Es ist längst filmreif: Der Unicredit-Vorstandsvorsitzende, der Investmentbanker Andrea Orcel, greift nach der Commerzbank. Sein Ziel ist ein altehrwürdiges Kreditinstitut mit einer 155-jährigen Tradition, das sich dem deutschen Mittelstand verschreibt und die Finanzierung ihrer Kunden in guten wie in schlechten Zeiten sicherstellen will. David gegen Goliath. Wer hätte gedacht, dass eine Bankenübernahme mit so viel Emotionalität und verbalem Schlagabtausch geführt werden kann. Tatsächlich ist die beabsichtigte Übernahme der Commerzbank durch Unicredit mehr als nur ein weiterer Deal im europäischen Bankensektor. Sie gilt als ein Testfall dafür, ob Europa zu grenzüberschreitenden Champions findet oder ob die bekannten Hürden aus Politik, Aufsicht und Unternehmenskultur am Ende stärker sind als eine strategische Logik. Es gibt Argumente, die für eine Übernahme sprechen Es gibt durchaus Argumente für diese Transaktion. Größe ist im Bankgeschäft ein Wert an sich, weil Skaleneffekte greifen. Kosten für Regulierung, Aufsicht und IT lassen sich in großen Häusern effizienter umverteilen. Auch Geographie und Kundenportfolios können Pro-Argumente liefern: Unicredit ist in Italien stark und mit der vor Jahren übernommenen Hypovereinsbank im Süden Deutschlands sehr präsent. Die Commerzbank dagegen ist im heimischen Firmenkundengeschäft mit dem Mittelstand und in der Exportfinanzierung verwurzelt. In der Theorie könnte daraus ein Institut entstehen, das breiter aufgestellt ist und über deutlich mehr Kapitalstärke verfügt als beide Institute getrennt. Doch Unicredits Plan führt nicht mit einer wirtschaftlichen Logik allein zum Erfolg. Die Gefahren scheint Orcel im Eifer des Gefechts zu unterschätzen. Bankfusionen scheitern nicht an der Idee, sondern an der Umsetzung. Banken sind komplexe Risikomaschinen, deren Alltag von Datenqualität, Kreditprozessen, internen Kontrollen und Risikokultur abhängt. Die IT-Integration ist eine große Hürde Wer zwei Finanzinstitute zusammenführt, muss riesige IT-Landschaften übertragen. Inzwischen ist es ruhiger darum geworden, aber kaum jemand dürfte gerne an die IT-Zusammenführung von Postbank und Deutscher Bank zurückdenken. Der Prozess dauerte ewig, er verärgerte Kunden und kostete die Bank Millionen. Einige Führungskräfte verloren ihren Job. Selbst wenn die Technik am Ende funktioniert, entscheidet oft etwas weniger Greifbares über Erfolg oder Misserfolg: ob Teams, Führung und Kultur zusammenfinden oder sich gegenseitig blockieren. Aus geplanten Synergien wird dann schnell ein Restrukturierungsprojekt, in dem nichts mehr vorangeht. Freuen wird sich darüber allein die nationale und internationale Konkurrenz. Es kann ihr kaum etwas Besseres passieren, als dass Wettbewerber über Jahre hinweg mit sich selbst beschäftigt sind. Nach einer Woche, in der sowohl Unicredit als auch die Commerzbank Zahlen vorgelegt haben, liegen alle Argumente nun auf dem Tisch. Es ist allein Sache der Aktionäre, ob sie an die Übernahme oder Eigenständigkeit der Commerzbank glauben. Dass sich dabei aber die deutsche Politik einmischt, ist das eigentliche Problem dieser Übernahme. Politik sollte sich heraushalten Für viele Beobachter gilt die gelbe Bank als Teil der finanziellen Infrastruktur der deutschen Wirtschaft. Das schafft Erwartungen an Verlässlichkeit, an Präsenz und an die Finanzierung des Mittelstands. In diesem Umfeld wirkt der Gedanke an einen ausländischen Eigentümer schnell wie ein Kontrollverlust, unabhängig davon, ob er ökonomisch begründet ist. Der Reflex ist bekannt und in Europa ein wiederkehrendes Muster: Man bekennt sich zur Bankenunion und zum europäischen Finanzmarkt, möchte aber im Zweifel die wichtigsten Hebel national behalten. Das derzeit so oft gesungene Lied der europäischen Souveränität wirkt dabei allerdings schaurig schräg. Dass sich die deutsche Bundesregierung so vehement gegen diese Transaktion stellt, mag der Gefühlslage von Commerzbank-Mitarbeitern und Management entsprechen, ist aber deplatziert: Der deutsche Staat ist noch immer mit 12 Prozent an der Commerzbank beteiligt – ein Relikt aus der Finanzkrise, die inzwischen fast 20 Jahre zurückliegt. Merz und Klingbeil halten Unicredits Vorgehen für feindlich Doch der Staat hat in einer inzwischen sanierten und an der Börse notierten Privatbank nichts zu suchen. Es ist geradezu aberwitzig, dass nun sogar Gerüchte kursieren, die Regierung könne zur Rettung der Commerzbank ihren Aktienanteil wieder aufstocken. Ganz abgesehen davon, dass der weitere Erwerb von Staatsanteilen von Banken gegen EU-Regeln verstoßen dürfte, wäre dieser Eingriff in marktwirtschaftliche Prozesse unverzeihlich. Bundeskanzler Friedrich Merz und Finanzminister Lars Klingbeil halten Unicredits Vorgehen für feindlich. „So geht das nicht“, sagte Merz kürzlich. Aber wäre den Politikern ein alternativer Investor aus Frankreich, den USA oder Qatar lieber? Wie freundlich muss ein Kaufinteressent denn auftreten, und wer definiert dafür die Regeln? In einer Zeit, in der Deutschland ganz besonders auf ausländisches Geld angewiesen ist, um die lahmende Wirtschaft wieder zum Laufen zu kriegen, dürfte die politische Einmischung für ausländische Investoren mehr als irritierend sein. Man muss Andrea Orcel nicht mögen und kann sein Vorgehen kritisieren. Vielleicht scheitern seine Pläne auch aus guten Gründen, aber der Italiener geht mit einer Zielstrebigkeit zu Werke, die im teils so behäbig wirkenden Deutschland zumindest bemerkenswert ist. Unicredit und die Commerzbank haben in diesem Übernahmekampf ihre jeweils eigene, sehr nachvollziehbare Agenda, aber die Bundesregierung wirkt in diesem Fall planlos. In der Tat: So geht das nicht.
