FAZ 15.03.2026
14:52 Uhr

Jamie Lewelings Durchbruch: Die bessere Version seiner selbst


Seine „Anlagen zum Profi“ haben schon die Jugendtrainer erkannt, heute ist Jamie Leweling für den VfB Stuttgart unverzichtbar. Das will er auch für den Bundestrainer werden. Dafür hat er seine Spiel- und Lebensweise verändert.

Jamie Lewelings Durchbruch: Die bessere Version seiner selbst

Tobias Gitschier hat extra in die alten Akten geschaut. 2018 hat er sich nämlich eine Notiz gemacht über einen jungen Fußballspieler, den er damals trainierte. Eigentlich hat Gitschier sich solche Notizen über alle Fußballspieler gemacht, die er trainierte. Aber längst nicht bei allen lautete diese Notiz so, wie sie bei diesem Fußballspieler lautete: „Anlagen zum Profi vorhanden.“ Tobias Gitschier sitzt im Auto, als er diese Geschichte am Telefon erzählt. Er muss noch Fahrräder zur Reparatur bringen und seine Kinder abholen, sagt er, aber auf dem Weg dahin erinnert er sich gerne an „Jamie“ und die Zeit in der U 17 bei Greuther Fürth, wo Gitschier damals Trainer war und auch heute ist. Mit „Jamie“ ist Jamie Leweling gemeint, der einst aussichtsreich beim 1. FC Nürnberg und in Fürth kickte, dann bei Union Berlin eher auf der Stelle trat, ehe er schließlich beim VfB Stuttgart den großen Durchbruch schaffte. In der Elf von Trainer Sebastian Hoeneß ist er Stammspieler. Mit dem VfB wurde Leweling DFB-Pokalsieger, spielte in der Champions League gegen den späteren Champion Paris, schoss gegen Bratislava zwei Tore. Vor eineinhalb Jahren erzielte er seinen ersten Treffer für die deutsche Nationalmannschaft. Eine bemerkenswerte Entwicklung. Im Sommer, bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko, würde er gerne zum Aufgebot von Bundestrainer Julian Nagelsmann gehören, das sagt Leweling immer wieder und spricht, wie viele andere Fußballprofis, von einem „Traum“. Ausgeschlossen ist das keineswegs. Der Flügelspieler zählt derzeit zu den Formstärksten beim VfB, auch wenn er am Donnerstagabend im Europa-League-Achtelfinale gegen den FC Porto, das Stuttgart 1:2 verlor, nicht die entscheidenden Akzente setzen konnte. „Er hatte schon immer eine Wahnsinnsgeschwindigkeit“ Nach dem Spiel lief er schnell an den wartenden Journalisten vorbei, den Blick beharrlich Richtung Boden gerichtet. Mit Niederlagen umzugehen, fällt ihm noch immer schwer. Das ist etwas, was ihn seit seiner Jugend begleitet. Wenn es nicht lief, sagen frühere Wegbegleiter, habe sich Leweling das immer sehr zu Herzen genommen, manchmal sogar so sehr, dass es sich auf seine Leistung ausgewirkt habe. Am kommenden Donnerstag verkündet der Bundestrainer sein Aufgebot für die nächsten Länderspiele. Gegen RB Leipzig in der Bundesliga an diesem Sonntag (19.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei DAZN) bleibt Leweling noch eine weitere Gelegenheit, seine Qualitäten zu unterstreichen. „Er hatte schon immer eine Wahnsinnsgeschwindigkeit“, sagt Gitschier über Leweling, mit dem er bis heute den Kontakt hält. „Und für mich war auch deshalb absehbar, dass er es zu den Profis schaffen kann, weil seine Technik nicht darunter gelitten hat.“ Lewelings Tempo und Technik, gemeint sind eine hohe Antrittsschnelligkeit und präzise Ballbehandlung, sorgen beim VfB immer wieder für eine stellenweise beeindruckende Dynamik, wenn der Fünfundzwanzigjährige mit dem Ball am Fuß durch kurze, energische Sprints die Außenverteidiger überläuft oder nach innen den direkten Weg Richtung Strafraum sucht. 