slowakischen Kulturministerin Martina Šimkovičová wegen Verleumdung angezeigt worden. Sie hatten die Politikerin, die von der ultrarechten Partei SNS für ihr Amt nominiert worden war, in einem Artikel als Neofaschistin bezeichnet. Sie fürchteten eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Wie ging es damit weiter? Ich kann jetzt ganz glücklich sagen, dass ich meinen juristischen Kampf gegen die Ministerien gewonnen habe. Ich darf weiterhin frei über sie sprechen und über sie schreiben, was ich denke. Sie ist eine Neofaschistin. Šimkovičová, die vor Ihrem Amtsantritt als rechte Influencerin bekannt war, glaubt, dass LGBTQ-Personen für das Aussterben der weißen Rasse verantwortlich seien. Kultur soll laut ihr „eine Slowakische sein – und keine andere“. Ihr Generalsekretär Lukáš Machala ist sich nicht sicher, ob die Erde wirklich rund ist. Viele unabhängige Kulturprojekte erhalten keine Förderung mehr. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde unter Kontrolle gebracht. Wie wehrt man sich in der Slowakei gegen solche Angriffe und diese ausufernde Inkompetenz? Wir haben vor allem gelernt: Protest muss innovativ sein. Er muss Menschen ansprechen und Themen finden, die vor Ort wichtig sind. Deswegen habe ich es auch als meine Aufgabe verstanden, in die Regionen zu fahren. Ich habe gesehen, wie ganz unterschiedliche Menschen diese Demokratie von unten unterstützen möchten. Das ist eine bunte Mischung – da sind Liberale und Konservative, Gläubige und Atheisten. Einige sind eher rechts, einige eher links, es gibt junge und betagte Menschen. Doch bei allen Unterschieden sind sie sehr proeuropäisch und freiheitsaffin eingestellt. Das sind für mich die neuen Dissidenten. Aber ich spüre auch eine gewisse Müdigkeit in der Kulturszene. Dass viele frustriert sind, weil nach so vielen Aktionen Šimkovičová und ihre Entourage immer noch an der Macht sind. Die Verfassungsänderung im Herbst vergangenen Jahres war ein Bruch, es kam zu einer Spaltung der Opposition. In einer tiefen Krise der Regierungskoalition hat Fico verstanden, dass er mit Kulturkriegen deutlich besser punkten kann als zum Beispiel mit der Lösung der Inflationsproblematik. Als es eigentlich um Angelegenheiten wie Korruption gehen sollte, hat er auf einmal in den Raum geworfen, dass es von nun an nur noch Mann und Frau in der Verfassung geben soll – keine Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und Schluss mit Intersex und Trans. Leider haben Teile der Opposition mitgemacht, namentlich die Christdemokraten. Der Titel Ihres Buches lautet „Dissident“. Da denkt man direkt an den Kalten Krieg. Der Verlag hat den Titel nach der Lektüre des Manuskripts vorgeschlagen. Ich fühle mich sehr inspiriert von den osteuropäischen Dissidenten wie Wassyl Stus in der Ukraine, Václav Havel in der Tschechoslowakei oder Adam Michnik in Polen. Und auch von den vielen weiblichen Dissidentinnen. Hier im Osten ist dieses Erbe aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Wir haben heute ganz andere Gegner als die damaligen Dissidenten, aber dennoch sehr mächtige. Unser Feind sind die Algorithmen, die gegen uns steuern. Unser Feind sind auch die Sozialen Medien, die Werkzeuge von Tyrannen geworden sind. Ihr Vater war Informatiker, stand ganz an den Anfängen der Computerkultur in der Tschechoslowakei. Damals blickte man mit großer Hoffnung auf die neue Technologie – sie sollte Informationen für alle zugänglich machen. Kann man zu diesen emanzipatorischen Wurzeln zurückfinden? Wir brauchen Kreativität und Vernunft, wie damals an den Anfängen der Computerzeit. Die Generation meines Vaters hat daran geglaubt, dass Computernetzwerke eine gerechtere Welt schaffen können. Es war ein utopisches Projekt, das zu einer Dystopie geworden ist. Vielleicht müssen wir mehr offline gehen. Wir brauchen neue Dissidenten und neue Utopien. Michal Hvorecky, 1976 in Bratislava geboren, zählt zu den bekanntesten slowakischen Gegenwartsautoren. In seinem eben im Tropen Verlag erschienenen Buch „Dissident“ berichtet er von seiner Kindheit in der Tschechoslowakei und dem wiedererstarkenden Autoritarismus.
