FAZ 16.09.2026
14:21 Uhr

Kein „Free Palestine“: Was hat Ed Sheeran sich gedacht?


Müssen auch Schmusekonzerte Platz für politische Parolen bieten? Der Sänger Ed Sheeran hat sich dem Bekenntniszwang im Nahostkonflikt sanft zu entziehen versucht – und damit doch polarisiert.

Kein „Free Palestine“: Was hat Ed Sheeran sich gedacht?

Was ist kurioser: dass ein Popstar sich einer Meinungsäußerung zum Thema Palästina enthält oder dass andere Popstars bei einer Tournee in seinem Vorprogramm nicht mehr auftreten wollen, weil sie sich auf der Bühne nicht zu Palästina äußern sollen? Der Bekenntniszwang im Sinne von „Free Palestine“ ist in der Popkultur zur Normalität geworden. Er ist ein T-Shirt-Spruch, ein Social-Media-Accessoire; mit Details einer Sachdebatte oder gar Expertise hat er selten zu tun. Gerne wird die Identifikation mit der Sache der Palästinenser durcheinandergeworfen mit anderer Identifikation, zum Beispiel mit der Sache der Iren. Ob das sinnvoll ist, darüber könnte man länger nachdenken. Auf Bühnen in ganz Amerika nur zwei Worte sagen? Der 1991 geborene britische Schmusesänger Ed Sheeran hat sich zur Sache Palästinas gar nicht geäußert, nur gesagt, dass der Nahostkonflikt ihn erschrecke. Er habe dazu eine Meinung, die er aber aus der Öffentlichkeit heraushalte und nicht auf seinen Konzerten kundtun wolle. Das, dieses Freihalten eines Popkonzerts von Bekenntniszwang, wird heute nicht nur als außergewöhnlich empfunden, sondern als ungehörig, ja skandalös. Aber er habe doch, so der 1983 geborene amerikanische Rapper Macklemore laut Medienberichten, auch deshalb zugesagt, mit Ed Sheeran auf Tournee zu gehen, damit er „auf Bühnen und in Stadien in ganz Amerika stehen und zwei Worte sagen kann, die mir sehr am Herzen liegen: Free Palestine“. Sheerans Tourveranstalter hatte etwas dagegen und schloss Macklemore von geplanten Konzerten aus, auch weil dessen Ankündigung ihrerseits für Protest gesorgt hatte, etwa vom Israeli-American Council (IAC). Macklemore ist schon vor Jahren durch den Auftritt im Kostüm eines orthodoxen Juden aufgefallen, das als üble antisemitische Karikatur aufzufassen war. Sheeran selbst teilte mit, er habe mit „Aktivisten auf beiden Seiten“ gesprochen, um eine gemeinsame Lösung zu finden, aber ohne Erfolg. Nach dem Ausschluss Macklemores kündigten weitere Musiker an, nicht mehr als sogenannte Support Acts für Sheeran auftreten zu wollen. Sie erhielten Zuspruch unter Aufbietung großen Meinungsfreiheitsgeschützes. Wem das Polarisieren dient und wem nicht Gut möglich, dass das Verhalten aller Musiker beziehungsweise das ihrer Managements auch von Kalkül bestimmt ist. Bei Superstars, wie Sheeran einer ist, lautet es, möglichst nicht zu polarisieren. Den weniger bekannten Musikern könnte gerade das Polarisieren dienlich sein – generell kann man sich die Verdorbenheit in dieser Aufmerksamkeitsökonomie womöglich nicht schlimm genug vorstellen. Aber selbst wenn das so ist, enthält Sheerans Statement noch einen interessanten Aspekt. Er wolle seine Auftritte vor allem deshalb nicht zur politischen Meinungsäußerung nutzen, weil unter seinen Zuschauern viele junge Menschen, auch Kinder, von überallher seien. Für sie wolle er einen „Ort der Sicherheit und Zuflucht“ schaffen. Auch das wird von vielen Aktivisten gewiss schon als Provokation verstanden, als Zynismus gar – aber ist es wirklich so abwegig? Man müsste noch nicht einmal speziell für die Kinder argumentieren, um Sheerans Einschätzung für weise, ja erfrischend zu halten. Erfrischend, weil es so unglaublich langweilig und kaum weltverbessernd wäre, wenn Theateraufführungen, Filmfestivals, Buchmessen und sogar Schmusekonzerte nur noch Abschussrampen für Parolen sein sollten, wie gut sie auch immer gemeint sein mögen.