FAZ 10.08.2026
06:37 Uhr

Kreuzfahrt nach Alaska: Im freien Raum


Wer dachte, eine Kreuzfahrt mit einigen Tausend Menschen sei ein Massenauflauf, wird im Nordpazifik eines Besseren belehrt: Unterwegs auf der Star Princess nach Alaska.

Kreuzfahrt nach Alaska: Im freien Raum

Es geht eine kalte Brise auf Deck 17 der Star Princess, nicht eben ein Wunder bei diesen Breitengraden: Wir segeln auf dem Weg von Seattle nach Skagway in Alaska soeben durch den Queen Charlotte Sound an der amerikanischen Nordwestküste, und auch Ende Mai herrschen hier, wenn’s hochkommt, zehn Grad Celsius. Aber in einem der vier Hot Tubs auf diesem Deck mit Blick auf den offenen Pazifik lässt es sich aushalten, solange man mit den Schultern unter Wasser bleibt. Noch erstaunlicher als das Erlebnis, in einem Whirlpool den Pazifik zu durchmessen, ist die Tatsache, sich auf diesem riesigen Kreuzfahrtschiff fast völlig allein zu finden. Natürlich hat das Wetter damit zu tun, dass sich an diesem Morgen kaum eine Handvoll der insgesamt fast 4500 anderen Passagiere an Bord auf oberen Decks unter freiem Himmel verlaufen. Wir alle bewohnen sieben Tage lang gemeinsam mit mehr als 1500 Mann Crew ein schwimmendes Dorf, fast 350 Meter lang und beinahe 45 Meter breit, das sich auf insgesamt einundzwanzig Stockwerken sechzig Meter über dem Meer auftürmt. Und doch hat man kaum das Gefühl, Teil einer Massenveranstaltung zu sein. Wer fürchtet, dauernd der Mitteilungslust cocktailschlürfender Profi-Kreuzfahrer im Liegestuhl nebenan oder der Entertainmentbeschallung einer Ballermann-Veranstaltung ausgeliefert zu sein, der darf sich hier eines Besseren belehren lassen. Diese Alaska-Reise auf der Star Princess empfiehlt sich nicht nur mit einem ansprechenden Schiffsdesign, sie lässt einem auch erstaunlich viel Freiraum bei der Gestaltung seines Urlaubs. In den Lounge-Landschaften unter freiem Himmel wie der Seaview Terrace ganz vorn am Bug oder auf den Sofas entlang der Reling auf Deck acht kann man ungestört ein Buch lesen oder beim Blick aufs Meer hinaus den Gedanken freien Lauf lassen. Dem Wetter wird mit Deckenstapeln in den zahlreichen Handtuchregalen am Deck Rechnung getragen, aber Frostbeulen mag es in den Lotus Spa mit Sauna, Dampfbad und Sprudelbad mit Regendusche ziehen. Dennoch: Draußen in der Sonne lässt es sich dank ausgeklügeltem Windschutz auch deckenlos aushalten. Ein Markt, der wächst und wächst Kreuzfahrten zählen zu den wenigen wachsenden Bereichen der Reisebranche, die Konzerne Royal Caribbean und Carnival (zu dem auch Princess gehört) operieren mit insgesamt mehr als 160 Schiffen weltweit. Die Star Princess ist das neueste Princess-Schiff, vom Stapel gelaufen 2024 in der italienischen Fincantieri-Werft nordöstlich von Venedig. Auf dem beliebten Trip von Seattle nach Alaska sind außer uns noch mindestens drei andere Schiffsgiganten mit klingenden Namen auf dieser Route unterwegs – die Disney Wonder, die Ruby Princess, die Carnival Miracle. Wem das Loungen zu langweilig ist, der hat zahllose weitere Optionen, die in einer Woche kaum auszuschöpfen sind. Wer will, kann den ganzen Tag (oder die halbe Nacht) im Casino verbringen, durch die Schmuck- und Uhrenläden auf Deck 7 und 8 streifen, am Hauptpool auf Deck 17 bei wummernder Musik und Pina Colada den Tag verstreifen lassen oder, exklusiver, im privaten Sanctury, einem Sonnen- und Pooldeck auf Deck 18. In der Piazza im Innenbereich, einer kreisrunden, drei Decks aufragenden Arena mittschiffs, finden von morgens bis abends Zumba oder Line Dance, Spiele zwischen Crew und Passagieren, Rockbandkonzerte, Artistenauftritte und andere Entertainment-Events statt. Außerdem werden an verschiedenen Locations Bibelstunden und LBGTQ-Treffen angeboten, Schabbat-Gottesdienste am Freitagabend und Zusammenkünfte der anonymen Alkoholiker, aber auch Kurse zum