19 Torbeteiligungen entstanden wettbewerbsübergreifend so bereits in dieser Saison. Spielen kann Leweling rechts wie links, in manchen Spielen macht er beides, wobei er zumindest in Stuttgart auf der rechten Außenbahn deutlich besser zur Geltung kommt. Der Schlüssel zum Erfolg Leweling war nie ein Spieler, das betont auch Gitschier, der schon als Teenager allen als das allergrößte Talent auffiel. Aber er fiel dadurch auf, dass er wie kaum ein anderer trainierte, arbeitete, auch an sich selbst. In der U 19 war er „plötzlich nur noch im Kraftraum“, erinnert sich Gitschier. Anschließend, als er zu den Profis kam, stand er auch nach den Einheiten „immer wieder 30 Minuten allein an der Passwand“, sagt Stefan Leitl, der ihn damals trainierte und mittlerweile Coach von Hertha BSC ist: „Er hat extrem hart an sich gearbeitet. Er hat die Chance ergriffen, die er bekommen hat.“ Auch in Stuttgart, ist aus dem Team zu hören, schiebt Leweling immer wieder Extraschichten. Diese Selbstoptimierung ist Lewelings Schlüssel zum Erfolg. „Anlagen zum Profi“ sind das eine, die nötige „Klarheit im Kopf“, wie das Gitschier nennt, ist das andere. Das war die zweite Notiz, die er sich 2018 über Leweling machte, daneben stand ein Fragezeichen. Dass diese Klarheit in manchen Momenten möglicherweise fehlte, könnte eine Erklärung dafür sein, warum Lewelings Sprung von den unterfränkischen Fußballplätzen auf die internationalen Bühnen nicht noch früher gelang. Leweling selbst bezeichnet das als einen „Reifeprozess“. Er habe in Stuttgart und insbesondere in der jüngeren Vergangenheit „an ein paar Stellschrauben gedreht, die wichtig für meine Leistungsfähigkeit sind“, sagte er kürzlich den Vereinsmedien. Das waren seine Abschlüsse. Das war seine Effizienz. Er achte aber auch stärker auf seinen Schlaf, verzichte fast vollständig auf Süßigkeiten und trinke ausschließlich Wasser: „Ich bin überzeugt, dass sich in einzelnen Bereichen ein, zwei Prozent herausholen lassen, die wiederum in Summe einen großen Einfluss auf das Gesamtpaket haben.“ Auch deshalb ist er für seinen derzeitigen Trainer in dieser Saison ein Vorbild. „Dass er Fähigkeiten hat, das wussten wir. Jetzt ist noch der Faktor Konstanz dazugekommen“, sagte Hoeneß vor wenigen Wochen. Leweling sei sich mittlerweile „vieler Kleinigkeiten sehr bewusst“, habe nach seiner ohnehin bereits starken vergangenen Saison noch mal „einen Schritt“ gemacht: „Er steht als Beispiel für andere, dass man belohnt wird, wenn man sich optimiert, wenn man sich noch professioneller mit seinem Beruf auseinandersetzt.“ In Stuttgart, wo er zu einem „ganz zentralen Offensivspieler“ wurde, wie Hoeneß sagt, ist man froh, Leweling in den eigenen Reihen zu haben. Abwerbungsversuche im Winter, insbesondere aus England, ließen Spieler wie Verein entschieden abblitzen. Und auch in Fürth erinnert man sich gerne an den früheren Spieler zurück, der seinerseits nie vergessen zu haben scheint, wo und insbesondere wie für ihn einmal alles angefangen hat. Nach seinem ersten Tor für die Nationalmannschaft, auch diese Geschichte erzählt Gitschier im Auto gerne, habe Leweling eine Nachricht an Bernd Scheibel geschickt, seinen ehemaligen Ko-Trainer aus der U 19. In der Nachricht stand: „Wie früher im Training.“