Grüne Themen sind etwas aus der Mode gekommen. Noch vor wenigen Jahren gingen Millionen für sie auf die Straße. Heute überlagern KI und Krieg alles. Da aber gleichzeitig die Dringlichkeit mit jeder Hitzewelle und jedem Waldbrand wächst, werden die, die den Schutz von Natur und Klima nicht abschreiben wollen, zunehmend in Verzweiflung getrieben. Aus Fridays for Future wurde die Letzte Generation, die sich heute in Survival-Camps auf den Kollaps vorbereitet. Diesen Schwenk zur Apokalypse vollzieht auch der Philosoph der Bewegung, Kohei Saito, der vor drei Jahren noch den „Systemsturz“ und einen ökomarxistischen Degrowth-Kommunismus propagierte. Daraus, schreibt er in seinem neuen Buch, werde nun doch nichts. Der Klimawandel sei bereits zu weit fortgeschritten, die Kipppunkte beinahe erreicht. Man könne sich nur noch anpassen an eine immer unwirtlichere Umwelt – Selbsterhaltung statt Selbstverwirklichung lautet Saitos ernüchterndes Credo, denn „die Zukunft wird finster“. Von Technik will Saito nichts wissen Wer das leugnet, mache sich etwas vor – oder uns. Elon Musk, der ein Ende des Mangels dank KI verkündet, wolle uns täuschen, denn der malträtierte Planet gebe immer weniger her. Das globale Bruttoinlandsprodukt werde sinken. Die Qualität der Nahrungsmittel nehme schon heute ab. Wir werden uns wieder mit dem Hunger befassen müssen, so Saito in seinem schwarzen Buch, das vielleicht den Höhepunkt einer Vertauschung der Positionen bildet: Früher dachten Linke tendenziell optimistisch und Rechte tendenziell pessimistisch, seit gut 100 Jahren aber sehen Linke schwarz, und Rechte sind zuversichtlicher, was etwa den Fortschritt der Technik anbelangt. Von Technik will Saito nichts wissen. Sie sei das Instrument des „Technokapitalismus“, den er mit Marx als höchstes Stadium des Kapitalismus bezeichnet, in dem die Rente den Profit verdränge. Der Kapitalismus erzeuge nichts mehr, zernage sich selbst, ohne dass etwas Besseres käme. Im Gegenteil: Es komme der Tech-Faschismus, der schon begonnen habe, wenn Trump, Musk, Yarvin und Andressen die technologische Beschleunigung auf Kosten der ärmeren 99 Prozent bejubeln. Saito bedient sich durchweg eines endzeitlichen Vokabulars: „Apokalyptische Reiter“ (Hunger, Krieg, Seuchen etc.) verheerten die Welt, es drohe ein Leben in der „Hölle“. Dagegen setzt Saito, der Prophet, der uns nicht schont, auf Parrhesia, Wahrsprech. Mit Formulierungen wie „Man muss es sagen, wie es ist“ oder „Ich sage es ganz unverblümt“ leitet er seine dunklen Erkundungen der Zukunft ein, die eine Mischung aus Tech- und Ökofaschismus bringen werde: Ein Prozent Superreiche, unbeirrte Extraktivisten, versuchen ihr Lebensmodell aufrechtzuerhalten, greifen zu autoritären Mitteln, um noch einmal die untergehende Moderne aufzuführen. Ein Kommunismus aus Not? Aber so herrisch sie auch auftreten, die wahre Diktatorin, der geheime Souverän, ist für Saito die Natur. Während herkömmliche Materialisten nur Interaktionen der Oberflächenerscheinung Mensch berücksichtigen, stellt Saitos Hypermaterialismus die Frage nach der Basis der Basis und entdeckt mit Marx einen „Riss im Stoffwechsel“ mit der Natur, der nicht mehr zu kitten sei. Die moderne Dreieinigkeit von „Wachstum“, „Fortschritt“ und „Individualismus“ gehe zu