Serviettenfalten, Basketballmatches auf dem Sportdeck und Fußsohlenanalyse. Alkohol wird auf einem Kreuzfahrtschiff nie ausgehen Vollpension ist auf Kreuzfahrten üblich, und auf der Fressmeile auf Deck 8, die aus einem unglaublich langen, u-förmigen Buffet besteht, ist denn auch immer was los. Die zahlreichen Bars und Kneipen an Bord laden fast rund um die Uhr zum Picheln ein. Es gibt sogar einen Irish Pub, von mitreisenden Iren als passabel befunden. Aber Schnapsdrosseln fallen erfreulicherweise nicht auf. Getorkelt wird allerdings, als wir am zweiten Tag vor Vancouver Island in Sturmböen und Fünf-Meter-Dünung geraten. Dies mag nur Landratten als Seegang gelten, aber es reicht, um diesen Jumbo ins Wanken zu bringen. Zwar rutscht nicht etwa das Mobiliar hin und her; geradeaus Laufen ist indes so schwierig, dass bald der Witz die Runde macht, das rechte Maß an Tequila würde die Dinge wieder ins Lot bringt. An der Wake View Terrace am Heck der Star Princess schwappt der kleine Endlos-Pool gutgelaunt über den Rand, aber tatsächlich gewöhnt man sich bald an die taumelnde Welt. Frische Luft, grüne Äpfel und Ingwer, hören wir, sei Seekranken empfohlen, ebenso das Meiden von Bug und Heck und Oberdecks, wo es am stärksten schwankt. Am Abend beruhigt sich die See wieder: Wie es scheint, haben wir den Tribut für das Erreichen der Inside Passage entrichtet, einen insgesamt eintausendsechshundert Kilometer langen Seeweg durch die Fjorde des Pacific Northwest. Bald sind in der Ferne gletscherbedeckte Gebirge sichtbar – was für ein Ausblick! In einem der zahlreichen Vorträge des bordeigenen „Naturalisten“, eines Geologen mit dem schönen Namen Don Hellstern, konnte man an unserem Tag auf See lernen, dass rund 70 Prozent des Frischwassers auf diesem Planeten in Gletschern lagert – davon nur ein Prozent in Gebirgsgletschern und der Rest in der Antarktis und in Grönlands Eisdecke. Die hiesigen Gletscher indes tragen mit ihrem mineralhaltigen Abrieb entscheidend zum Nährstoffreichtum dieser Gewässer bei, die sie zu beliebten Futterplätzen von Buckelwalen und Orcas machen. Wie sich über die kommenden Tage zeigt, sind die Wale tatsächlich überall; nicht nur auf unserer Whale-Watching-Tour in Juneau, bisweilen auch von der Princess aus kann man Buckelwale blasen sehen, die Orcas ziehen mit ihren langen Rückenflossen elegante Bögen durch die Wasseroberfläche. Es ist klar, warum die Meeressäuger in der indigenen Kunst, auf Totempfahlschnitzereien, Kanuverzierungen, Decken und Ponchos eine zentrale Rolle spielen. Unglücklicherweise sind für die Wale die vielen Touristen, die hierherkommen, um sie zu bestaunen, eine Belastung. Der Lärm der Schiffspropeller sorgt für erheblichen akustischen Stress und Kommunikationsstörungen zwischen den Tieren, und in den schmalen Fjorden kommt es zu oft tödlichen Kollisionen. Die Kreuzfahrtgesellschaften sind angehalten, in den Fjorden langsam zu fahren, besonders dicht besuchte Futterplätze zu umfahren und nach Walen Ausschau zu halten, um Kollisionen zu vermeiden. Im Endicott-Fjord, an dessen Ende der Dawes-Gletscher aufragt, sind wir, wie es scheint, mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs. Links und rechts des Schiffs ziehen langsam kleine Eisberge in allen erdenklichen Blautönen vorbei. Während wir nach dem Knistern der Eisberge lauschen, von dem Hellstern uns erzählte, dreht das Schiff in Zeitlupe mehrere Pirouetten. Aber die Ohs und Ahs der Passagiere dominieren die Akustik, und dann brechen plötzlich die tiefhängenden Wolken auf, und ein berauschender Ausblick auf den Gletscher, das Fjord, die vor Regennässe glitzernden Berge nimmt die Sinne gefangen. Das aufgeregte Geschnatter an Deck verebbt zu einem ehrfürchtigen Flüstern, während die durchbrechenden Sonnenstrahlen diese enorme Landschaft aufleuchten lassen. Als voraus