FAZ 07.09.2026
14:32 Uhr

Jehona Kicaj im Porträt: Für all das, was nicht zur Sprache kommt


In ihrem Debütroman „ë“ hat Jehona Kicaj vom Kosovokrieg und vom Leben in der Diaspora erzählt. Eine Buchpreisnominierung und viele Lesungen später ist da immer noch Schmerz, aber auch Dankbarkeit. Eine Begegnung.

Jehona Kicaj im Porträt: Für all das, was nicht zur Sprache kommt

Sprache kann befähigen und Identität schaffen. Sprache kann aber auch unterdrücken und überschreiben. Wer spricht, bringt sich mitunter in Gefahr. Wer nicht spricht, will bisweilen vergessen. Für Jehona Kicaj sind das nicht nur Phrasen, für sie ist es Wirklichkeit. Als Kleinkind war sie mit ihrer Familie aus dem von Serbien unterdrückten Kosovo nach Deutschland geflohen. Ihre Erfahrungen hat die heute 34 Jahre alte Autorin in ihrem Debütroman „ë“ verarbeitet. Der kürzeste Titel eines Buches, der je auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand – und doch steckt viel in diesem einen Buchstaben. Am häufigsten fragten Leute sie denn auch nach der Bedeutung dieses Titels, erzählt Kicaj bei ihrer Lesung im Berliner Buchhändlerkeller. Das „ë“ mit Trema, mit den zwei Punkten, ist ein sogenannter Schwa-Laut. Im Albanischen wird es am Ende eines Wortes nicht ausgesprochen, trotzdem hat es eine wichtige Funktion. Das „ë“ verändert die Betonung eines Wortes. Den Buchtitel habe sie für all das gewählt, was nicht zur Sprache komme, sagt Kicaj. Wie sie selbst lebt auch die namenlose Protagonistin des Romans in der Diaspora. Eines Morgens wacht sie mit einem Zahnsplitter im Mund auf. Sie knirscht mit den Zähnen, verarbeitet nachts das, was ihr am Tag nicht über die Lippen kommt. Die Last der familiären Kriegstraumata im Kosovo, die eigenen Erfahrungen als Tochter einer Einwandererfamilie in Deutschland. „An wen wird gedacht, wenn wir von Europa reden?“ Die Albaner im Kosovo litten jahrelang unter der systematischen Gewalt der serbischen Regierung. In den späten Neunzigerjahren ließ der damalige serbische Präsident Slobodan Milošević die Kosovo-Albaner vertreiben und ermorden, bis der umstrittene, nicht autorisierte NATO-Einsatz den Krieg beendete. In Deutschland gebe es kein Bewusstsein für den Kosovokrieg, sagt Kicaj. Schwer auszuhalten sei es gewesen, als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine in den Medien als erster europäischer Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet wurde: „An wen wird gedacht, wenn wir von Europa reden?“ Mit ihrem schwarzen Rollkragenpullover, den dunkelbraunen Haaren und der runden Brille sieht sie ernst aus, die zierliche Autorin hinter dem sperrigen schwarzen Holztisch im Buchhändlerkeller. In ihrer Stimme liegt eine eigentümliche Ruhe, als sie aus dem ersten Kapitel des Romans vorliest. Da ist nichts Mahnendes, nichts Verletztes. Während die Hände mit den roten Fingernägeln Seite für Seite umblättern, schaut sie ab und zu auf, selten jedoch. Präzise formt sie ihre Sätze, Wort für Wort. Setzt Pausen dann, wenn es sie braucht. So wie Jehona Kicaj spricht, so schreibt sie auch. Nüchtern und prägnant, ganz ohne Pathos. Umso mehr muss jedes Wort sitzen. Das Werk der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux habe sie dazu inspiriert, ihren eigenen Schreibstil zu finden, erzählt Kicaj am nächsten Tag im Café des Berliner Literaturhauses. Das erste Buch, das sie von ihr gelesen habe, sei die autobiographische Erzählung „Der Platz“ gewesen: „Obwohl diese Sprache so nüchtern war, kam so viel Schmerz durch ihre Worte.