FAZ 23.09.2026
11:26 Uhr

Interessenkonflikte aufgedeckt: Schreiben die Ölmultis beim Weltklimarat mit?


Ins wichtigste Ratgebergremium der Klimapolitik wurden offensichtlich Wissenschaftler mit engen Verbindungen zur saudischen Fossilindustrie berufen. Sind das nur hässliche Ölflecken, oder steckt mehr dahinter?

Interessenkonflikte aufgedeckt: Schreiben die Ölmultis beim Weltklimarat mit?

Wird der zwischenstaatliche Weltklimarat IPCC von Interessen der saudischen Fossilindustrie unterwandert? Legen es die Öl- und Gaskonzerne womöglich darauf an, die Glaubwürdigkeit des wichtigsten, neutralen Ratgebers der Klimapolitik zu untergraben? Solche Fragen ergeben sich fast zwangsläufig nach der Enthüllung einer mehr als einjährigen Recherche von Reportern aus mehreren Ländern, darunter Journalisten von 3sat. „Wie Ölwissenschaftler es schafften, am weltweit wichtigsten Klimabericht mitzuarbeiten“, schreibt der britische „Guardian“, der die Rolle von 223 federführenden Autoren der Arbeitsgruppe 3 für den anstehenden siebten IPCC-Sachstandsbericht untersuchte. Zwanzig beschriebene Interessenkonflikte Im Ganzen wurden 20 Autoren gefunden, die entweder direkte oder enge finanzielle Verbindungen zu den größten Öl- und Gasproduzenten der Welt unterhalten sollen. Elf von ihnen werden mit saudischen Institutionen wie dem weltweit größten Ölkonzern Aramco und der von saudischen Staatsgeldern finanzierten Denkfabrik King Abdullah Petroleum Studies and Research Center (KAPSARC) in Verbindung gebracht. Darunter ist eine der sieben Ko-Vorsitzenden in der IPCC-Arbeitsgruppe, Malak Al-Nory. Sie wird als eine der führenden Beraterinnen im saudischen Energieministerium vorgestellt. Tatsächlich hat sie auch die offizielle saudische Delegation auf der jüngst zu Ende gegangenen Klimakonferenz in Bonn vertreten, die dem UN-Klimagipfel in Antalya vorbereiten sollte. Für den deutschen Klimaforscher Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut, der bis 2023 als einer der Hauptautoren des IPCC mitgewirkt hat, hinterlässt das ein „ungutes Gefühl“. Die Saudis seien offenbar sehr erfolgreich damit gewesen, Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe unterzubringen: „Ich kenne die ausgewählten saudischen Wissenschaftler nicht, aber auch für mich hat es ein Geschmäckle, wenn zu viele vertreten sind. Denn die Kapitelkollegen müssen Tendenzen erfolgreich ausbalancieren können. Und eine Kapitelleitung durch saudische Kollegen finde ich in diesem Licht besonders schwierig. Alles dies im Lichte der jahrzehntelangen Vorgeschichte, wo Saudi-Arabien sich immer bemüht hat, die Erkenntnisse des IPCC den eigenen Interessen unterzuordnen.“ Immer mehr Lobbyisten auf Klimatreffen Nach Informationen des „Guardian“ hat die Zahl der IPCC-Autoren mit Verbindungen zur Fossilindustrie in den letzten Jahren zugenommen. Das wurde dieser Zeitung von einem der aktuellen koordinierenden deutschen IPCC-Autoren bestätigt, der nicht genannt werden will, es aber auch „problematisch“ finde. Die wachsende saudische Präsenz deckt sich mit den Beobachtungen vieler Kongressbeobachter: Die Interessen der Öl- und Gasproduzenten sind immer stärker vertreten, bei den Vertragsverhandlungen in Belém im vergangenen Jahr oder auch bei den UN-Konferenzen davor waren so viele Industrielobbyisten wie nie registriert worden. Ihre Versuche, klimapolitisch Einfluss zu nehmen, sind massiv gestiegen. Vor allem seitdem in den klimapolitischen Zirkeln verstärkt über technische Konzepte wie CDR und CCS verhandelt wird – teure und bisher großtechnisch weitgehend unreife Technologien, die dazu dienen sollen, die Kohlendioxidemissionen aus Luft oder Abgasen zu entfernen. Die Ölproduzenten sehen darin eine Chance, das weltweit bröckelnde Interesse an ihren emissionsträchtigen und damit klimaschädlichen Rohstoffen hochzuhalten. Industrieinteresse an technischen Lösungen Tatsächlich hat der IPCC in seinem vergangenen Bericht die Notwendigkeit betont, solche „negativen Emissionen“, die sich mit CDR und CCS künftig noch ergeben könnten, für den Klimaschutz konstruktiv zu nutzen. Die im Pariser UN-Klimaabkommen