an Steuerbord ein silbern funkelndes kleines Ausflugsboot sich durch die Eisberge fädelt, verrückt sich die Perspektive: Plötzlich wirken die Eisberge gar nicht mehr so winzig. Eine Frage der Perspektive ist es auch für die Anwohner der kleinen Küstenorte, wenn die gigantischen Ozeankreuzer an den Kais festmachen. Ketchikan, ein Achttausend-Seelen-Nest, das nur per Boot oder Flugzeug erreichbar ist, liegt idyllisch an den Tongass Narrows zwischen schneebedeckten Gipfeln. Aber wenn die Kreuzfahrtschiffe ankommen, gucken die Leute aus ihren Häuschen am Hügel über der Stadt plötzlich auf einen riesigen Apartmentkomplex, der die Sicht fast völlig einnimmt. Wirtschaftlich freilich existiert längst ein symbiotisches Verhältnis zwischen den vielen kleinen Shops, Restaurants und Tourenunternehmen in den Ports von Ketchikan, Juneau und Skagway und den riesigen Kreuzfahrtschiffen, von denen hier oft drei oder vier gleichzeitig anlegen. Genevieve McFadden, Tlingit Haida und Mitarbeiterin in einem indigenen Laden wenige Schritte vom Kai in Juneau, sagt, dank der vielen Saisonarbeiter, die zwischen Mai und September hierherkommen, seien Wohnraum knapp und Mieten teuer. Aber die schiffsfreien Samstage, die man hier vor zwei Jahren ausprobierte, fielen flach: Das Geschäftsviertel wurde zur Geisterstadt. Und was ist mit dem Ausblick auf die Kreuzfahrtschiffe? Sie lacht. „Ich finde das ja immer noch faszinierend.“ Auch die Fischereiwirtschaft konzentriert sich längst auf die Schiffe: Man versorgt sie mit Lachs und Heilbutt, die zu den Klassikern auf den Speisekarten der dreizehn Restaurants an Bord zählen. Dreihundert Köche sind auf der Star Princess beschäftigt, wie der Großteil des Servicepersonals stammen die meisten aus Indonesien oder den Philippinen, wo der vergleichsweise schmale Verdienst mehr wert ist. Aber auch wenn das Geld stimmt, sind dies Knochenjobs, auf Verträge über jeweils sechs bis neun Monate begrenzt, mit kaum Freizeit und wenig Raum für Familie. Unser indonesischer Kellner im Sushi-Restaurant Makato berichtet, dass er acht Monate im Jahr zur See fährt und dazwischen vier Monate daheim bei seiner Frau und den zwei Kindern verbringt. Als wir am Vorabend unserer Rückkunft nach Seattle nach einem berauschenden Sonnenuntergang, den wir vom Balkon unserer Kabine aus genießen, unser Gepäck vor die Kabinentür stellen (zu den Services gehört, dass Princess-Mitarbeiter es gratis bei der Airline einchecken und man es nur noch am Heimatflughafen in Empfang nehmen muss), verabschiedet sich unser philippinischer Kabinensteward Haikal freundlich von uns. Ob er auch von Bord geht, wollen wir von ihm wissen. Nein, sagt er lächelnd, die Crew muss das Schiff in nur wenigen Stunden für den anschließenden Trip vorbereiten. Dann geht es auf die nächste Runde. Der Weg nach Alaska Anreise Lufthansa fliegt täglich von Frankfurt nach Seattle, am besten eine Übernachtung einplanen, bevor man am nächsten Tag an Bord geht. Auf der Rückreise legt das Schiff frühmorgens in Seattle an, es ist möglich, den Lufthansa-Flug nach Frankfurt gegen 14 Uhr am frühen Nachmittag des gleichen Tages zu erreichen. Die Häfen, die angelaufen werden sind: Seattle – Ketchikan -Juneau – Skagway – Victoria (Kanada) und wieder Seattle.  Preise rangieren zwischen 800 und 4500 Dollar, je nach Kabine (Innenkabine, Meerblick, Balkon oder Minisuite) und Saison mit Vollpension. Nicht enthalten sind Steuern und Hafengebühren, Trinkgelder und Sonderleistungen wie Wifi, Alkoholika und Landausflüge. In der Hochsaison (Juni, Juli, August) sind die Preise höher als im Mai oder September. Beste Reisezeit Mai bis September;  in den hohen Breitengraden kann es auch im Sommer kühl, windig und regnerisch sein, entsprechende Kleidung ist vor allem für die Landausflüge geboten. Mehr Information unter : www.princesscruises.de