Die Frankfurter Buchmesse hat am Dienstag mit dem Appell an die Bundesregierung begonnen, auf europäischer Ebene rasch für die Regulierung Künstlicher Intelligenz zu sorgen. Trotz erster Klagen gegen Urheberrechtsverletzungen durch Penguin Random House und Carlsen fehle den meisten Verlagen das Geld, Prozesse zu führen, und die Zeit, Urteile abzuwarten, sagte Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz: „Wir brauchen ein schnelles und entschiedenes Eingreifen der Politik.“ Der am Dienstag veröffentlichte „Frankfurter Appell“ richtet sich daher an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung. Unterzeichnet haben ihn praktisch alle deutschen Verlage, bei denen Bücher erscheinen, die weithin besprochen und gelesen werden. Mit ihnen zusammen fordert der Börsenverein die Gesetzgeber in Berlin und Brüssel dazu auf, für einen „rechtlichen Rahmen mit klaren Verantwortlichkeiten und Pflichten für die Entwicklung und Nutzung“ generativer KI zu sorgen. So müsse zur „Transparenzpflicht für KI-Unternehmen“ die „Offenlegung der konkreten Trainingsdaten jedes Werkes“ gehören. Zudem müsse ein „Lizenzmarkt mit fairen Erlösmodellen“ entwickelt werden. Das europäische Urheberrecht müsse „durchsetzungsstark ausgestaltet“ werden: „Rechte, deren Verletzung folgenlos bleibt, sind nichts wert.“ Applaus für Boos Der eigens angereiste EU-Kommissar Glenn Micaleff, in der Brüsseler Kommission für die Kultur zuständig, unterstützte die Buchbranche auf der Eröffnungsfeier im Kongresszentrum der Messe Frankfurt in ihren Forderungen. Autoren und Werke seien vor der Ausbeutung durch KI ohne faire Entlohnung zu schützen. Es müsse effektive Wege zu Lizenzierung und Kompensation geben. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) sagte, die Mehrheit der europäischen Staaten stehe hinter dieser Haltung der Kommission. „Man kann nicht zulassen, dass Leute das geistige Eigentum anderer stehlen“, sagte Weimer. Gegen die Monopolisierungstendenzen der Tech-Branche sei kartellrechtlich und steuerrechtlich vorzugehen. „Wir werden Meta und Co. zwingen müssen, das Algorithmus-Modell zu ändern.“ Zudem sei bei Tiktok die Eigentumsfrage zu stellen und Tiktok Europa in eine europäische Gesellschaft zu überführen. Vor den Reden zum Auftakt der Messe gab es im Saal Harmonie des Kongresszentrums einhelligen Jubel für Buchmessedirektor Juergen Boos, der nach 21 Jahren an der Spitze der Bücherschau in den Ruhestand gehen wird. Boos erlaubte sich persönliche Worte und wandte sich an den Saal: „Bei Ihnen bedanke ich mich dafür, dass ich so lange Teil dieser wunderbaren Buchwelt sein durfte.“ Als Boos das Gastland Tschechien begrüßte, gab es laute Zwischenrufe aus Teilen des Publikums, weil Kulturminister Oto Klempíř auf der Leindwand zu sehen war. Die tschechische Literaturszene liegt im Zwist mit dem Politiker der rechtspopulistischen Autofahrerpartei. Klempíř erwähnte in seiner Rede, die immer wieder von Zwischenrufen einzelner tschechischer Zuschauer unterbrochen wurde, Marcel Reich-Ranicki und seine Wertschätzung deutscher Autoren aus Böhmen. Reich-Ranicki habe erlebt, was Ausgrenzung bedeute. „Ich bin mir sicher, dass der Dialog notwendiger ist als je zuvor“, sagte Klempíř. Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková hielt ihre Rede auf Deutsch. Sie benannte einiges, was tschechische Schriftstellerkollegen von ihr als literarischer Eröffnungsrednerin des Gastlands der Bücherschau gefordert oder erhofft hatten. Sie stellte ihrer Ansprache einen einzelnen Satz voran: „Die Staatsminister für Kultur, die die Literatur vernichten, kommen und gehen. Aber die Literatur bleibt.