FAZ 11.03.2026
08:40 Uhr

Kounis-Syndrom: Eine übersehene Ursache für Herzinfarkte


Allergien gegen Medikamente oder Nahrungsmittel können Herzinfarkte durch Gefäßkrämpfe auslösen. Dieses seltene Kounis-Syndrom bleibt oft unerkannt und ist schwer zu diagnostizieren.

Kounis-Syndrom: Eine übersehene Ursache für Herzinfarkte

Der Mann wollte sich bloß die Prostata operieren lassen, doch der 78-Jährige stirbt fast. Vor der OP spritzt der Arzt ihm Amoxicillin – das Antibiotikum soll das Risiko für Infektionen verringern. Kurz darauf sagt der Mann, es jucke in seiner Kehle, er fühle sich unwohl und habe Schmerzen in der Brust. Als der eilig herbeigerufene Kardiologe kommt, ist der Mann blass und schwitzt, er klagt über heftige Schmerzen. All das spricht für einen Herzinfarkt, der dann auch deutlich im EKG zu erkennen ist. In der Angiographie sehen die Ärzte aber keinen Verschluss einer Herzkranzarterie. Ein findiger Arzt kommt auf die Idee, die Tryptase im Blut zu bestimmen, ein Marker für allergische Reaktionen. Tatsächlich ist sie auf mehr als das Dreifache gestiegen. Der Mann berichtet, er habe vor Jahren bei einer Zahnbehandlung Amoxicillin bekommen, und da hätten ihm die Handflächen danach gejuckt. Allergietests bestätigen: Der Mann ist allergisch auf das Antibiotikum, und die Allergie hat seinen Herzinfarkt ausgelöst. Seit der griechische Kardiologe Nicholas Kounis im Jahr 1991 die „Doppel-Symptome“ zum ersten Mal beschrieb, werden sie Kounis-Syndrom genannt. „Möglicherweise übersehen wir einige Fälle“ Die Geschichte des Prostata-Patienten ist kein Einzelfall. Immer wieder berichten Ärzte in der letzten Zeit über solche allergischen Infarkte. Auslöser gab es diverse: Medikamente, Kontrastmittel, Dialyseflüssigkeit, Latex, Insektengift oder Nahrungsmittel. Bisher fehlen jedoch eindeutige Kriterien für die Diagnose. „Hierfür bräuchte es umfangreiche Studien“, sagt Peter Schmid-Grendelmeier von der Uniklinik Zürich. „Es ist leider aufwendig, genügend Patienten zu finden und solche Studien zu finanzieren.” In einer der größten Datenanalysen erlitten von 235.420 Patienten, die wegen allergischer Reaktionen stationär aufgenommen werden mussten, 2616 ein Kounis-Syndrom. „Möglicherweise übersehen wir einige Fälle, weil die Herzinfarkt-Symptome im Vordergrund stehen und man später nicht daran denkt, diese abklären zu lassen“, sagt Thomas Lüscher, Präsident der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie. Welche für Untersuchungen nach einem Infarkt empfohlen werden, steht detailliert in den Behandlungsleitlinien, doch das Kounis-Syndrom ist hier nicht aufgeführt. „Ich finde das richtig“, sagt Lüscher. „Wir wissen noch zu wenig darüber, um den Ärzten valide Handlungsanweisungen geben zu können.“ Die Hypothese ist, dass durch die Allergie Immunzellen – Mastzellen – im Herzgewebe aktiviert und Botenstoffe ausgeschüttet werden. Die führen dazu, dass sich die Herzkranzgefäße krampfartig zusammenziehen oder dass Blutgerinnsel oder abgelöste Arteriosklerose-Plaques ein Gefäß verstopfen. Die Konsequenz ist immer die gleiche: Die Arterie wird schlechter durchblutet, das Herzgewebe droht abzusterben. Behandelt werden müssen beide Probleme sehr schnell. Für das Herz etwa Medikamente spritzen, die Blutgerinnsel auflösen, verkrampfte Gefäße erweitern oder ein verschlossenes Gefäß mit einem Ballon aufdehnen und ein Drahtgestell einlegen. Gegen die Allergie bekommt der Patient antiallergisch wirkende Medikamente und im Falle eines Schocks Adrenalin. Ältere Allergiker sollten dennoch keine übertriebene Angst haben, sagt Schmid-Grendelmeier. Die Wahrscheinlichkeit, einen gewöhnlichen Infarkt durch Arteriosklerose zu bekommen, sei viel höher. „Aber wenn man nicht nur Zeichen für einen Infarkt hat, sondern noch allergische Symptome, sollte man eine mögliche Allergie abklären.“ Juckreiz, Ausschlag, Asthma-Attacke, Schwellungen des Gesichts oder gar ein allergischer Schock seien Warnzeichen. Fast unmöglich sei die Diagnose zu stellen, wenn man „nur“ Herz-Symptome aufweise. Tipp des Mediziners: „Bei jedem Infarkt ohne verengte Gefäße an eine Allergie denken. Vor allem, wenn man früher schon auf einen Stoff allergisch reagiert hat.“ Das sollte man dem Arzt unbedingt mitteilen.