vereinbarten Ziele wie die globale 1,5-Grad-Grenze seien ohne solche CO₂-Entnahmetechniken kaum zu realisieren. Allerdings war im IPCC – und auch auf UN-Klimagipfeln – offiziell nie an die Reinwaschung der Fossilindustrie gedacht worden. Im Gegenteil, es wurde wie zuletzt nach Veröffentlichung des „Overshoot“-Berichts des UN-Umweltprogramms UNEP immer wieder davor gewarnt, die angedachten Technologien als Freifahrtschein für einen neuen Hochlauf der Öl- und Gasförderung weltweit zu betrachten. CDR und CCS sollen vielmehr für den Auf- und Umbau klimaneutraler Industrien genutzt werden. Welche Haltung der IPCC als neutraler, wissenschaftlicher Ratgeber für die Klimapolitik in dieser Frage einnimmt, kann entscheidend sein. Keine Frage: Die bisher sechs IPCC-Sachstandsberichte, Sonderberichte und technischen Leitfäden, die jeweils von einem Netzwerk aus Hunderten und Tausenden Forschern weltweit seit den Achtzigerjahren zusammengestellt werden, haben die Klimapolitik jeweils maßgeblich mit geprägt. Der Rat wurde mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Als im Jahr 2010 ein Teil des IPCC mitsamt seinem damaligen Vorsitzenden wegen finanzieller Verstrickungen ausgewechselt wurde, kam es zur ersten Krise. Man gab sich neue Regeln, was Besetzung und auch die Interessenpolitik betrifft. In einer Stellungnahme des aktuellen IPCC-Sprechers gegenüber dem „Guardian“ heißt es jetzt, diese Regeln zu möglichen Interessenkonflikten würden ausreichen, um „die Objektivität, Integrität, Autorität und Glaubwürdigkeit der IPCC-Berichte sicherzustellen“. Mögliche Zweifel und denkbare Interessenkonflikte würden intern von den Vorsitzenden der jeweiligen Arbeitsgruppe geklärt. Welchen Einfluss haben die Ölmultis? Tatsächlich ist bisher völlig unklar, ob die fragwürdigen Verbindungen einiger IPCC-Autoren die Stellungnahmen des Weltklimarates tatsächlich beeinflusst haben. Der Rat selbst unternimmt keine eigene Forschung. Er trägt vielmehr zusammen und sondiert, was an wissenschaftlichen Studien zu dem jeweiligen Thema zu berücksichtigen, zu begutachten und was für den anstehenden Bericht auszuwerten ist. Für einen der großen Berichte können das Zehntausende Studien und Hunderte Wissenschaftler sein, die an diesem mehrstufigen und diskussionslastigen Prozess beteiligt sind. Am sechsten Sachstandsbericht der Arbeitsgruppe 3, in dem es, grob beschrieben, um Auswege aus der Klimakrise geht, waren 278 Autorinnen und Autoren aus 65 Ländern beteiligt. Industrieforscher und an industrienahen Projekten beteiligte Wissenschaftler sind von diesem jeweils mehrjährigen Prozess keineswegs ausgeschlossen. Allerdings sollen kommerzielle Interessen im IPCC komplett ausgeschlossen sein. Zu den neuen Vorwürfen, die Regelungen des IPCC zu Interessenkonflikten seien untauglich, sagt Jörn Birkmann, Institutschef für Raumordnungs- und Entwicklungsplanung an der Universität Stuttgart, bis vor Kurzem selbst langjähriger leitender IPCC-Autor: „Die Vorwürfe und Beispielautoren werfen schon die Frage auf, ob die einfache Erklärung der Nichtbefangenheit und nicht vorhandenen Kontakte zu speziellen Industrien bei dem IPCC-Autorenformular hinreichend ist.“ Die von Lobbyinteressen getriebenen Ansätze hätten angesichts der „Diversität“ im IPCC eine geringe Chance auf hohe Sichtbarkeit. „Was allerdings passieren kann und vielfach passiert, ist die Einflussnahme im Rahmen der regierungsbezogenen Diskussion am Ende der Berichtserstellung. Die Summary for Policymakers (Anm. d. Red: die an die Politik adressierte Berichtszusammenfassung) wird mit zahlreichen Regierungsvertretern Satz für Satz am Ende diskutiert – unter anderem auch mit Ländern, die stark ölfokussiert sind. Dies kann dazu führen, dass die Aussagen in der Summary for Policymakers in einigen Bereichen überarbeitet oder gegebenenfalls abgemildert werden.“ Vor allem wenn es darum geht, wie bei der jüngsten Vertragsstaatenkonferenz in Belém, einen Ausstieg aus der Abhängigkeit von der fossilen Wirtschaft zu schaffen, werden von den befragten IPCC-Autoren weitere Einflussversuche durch die Interessen von Öl- und Gasproduzenten befürchtet.