FAZ 17.03.2026
06:32 Uhr

Krieg in Nahost: Die Zerstörung Libanons nehmen sie in Kauf


Libanon ist zum Schlachtfeld zweier zu allem entschlossenen Feinde geworden. Die Hizbullah will lieber untergehen als aufgeben, Israel droht mit hartem Vorgehen.

Krieg in Nahost: Die Zerstörung Libanons nehmen sie in Kauf

Die Kampfansagen lassen Unheil erahnen. Der israelische Verteidigungsminister droht Libanon mit der Zerstörung ziviler Infrastruktur und dem Verlust von Territorium. Kampfflugzeuge werfen Flugblätter ab, die eine „neue Realität“ verkünden – und diese mit dem zertrümmerten Gazastreifen in Verbindung bringen. Israel will die Bedrohung durch die Iran treu ergebene Hizbullah ein für alle Mal beseitigen. Das Mittel ist rohe Gewalt. Die Schiitenorganisation tönt allerdings, sie wolle lieber untergehen als aufgeben. Und sie überhöht ihren Willen zur Selbstzerstörung, indem sie ein historisches Himmelfahrtskommando zum Vorbild ihres Krieges erhebt: die Schlacht von Kerbela. Imam Hussein, Enkel des Propheten Mohammed, führte im Jahr 680 eine kleine Schar Getreuer gegen eine Übermacht in den sicheren Tod. Für die ideologisch verblendeten Kader, Kämpfer und Anhänger der Hizbullah ist er eine Ikone der Opferbereitschaft. Nur reißen sie im Namen von Glaubensstärke und Behauptungswillen ein ganzes Land mit in den Untergang. Endkampfstimmung breitet sich aus Libanon ist zum Schlachtfeld zweier zu allem entschlossener Feinde geworden, die seine Zerstörung mit einem Schulterzucken in Kauf nehmen. Dem Land geht die Kraft aus, während die Lasten zunehmen, die es schultern muss. Es geht nicht nur um die grauen Trümmer, die sich weiter und weiter in die Straßenzüge und Dörfer fressen. Auch auf die kriegsmüde Gesellschaft wirken zersetzende Kräfte. Sie werden stärker, je länger die bewaffnete Konfrontation andauert. Die schiitische Klientel der Hizbullah hat sich noch nicht vom Krieg aus dem Herbst 2024 erholt. Viele Familien haben keine Finanzreserven mehr, um die abermalige Vertreibung zu bewältigen. Sie sind auf die Solidarität anderer Bevölkerungsgruppen angewiesen. Aber unter denen herrscht zunehmend Wut darüber, dass die Hizbullah im Alleingang einen neuen Krieg vom Zaun gebrochen hat, der das Land verheert und das wirtschaftliche Überleben bedroht. Die Libanesen sind krisenerprobt, und sie sind Zynismus gewohnt. Aber auch ihre Duldsamkeit hat Grenzen. Endkampfstimmung breitet sich auch im Anti-Hizbullah-Lager aus. Nicht wenige Libanesen wünschen sich insgeheim, dass Israel seine Drohung wahr macht, die Schiitenorganisation auszumerzen. Es ist ein Moment der Wahrheit. Der Krieg zeigt, dass Libanon am Abgrund wandeln wird, solange die Waffen der Hizbullah Israel bedrohen und jene Kräfte im eigenen Land einschüchtern, die es wirklich voranbringen wollen. Die Propaganda der Hizbullah, die behauptet, sie verteidige ihre Heimat, klingt sogar in den Ohren vieler Schiiten hohl. Die Organisation kann nicht mehr verbergen, dass sie Libanon den Interessen ihrer Patrone in Teheran unterordnet. Der Krieg dient allein iranischer Landesverteidigung. Der Staat sollte energischer eingreifen Ein unentschiedener Ausgang des Waffengangs würde auch ein großes Risiko bergen: dass eine Hizbullah überlebt, die geschwächt ist, aber nach wie vor gefährlich und aggressiv. Was, wenn sie dann mit feindlichen Gruppen konfrontiert würde, die ihr den Todesstoß versetzen wollen? Ein gewaltsam ausgetragener innerlibanesischer Konflikt wäre das Letzte, was das Land gebrauchen kann. Auch deshalb sollte jetzt der libanesische Staat energischer eingreifen und Handlungsfähigkeit beweisen. Eine konsequente Entwaffnung der Hizbullah wurde zu lange verschleppt. Regierungschef Nawaf Salam hat schon ein bemerkenswertes Verbot ihrer militärischen Aktivitäten verhängt. Aber die Streitkräfte zaudern, es durchzusetzen. Die Sorge, dass ein Durchgreifen gegen die Hizbullah die Armee spalten oder einen Bürgerkrieg entfesseln könnte, sind berechtigt. Aber auch die Tatenlosigkeit hat einen hohen Preis, wie sich jetzt zeigt. Dass Israel diesen hochtreibt, ist Fluch und Segen zugleich. Militärischer Druck auf die Hizbullah kann helfen, eine Lösung zu finden, die israelische und libanesische Sicherheitsinteressen wahrt. Er ist wohl unabdingbar. Wenn die Schiitenorganisation geschwächt wird, ist das auch im Interesse der Führung in Beirut. Aber rohe Gewalt allein führt nicht zum Ziel. Die libanesische Regierung braucht Bewegungsfreiheit. Sie kann keine substanzielle Annäherung an Israel vertreten, solange dessen Luftwaffe Angriffswellen auf libanesisches Staatsgebiet fliegt und dabei auch Zivilisten tötet. Sie sähe zu sehr wie ein Komplize Israels aus, sollte die Armee gegen die Hizbullah vorgehen, während Libanon unter Feuer steht. Noch besteht eine Chance auf dauerhafte Stabilität. Aber dafür muss Israel eines bedenken: Hass auf die Hizbullah und Druck sind keine ausreichende Basis für eine gute Nachbarschaft. Ein Frieden, der nur auf dem Niederschlagen des Gegners fußt, hat in der Region noch nie lange gehalten. Er nützt vor allem den ideologisch Verblendeten.