“ Von der Scham, dem Krieg entkommen zu sein Ein Schmerz, der auch in Kicajs Muttersprache liegt (oder Erstsprache, wie sie es nennt). Im Kosovo war es unter der serbischen Herrschaft in den Neunzigerjahren teils verboten, Albanisch zu sprechen, etwa an Schulen und Universitäten oder in Behörden. Das bekam auch Kicajs Familie zu spüren. Bei Grenzkontrollen zum Beispiel, als die Eltern die Kinder anwiesen, die albanischen Bücher unter den Autositzen zu verstecken. Was bleibt von einer Sprache, die nicht gesprochen werden darf? Ein konserviertes Albanisch, sagt die Autorin. Später sei es dann vom Deutschen verdrängt worden – wie bei so vielen, die in der Diaspora leben. Geboren wurde Kicaj 1991 in Suhareka. Der Vater arbeitete als Gastarbeiter in Deutschland und holte die Familie 1993 nach, nur wenige Jahre vor Beginn des Kosovokrieges. Sie selbst war damals anderthalb Jahre alt, die Jüngste von vier Geschwistern. Mit dem Bus ging es von Nordmazedonien bis nach Tschechien. Dann vom Grenzort Teplice mit dem Zug nach Göttingen, wo die Familie heute noch lebt. Drei Tage und drei Nächte. Wenn etwas schiefgegangen wäre, hätte das Geld nicht ausgereicht, um in den Kosovo zurückzukehren. Nüchtern, ja, fast losgelöst von alldem, was ihre Familie erlebt hat, erzählt sie von diesen Erfahrungen, während sie ihre Kaffeetasse umklammert hält. Meist einmal im Jahr besucht Kicaj ihre Tanten und Onkel, die Cousins und Cousinen im Kosovo. Das eigene Haus haben ihr Vater und ihre Brüder nach dem Krieg wieder aufgebaut. „Ein Zimmer war noch unversehrt. Da stand unsere Holzwiege, in der alle vier Kinder geschlafen hatten“, erinnert sie sich. „Das war im Grunde ein Wunder.“ Bisweilen habe sie Scham verspürt. Was, wenn sie dort geblieben wäre? Wäre sie nur bis zur neunten Klasse zur Schule gegangen wie ihre Cousinen? Hätte sie jetzt schon Kinder? Oder hätte sie trotzdem studiert? Über den Krieg spreche man in ihrer Familie selten: „Das sind natürlich sehr schmerzhafte Erfahrungen, die man damit wachrüttelt und bei Familientreffen nicht unbedingt zum Thema machen will.“ Es sei eine Herausforderung gewesen, diese Sprachlosigkeit in ihrem Roman darzustellen, sagt Kicaj. Schließlich entschied sie sich dafür, sie über die Krankengeschichte der Protagonistin und den Topos der Mundhöhle zu erzählen. Die Wörter fühlten sich an wie „Steine im Mund“, so beschreibt es die Protagonistin im Roman. „Was macht eine Albanerin auf dem Gymnasium?“ Mit sprachlichen Mitteln Sprachlosigkeit herzustellen, das habe für sie auch immer etwas „Kleistisches“, sagt Kicaj. Wenn sie über Heinrich von Kleist spricht, spürt man ihr die Begeisterung an. Figuren, die plötzlich erblassen oder erröten, die Oberlippe kräuseln oder die Augenbraue nach oben ziehen: Kleist lasse die Körper seiner Figuren sprechen. Während ihrer Studienzeit gab Kicaj Einführungsseminare zu seinem Werk. In Hannover studierte sie Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und auf Lehramt Philosophie und Germanistik: „Mit dieser Sicherheitsoption, das war als Arbeiterkind sehr wichtig für mich.“  Dass man künstlerisches Schreiben studieren und damit Geld verdienen könne, sei ihr nie in den Sinn gekommen. Vor allem, weil sie in der Schule negative Erfahrungen gemacht hatte: „Der Satz im Roman ‚Was macht eine Albanerin auf dem Gymnasium?‘ ist tatsächlich so gefallen.“ Rückblickend sagt sie, habe sie sich erst an der Universität richtig entfalten können, weil in der Schule die soziale Herkunft eine große Rolle gespielt habe. Nach dem Studium fing sie als Lektorin im Wissenschaftsverlag De Gruyter Brill an, wo sie auch heute noch arbeitet, und veröffentlichte erste Essays und Erzählungen. Eine dezidierte Auseinandersetzung mit der kosovarischen Perspektive aus der Diaspora habe ihr in der deutschen Gegenwartsliteratur immer gefehlt: „Da entstand so eine innere Dringlichkeit. Das Thema hat sich mir also im besten Sinne aufgedrängt. Ich konnte einfach nicht anders, als darüber zu schreiben.