Auf der Matte kämpfen zwei Männer miteinander. Der Mann mit dem weißen Gürtel auf der Taille liegt mit dem Rücken auf dem Boden und versucht, sich aus dem Griff des Mannes über ihm zu befreien. Der Mann über ihm, der einen schwarzen Gürtel trägt, lässt den Weißgurt nicht los, beherrscht ihn mit seinem Körper. Bis ihm dieser mit der Hand auf den Rücken klopft – das Zeichen seiner Aufgabe. Der Schwarzgurt lässt ihn los, dann beginnt der Bodenkampf von vorn. Es ist ein Freitagmorgen im Sommer, im Kingdom Headquarter in der Frankfurter Innenstadt findet die Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) Morning Class statt. BJJ ist eine Weiterentwicklung der japanischen Kampfsportarten Judo und Jiu-Jitsu, mit dem Ziel, den Gegner erst kontrolliert zu Boden zu bringen und dann im Bodenkampf mit Würgegriffen und Gelenkhebeln zur Aufgabe zu zwingen. Schläge und Tritte sind verboten. Man könnte meinen, man ist in Brasilien. Das liegt nicht nur an der dampfigen Wärme im Raum, sondern auch an der lateinamerikanischen Musik, die während des Trainings läuft. Von den knapp 20 Teilnehmern, von denen zwei Frauen sind, sind dagegen keine Geräusche zu hören während des Sparrings, im BJJ auch Rollen genannt. Nur ein akustisches Signal ertönt und verkündet das Ende der sechsminütigen Runde. „Ich weiß nicht, was die Jungen essen. Sie sind sehr stark“, sagt Ardalan Gharagozlou, der siegreiche Schwarzgurt, in der folgenden Trinkpause. Mit schwerem Atem erklärt er noch schnell das Gürtelsystem: Anfänger bekommen den weißen Gürtel, auf dem sie vier Streifen sammeln, dann folgen die Gürtel blau, lila, braun und schließlich schwarz. Ein Schwarzgurt, der unterrichtet, wird im BJJ Professor genannt. Ardalan hat zwölf Jahre bis zum schwarzen Gürtel gebraucht. Prüfungen gibt es im Kingdom aber nicht. Headcoach Jan Basso entscheidet, wann jemand bereit ist für den ranghöheren Gürtel. Die nächste Sparringrunde beginnt. Die Teilnehmer suchen sich einen neuen Partner, klatschen sich kurz ab und beginnen den Kampf. Es ist ersichtlich, dass es längst nicht einfach darum geht, stärker zu sein, sondern vor allem, die richtige Technik zu beherrschen. Besonders wenn die beiden Frauen gegen die kräftigeren Männer kämpfen, fällt das auf. Headcoach Jan – oder auch Professor Jan – ist ein Teil des Ganzen, kämpft selbst mit. Regelmäßig gehen die Gürtel auf, verrutschen die Anzüge, im BJJ „Gi“ genannt. Es gibt Anzüge in Blau, Weiß und Schwarz, die unterschiedlichen Farben haben keine Bedeutung. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es unzählige Kampfsportschulen, die verschiedene Kampfstile anbieten: Krav Maga, Wing Tsun, Mixed Martial Arts, Kickboxen, Karate, um nur ein paar zu nennen. Einige haben Selbstverteidigung im Namen, andere nennen sich Kampfsportschule oder Kampfkunstschule, manche haben beides im Namen. Aber was ist der Unterschied? Beim Kampfsport, wie BJJ, geht es vorrangig um den sportlichen Wettkampf, darum, einen Gegner zu dominieren. Das lässt sich während des Rollens gut beobachten. „BJJ ist wie menschliches Schach“, sagt Ardalan und gibt damit einen Hinweis darauf, warum ein Schachbrett auf dem Tresen im Eingangsbereich des Kingdom Headquarter steht. „Für jede Bewegung gibt es eine Antwort. Es gibt so viele Möglichkeiten, du lernst immer wieder etwas Neues, egal mit wem du kämpfst, auch von einem Weißgurt.