“ Die Hoffnung der Literatur sei es, Grenzen frei überwinden zu können. Die Frage sei: „Offene Demokratie oder geschlossene Gesellschaft?“ Bis zum Ende der Buchmesse stellt sich die Tschechische Republik als Ehrengast vor. 75 Autoren sind nach Frankfurt gekommen und auf dem Messegelände und in der Innenstadt zu erleben. Vom 9. Oktober an ist die Messe nach Fachbesuchertagen am Mittwoch und Donnerstag für jedermann zugänglich. Absatz von Büchern und Umsatz sinken auch 2026 Bereits vor der offiziellen Eröffnung wies die amerikanische Historikerin Jill Lepore in einem Eröffnungsvortrag darauf hin, dass mittlerweile fast alles Wissen, das einst in Büchern vorgelegen habe, in KI-Programmen enthalten sei, die einer Handvoll Techunternehmern gehörten. Lepores neues Buch „Die Regierung der Maschinen“ ist vor wenigen Tagen auf Deutsch erschienen. Der demokratisch verfasste Rechts- und Nationalstaat, eine Erfindung der vergangenen 250 Jahre, sei eine Staatsform, die auf Bücher gegründet gewesen sei, sagte die Harvard-Professorin und Pulitzer-Preisträgerin. Ungebändigte KI in den Händen von Silicon Valley bedeute nichts anderes als die „Rückkehr zur Tyrannei“. Vor diesem Hintergrund dürfe die Bändigung der KI nicht an die Buchbranche, Eltern, Kindergärten und Schulen abgetreten werden, sagte Guggolz. Sie sei eine genuin politische Aufgabe: „Wir Buchmenschen warten sehnsüchtig auf ein Zeichen.“ Kulturstaatsminister Wolfram Weimer habe zur Eröffnung der Buchmesse 2025 in diesem Sinne „sehr engagiert“ gesprochen: „Allein, wir sind praktisch auf demselben Stand wie vor einem Jahr.“ Auf der Buchmesse, die am 11. Oktober zu Ende geht, werden viele Gespräche auch darum kreisen, dass Verleger aus aller Welt KI als hilfreiches Werkzeug für ihre Arbeit erleben, wie Buchmessendirektor Juergen Boos sagte. Er tritt nach dem Ende der Bücherschau in den Ruhestand und wurde für seine 21 Jahre als Geschäftsführer mit dem Heinrich-Perthes-Preis des Börsenvereins ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des Verbands, der die Messe seit 1949 in Frankfurt veranstaltet. KI helfe Verlagen bei Manuskriptanalyse und Datenverwaltung, sagte Boos: „Es geht darum, wie die Branche KI nutzen und den Wert ihrer Werke sichern kann.“ Das ist umso entscheidender, als der Buchabsatz nach Angaben des Börsenvereins in den ersten acht Monaten des Jahres 2026 verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 3,7 Prozent zurückgegangen ist. Der Umsatz sank um drei Prozent. Guggolz führt diese Zahlen auch auf 30 Prozent weniger Absatz bei jungen Käufern im Alter zwischen zehn und 15 Jahren sowie die schwindende Lesekompetenz dieser Altersgruppe zurück. Erst kürzlich hatte die PISA-Studie festgestellt, dass ein Drittel der deutschen Fünfzehnjährigen nicht sinnentnehmend lesen kann. „Wir sind dabei, unsere Selbstbestimmung zu verlieren“, sagte er. Leseförderung müsse in der Bildungspolitik der Bundesländer nun „unbedingte Priorität“ haben. Bis zum Ende der Buchmesse stellt sich die Tschechische Republik als Ehrengast vor. 75 Autoren sind nach Frankfurt gekommen und auf dem Messegelände und in der Innenstadt zu erleben. Von Freitag an ist die Messe nach zwei Fachbesuchertagen am Mittwoch und Donnerstag für jedermann zugänglich.