“ Mit „ë“ führt Kicaj das weiter, was Anna Kim in „Die gefrorene Zeit“ so eindrücklich beschrieben hatte: die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen und die psychische Last der Familien, deren Angehörige einfach verschwunden waren. Das bedeutet auch, die Leerstellen der eigenen Erinnerungen füllen zu müssen und schmerzhafte Erfahrungen wieder hervorzuholen. An eine Situation aus ihrer Kindheit erinnert sie sich noch genau. Im deutschen Kindergarten stand der Freibadbesuch an. Die Kinder sollten ein „Tuch“ mitbringen, ihre Mutter gab ihr daraufhin Taschentücher mit. „Dann kamen wir im Freibad an, alle breiteten ihre Handtücher aus“, sagt Kicaj. „Ich hatte keines und saß als Einzige auf dem Gras.“ Sie ist keine, die Lorbeeren einfordert Es sind solche Erzählungen, die ihren Roman prägen. Als sie beim Fasching als Einzige nicht verkleidet in den Kindergarten kam. Oder als sie ein Babyfoto in den Schulunterricht mitbringen sollte, solche Aufnahmen jedoch alle im Kosovo verbrannt waren. Dieses Mosaik aus Erinnerungen spiegelt sich auch in der fragmentarischen Erzählweise des Romans wider. „Ich habe immer gedacht, bevor ich das Manuskript abgebe, werde ich alles ausdrucken, auf den Boden legen und sinnvoll anordnen müssen“, sagt Kicaj über den Entstehungsprozess. Doch dann „war jede Episode bereits am richtigen Ort, und es wäre ein Gewaltakt gewesen, sie auseinanderzureißen“. Was ihre eigenen Erlebnisse sind und was fiktiv ist, das möchte die Autorin nicht unbedingt preisgeben. Manches könne sie selbst kaum unterscheiden, sagt sie. „Ich mache keinen Hehl daraus, dass meine Erfahrungen mit in den Roman eingeflossen sind. Aber auch Erinnerungen sind nachträglich konstruiert und zu Narrativen geformt.“ Kicaj ist keine, die ihr Privatleben in die Öffentlichkeit trägt. Keine, die Lorbeeren einfordert. Vielmehr bleibt sie höflich distanziert, bewegt sich vorsichtig auf dieser Bühne, auf der sie als Debütautorin und Buchpreisnominierte steht. Sie weiß, wie viel es braucht, um in diesem Business Erfolg zu haben. Zwei Drittel des Romans schrieb sie parallel zu ihrem Vollzeitjob als Lektorin, am Wochenende und morgens vor der Arbeit. Immer von sechs bis neun Uhr, Tag für Tag. „Das war schon hart. Schreiben war keine Erholung für mich“, sagt sie. Erst mehrere Stipendien verschafften ihr den Spielraum, die Stelle im Verlag zu reduzieren. Ihren „Brotjob“ würde sie für das Schreiben trotzdem nicht aufgeben. Zu groß seien die Ängste, dass der Erfolg irgendwann ausbliebe. „Es muss etwas da sein, das rauswill“ Die Stipendien ermöglichten ihr auch, in den Kosovo und nach Bosnien-Hercegovina zu reisen, nach Prishtina, Srebrenica und Sarajevo.  „Ohne die finanzielle Förderung wäre dieser Roman nicht entstanden“, sagt Kicaj. „Ich glaube kaum, dass ich mich ohne diesen Zuspruch selbst Autorin genannt und dieses Projekt mit voller Ernsthaftigkeit weiterverfolgt und zu Ende gebracht hätte.“ Was daraus entstanden ist, hat bei Lesern und Fachpublikum viel Anklang gefunden. Nicht nur stand „ë“ im vergangenen Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, mit ihrem Debütroman wurde Kicaj für den aspekte-Literaturpreis nominiert, erhielt den Literaturpreis der Stadt Hannover sowie den Debütpreis des Buddenbrookhauses. Dass ihr Roman in den großen Buchhandlungen ausliegt, sei für sie zwar „keine Selbstverständlichkeit“, aber doch eine Bestätigung, mit dem Schreiben weiterzumachen. Unter einer Voraussetzung: „Es braucht wieder diese Dringlichkeit. Es muss etwas da sein, das rauswill und das mich jeden Tag an den Schreibtisch zwingt.“ Am meisten berühre es sie, sagt Kicaj, wie viele unterschiedliche Leute sie mit ihrem Debüt erreicht habe. Bei Lesungen spricht sie mit Betroffenen des Kosovokrieges, mit ehemaligen DDR-Bürgern oder einfach mit jenen, die durch ihren Roman etwas dazugelernt haben. Die nun wissen, wie viel Bedeutung in einem einzigen Buchstaben stecken kann.