“ Mal sei man wie die Farbe Weiß im Schach und führe den Angriff aus, mal sei man die Farbe Schwarz und erwidere Angriffe. Ardalan fasziniert auch am BJJ, dass es keinen Lucky Punch gebe. „Du musst dich mit dir selbst beschäftigen, mit dem, was du falsch gemacht hast. Es ist der einzige Sport, bei dem du ganz genau weißt, warum du verloren hast. Du hast eine falsche Entscheidung getroffen. Es ist wie im Leben“, erzählt Ardalan. Im traditionellen Taekwondo gibt es Familienstunden In der Kampfkunst dagegen liegt der Fokus nicht auf dem sportlichen Wettkampf, sondern es wird ein ganzheitlicher Aspekt verfolgt. Kampfkünste folgen häufig einer langen Tradition, mit Ursprung im Fernen Osten. Und Kämpfe mit Körperkontakt finden grundsätzlich nicht statt. Zu beobachten ist das an einem frühen Dienstagabend. Gut 20 Schüler haben sich eingefunden, im Dojang in Kriftel des Taekwon-Do Centers Main-Taunus & Hoch-Taunus. Es ist Familienstunde, und sowohl Kinder als auch Männer und Frauen unterschiedlichen Alters sind gekommen. Sie stehen in Reihen hintereinander, während Meister Terry Meyer, der die Stunde gibt, zum Aufwärmen Hampelmänner machen lässt, Hampelmänner im Sprung, Armkreisen im Sprung. Dabei zählen die Schüler nacheinander von eins bis zehn – auf Koreanisch. Taekwondo hat seine Wurzeln in Korea, und so schmücken eine koreanische und eine deutsche Fahne eine Wand des Dojang. „Traditionelles Taekwondo ist ein Weg der persönlichen Entwicklung. Natürlich lernen wir Tritte, Schläge und Selbstverteidigung, doch das eigentliche Ziel ist, einen starken Charakter zu formen. Respekt, Disziplin, Höflichkeit und Selbstbeherrschung stehen dabei immer an erster Stelle. Ein guter traditioneller Taekwondo-Schüler gewinnt nicht gegen andere – er lernt, sich selbst jeden Tag ein Stück zu verbessern“, sagt Großmeister Oliver Lehmann, Leiter des Taekwon-Do Centers Main-Taunus & Hoch-Taunus. Während des Trainings läuft keine Musik, auch Trinkpausen gibt es nicht. Und hier sind alle Anzüge, „Doboks“, weiß. Nach dem Aufwärmen zeigt Meister Terry eine Abfolge von Armblocktechniken rechts und links: Hochblöcke, Tiefblöcke, Handkantenblöcke. Jeder Block bekommt eine Zahl, Meister Terry nennt die Zahlen in unterschiedlicher Reihenfolge. Für die Schüler gilt es, bei der richtigen Zahl den richtigen Block inklusive Konterschlag auszuführen. Bei den Schlägen stoßen sie einen Kampfschrei aus, die Kinder sind am lautesten. Meister Terry trägt den schwarzen Gürtel und damit den ersten Dan, den ersten Meistergrad. Im traditionellen Taekwondo werden Prüfungen absolviert, um den ranghöheren Gürtel zu erreichen. Zwischen dem weißen und dem schwarzen liegen die Farbgürtel gelb, grün, blau und rot. „Eine Gürtelprüfung zeigt, ob der Schüler bereit ist, den nächsten Schritt auf seinem Weg zu gehen. Geprüft werden Techniken, Formen, Partnerübungen, Selbstverteidigung und auch Bruchtests. Insbesondere das Durchhaltevermögen wird geprüft“, erklärt Oliver Lehmann, selbst Träger des siebten Dans. Das Training ist facettenreich. Nach Dehn- und Kräftigungsübungen folgen Partnerübungen, in denen verschiedene Kickkombinationen geübt werden. Meister Terry versucht, die Partner nach der Größe anzupassen, ansonsten stehen sich hier Jung und Alt gegenüber, die Gürtelfarben gemischt. Laut Großmeister Oliver Lehmann sei Taekwondo für jeden geeignet, gleich welchen Alters oder Geschlechts. „Kinder lernen spielerisch Disziplin und Koordination. Jugendliche entwickeln Selbstvertrauen und Verantwortung. Erwachsene finden einen Ausgleich zum Alltag und verbessern ihre körperliche Fitness. Im Dojang zählt nicht, wie alt jemand ist oder wie stark er bereits ist. Entscheidend ist die Bereitschaft zu lernen.