Ende. Es breche die „Postmoderne“ an, die bei Saito nicht als verwegenes Spiel der Zeichen auftritt, sondern als realer Tanz der versteinerten Verhältnisse, die noch fester, unerbittlicher, härter werden. In diesem Äon werde auch der Kommunismus ein anderer, an dem Saito, der mit allen Wassern der Dialektik gewaschene Marxist, festhält. Gerade weil es so schrecklich werde, sei der Kommunismus notwendig. Er entspringe nicht mehr, wie sich das Marxisten früher dachten, der Überflussgesellschaft, werde nicht zum Organisator der überbordenden Freiheitsmittel, sei kein Schlaraffenlandgarant, sondern eine ziemlich triste Veranstaltung, die den Verzicht organisiert. Saitos Kommunismus bedeutet Einschränkung, Kargheit, Rücknahme menschlicher Subjektivität – und erinnert an den DDR-Ökomarxisten Wolfgang Harich, der vor 50 Jahren angesichts des Club-of-Rome-Berichts einen globalen „Babeuf“ vorschlug, der die schwindenden Ressourcen gerecht verteilt. Damit es kein Hauen und Stechen gibt, müsse ein zentraler Plan dafür sorgen, dass alle gleich viel abgeben. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied: Harichs globaler Babeuf entspricht Saitos „Klima-Maoismus“ einer weltumspannenden Ökodiktatur, die Saito zwar auch will – jedoch unterstützt von zivilgesellschaftlichen Initiativen. „Sozialismus von oben“, aber „Kommunismus von unten“ lautet seine Formel. Vorbilder findet Saito in der Nebengeschichte der Moderne: Allendes kybernetischer Sozialismus, der heute realistischer sei als damals, weil die Computer besser sind, Ecuadors „Buen Vivir“-Konzept und das Rote Wien, das sich gegen den Faschismus stellte, so wie heute Mamdanis „rotes New York“ die Wärme des „Kollektivs“ gegen Trump beschwört. Doch so richtig verlockend klingt das alles nicht. Baden im Kältestrom Nach 300 Seiten Katastrophenbeschreibung bleibt der Eindruck: Vielleicht hat Saito ja recht. Vielleicht bleibt nur der Kommunismus in der Barbarei, um die totale Barbarei abzuwehren. Aber schön wird er wohl nicht. Es ist ein ziemlicher Kältestrom, in den der Autor seine Leser wirft. Man sehnt sich nach den Öko-Entwürfen vergangener Jahre: Donna Haraways einträchtiges Gewimmel der Arten, Jane Bennetts gewitzte Materie, Rosi Braidottis gut gelaunter Posthumanismus oder Bruno Latours Ode an Gaia. Saitos Kommunismus wirkt dagegen wie der nackte Zwang der Materie, die unerbittliche „Diktatur der Ökologie“. Vielleicht besteht ein Manko des Buches darin, dass es die religiöse Sprache nicht durchhält. Deren Vorzug ist die Evokation von Hoffnung, die Saito zwar wecken will, aber kaum erzeugt. Wo sind die Mythen und Bilder, die jemand wie Antonio Gramsci, auf den sich Saito beruft, gut gefunden hätte? „Dunkler Sozialismus“ ist ein phantastisches Bild, aber leider nur für die dunkle Seite, zu der sich Saito hingezogen zu fühlen scheint. Hat nicht auch die helle Seite ein paar Bilder verdient? Bilder etwa, die dem Kommunismus neben seiner proletarischen Mission eine aristokratische Note verpassen: einschränkungsbereit, asketisch, aber frohgestimmt. Und ohne Angst vor dem, was kommt. Kohei Saito: „Am Ende des Fortschritts“. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus. Aus dem Japanischen von Gregor Wakounig. dtv Verlag, München 2026. 368 S., geb., 26,– €.
