FAZ 09.08.2026
13:30 Uhr

Jazzrausch Bigband: Wenn die Kirche zum Dancefloor wird


Bässe pulsieren, Bläser hallen: Die Jazzrausch Bigband macht die Basilika im Kloster Eberbach zum Kopfhörer-Club. Sakrale Mauern beben zwischen Jazz und Techno.

Jazzrausch Bigband: Wenn die Kirche zum Dancefloor wird

Wie klingt eine Bigband in einer Basilika? „Beschissen“, sagt Roman Sladek, Leiter der Jazzrausch Bigband, mit trockenem bayerischem Humor. Eine Kirche sei schließlich für sakralen Gesang und Orgeln gebaut – nicht für 15 Musiker, die Bläserklänge mit Techno-Beats verbinden. Also bekommen die 1500 Besucher beim Rheingau Musik Festival am Eingang zur Basilika von Kloster Eberbach Kopfhörer aufgesetzt. Über diese wird der Klang der auf einer Bühne stehenden Band klar ins Publikum gespielt. Schlagzeug, Bass, Keyboard und Gesang kommen so unmittelbar an die Ohren, während sich die satten Bläserklänge zum einen im Kirchenraum ausbreiten und zum anderen auch an die Kopfhörer übertragen werden. Die Musik ist gleichzeitig ganz nah und gewaltig groß – ein ungewöhnliches Hörerlebnis in der weitläufigen Basilika. Handgemachte elektronische Beats Die Musik unter dem Motto „For Heaven’s Sake“ baut sich langsam auf. Ein Beat setzt ein, die Bläser kommen hinzu, Schicht für Schicht wächst der Klang. Trompeten, Posaunen und Saxophone werden zu Klangbausteinen, die sich übereinanderschieben. Jazz trifft auf Techno, Clubmusik auf monumentale Bläser, Handgemachtes auf elektronische Ästhetik. Auch das Licht gehört dabei zur Musik. Es illustriert die Stücke nicht einfach, sondern gibt ihnen eine eigene visuelle Ebene. Die einzelnen Stücke folgen dazu Konzepten. Ein Satz widmet sich der Atmosphäre, ein anderer dem Universum und der Zeit. Jedem Element ist ein eigener Rhythmus zugeordnet. Mal liegt die Basilika beinahe in Dunkelheit, dann öffnen sich weite Lichtflächen. Nach und nach blinken einzelne Lichter mal blau, mal weiß, passend zum Rhythmus der Bläser. Der Kirchenraum wird zur Projektionsfläche, die Musik scheint sich darin auszubreiten. Später geht die Reise noch weiter –  bis ans Ende des Universums. Und irgendwann steht die große Frage im Raum: Ist unsere Zeit real oder nur imaginär? „Wir rumpeln schön durch“ Das klingt zunächst nach ziemlich viel Philosophie für einen Abend, an dem Menschen zu Techno-Beats in einem ehemaligen Kloster tanzen. Das ist das Konzept der Jazzrausch Bigband: Sie lässt Gegensätze einfach nebeneinanderstehen. Musikalisch arrangiert wurde das Programm von Leonhard Kuhn. Sladek bezeichnet seinen Bandkollegen scherzhaft als eine Art „Reinkarnation von Beethoven“. Der erklärt zu Beginn, was er sich bei dem Arrangement gedacht hat. „Keine Angst, wenn ihr nichts versteht. Wir rumpeln schön durch“, kommentiert Sladek – und macht damit klar, dass an diesem Abend nicht jede musikalische Idee erklärt werden muss. Man darf sie einfach erleben. Und die Konzertbesucher? Zunächst sind es nur einzelne Köpfe, die im Takt nicken. Dann wippen die Füße – bis schließlich viele zu tanzen beginnen. Die sakrale Ruhe des Klosters ist dahin. Nimmt man die Kopfhörer für einen Moment ab, verändert sich das Konzert. Dann hört man vor allem den langen Nachhall der Bläser. Dazu kommen die Geräusche des Publikums: Schuhe, die über den Steinboden scharren, Stampfen, gelegentlich ein Jubelschrei. Leider wird das Klangerlebnis manchmal durch Kratzen, Rauschen und Aussetzer beim Empfang getrübt. Die Jazzrausch Bigband ist mittlerweile zum fünften Mal beim Rheingau Musik Festival zu Gast. Und sie macht ihrem Namen auch diesmal alle Ehre: Sie verbindet Jazz mit Techno, Klassik mit Clubkultur, Konzertsaal mit Tanzfläche. Dabei stehen hier Jazzliebhaber neben Technofans, eingefleischte Konzertgänger neben Menschen, die einfach wissen wollen, was diese ungewöhnliche Mischung kann. Nach rund zwei Stunden endet das Konzert. Beim Rausgehen nehmen die Menschen ihre Kopfhörer ab und geben sie an die Helfer zurück. „Viel Spaß beim Saubermachen. Ich hab noch nie so geschwitzt an den Ohren“, sagt eine Besucherin. Kein Wunder: Die Jazzrausch Bigband hat die Basilika für einen Abend in einen Dancefloor verwandelt – und dabei bewiesen, dass sakrale Räume und Techno vielleicht weniger Gegensätze sind, als man zunächst denkt.