“ Wie hoch ist das Verletzungsrisiko? Ein wesentlicher Teil des Taekwondo-Trainings besteht aus dem Formenlauf. Eine Form ist ein vorgestellter Kampf, eine festgelegte Abfolge von Blöcken, Schlägen und Kicks. Die anwesenden Schüler laufen verschiedene Formen, als Meister Terry sie auffordert, jeweils ihre höchste Form zu laufen. Durcheinander führen sie ihre Kampfbewegungen aus, kommen sich in die Quere, müssen den Überblick behalten, um sich nicht zu berühren oder jemanden zu treffen mit ihren Schlägen und Kicks. Es sieht nach mentaler Höchstarbeit aus, insbesondere wenn mit der körperlichen Erschöpfung die Konzentration schwindet. Da verwundert es nicht, dass eine Studie, die untersucht hat, welche Auswirkungen Taekwondo-Training ohne Körperkontakt bei Anfängern von 40 Jahren an hat, verbesserte kognitive und motorische Fähigkeiten nachweisen konnte. Und wie unterscheiden sich Kampfkunst und Kampfsport, wenn es um Verletzungen geht? Während des Rollens im BJJ kämpft nicht jeder Teilnehmer jede Runde mit. Einer der am Rand sitzen bleibt, hat im vorangegangenen Kampf einen Schlag ins Gesicht abbekommen. Verletzungen sind keine Seltenheit beim BJJ. Verschiedene Studien belegen ein hohes Verletzungsrisiko beim Rollen, vor allem Knie und Schultern sind betroffen. Und es gibt auch Berichte über Karotisdissektionen, Risse der inneren Wandschicht der Halsschlagader, die bei einem Würgegriffmanöver im BJJ-Training entstanden sind. Diese Verletzung kann zu einem Schlaganfall führen. Auch Ardalan kann von Verletzungen erzählen: „Ich hatte zwei Bandscheibenvorfälle, ein Nerv ist gerissen, mein Knie war überdehnt.“ Er sagt, die Verletzungen seien sein Fehler gewesen, er hätte sich nicht richtig aufgewärmt und gedehnt. Und generell würden Verletzungen häufiger im Bereich des lila Gürtels auftreten, wenn man überhastig und übermotiviert sei. Im traditionellen Taekwondo könnten laut Großmeister Oliver Lehmann auch Verletzungen vorkommen. „Im traditionellen Taekwondo legen wir jedoch großen Wert auf saubere Technik, kontrolliertes Training und gegenseitigen Respekt. Das Ziel ist nicht, den Trainingspartner zu verletzen, sondern, gemeinsam besser zu werden.“ Bei der klassischen Selbstverteidigung, wie Krav Maga oder Wing Tsun, geht es weder um den sportlichen Wettkampf noch um Tradition oder Disziplin. Es kommt einzig darauf an, sich im Ernstfall schützen zu können. Nachdem der letzte Signalton ertönt, bleiben einige Teilnehmer der BJJ Morning Class erschöpft und schwitzend mit dem Rücken auf der Matte liegen. Darunter auch Headcoach Jan. Als alle wieder zu Atem gekommen sind, bilden sie einen großen Kreis, legen die Arme umeinander. Headcoach Jan bedankt sich und spricht ein paar Worte, anschließend geben sich alle die Hand. Fragt man Ardalan, was der Sport in seinem Leben verändert hat, ist die Antwort eindeutig: „Es hat das ganze Leben verändert. Ich bin sehr froh, dass ich BJJ kennengelernt und mich in den Sport verliebt habe.“ Im traditionellen Taekwondo beendet Meister Terry die Stunde so, wie er sie begonnen hat. Die Schüler drehen ihm den Rücken zu, richten Dobok und Gürtel. Als sie sich wieder zu ihm drehen, verneigen sich Meister und Schüler vor den Fahnen und voreinander. Anschließend wird auch hier ein großer Kreis gebildet, alle geben Meister Terry die Hand, Meister und Schüler bedanken sich beieinander für das Training. „Ich trainiere Taekwondo seit knapp 40 Jahren und habe erlebt, wie sehr diese Kampfkunst Menschen verändern kann. Der wichtigste Aspekt ist für mich nicht der Kampf, sondern die Persönlichkeitsentwicklung. Wer regelmäßig trainiert, gewinnt Selbstvertrauen, lernt Verantwortung zu übernehmen und entwickelt die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen ruhig und konzentriert zu bleiben. Die Selbstverteidigung ergibt sich daraus ganz selbstverständlich“, sagt Großmeister Oliver Lehmann. Der Respekt voreinander ist sowohl auf der Matte im BJJ, als auch im Dojang beim traditionellen Taekwondo spürbar.
