FAZ 12.03.2026
12:12 Uhr

Integrationskurse: „Ich bin eine Tür zur deutschen Gesellschaft“


Die Leiterin eines Integrationskurses im Interview

Integrationskurse: „Ich bin eine Tür zur deutschen Gesellschaft“

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellt seit Ende November keine Berechtigungsscheine mehr aus für freiwillige Integrationskurse. Das gilt für Asylbewerber, Ukrainer, EU-Bürger, Geduldete. Insgesamt ist von 130.000 Personen die Rede, denen ein Kurs nicht mehr aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird. Bevorzugt werden sollen laut dem Bundesinnenministerium künftig nur noch Flüchtlinge mit dauerhafter Bleibeperspektive. Ein Antrag der Grünen im Innenausschuss des Bundestags, den Kurswechsel rückgängig zu machen, scheiterte kürzlich an einer Mehrheit von CDU/CSU, SPD und AfD. Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD noch angekündigt: „Wir wollen mehr in Integration investieren, Integrationskurse fortsetzen.“ Nicht nur die Ausländer, auch die Anbieter von Integrationskursen, oft freie Träger, bringt die Kehrtwende in eine schwierige Situation. Frau Depner, Sie leiten einen Integrationskurs. Was genau wird dort unterrichtet? Ich bin für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oft der erste intensivere Kontakt zu Deutschen. Ich unterrichte nicht nur deutsche Sprache und deutsche Grammatik bis B1, ich unterrichte mehr. Wie viele Ausländer haben Sie im Laufe der Jahre schon unterrichtet? Ich habe sie nicht gezählt. Ich unterrichte seit 15 Jahren, ein Kurs dauert ein Dreivierteljahr. Ein paar Hundert werden es wohl schon sein. Wie viele Stunden hat ein Integrationskurs? Wie lange dauert er? Der Sprachkurs besteht aus 600 Stunden, der sogenannte Orientierungskurs aus 100 Stunden. Alles zusammen dauert es, wie gesagt, neun Monate. Aber so lange geht der Vertrag mit mir nicht. Der muss alle 100 Stunden von der Volkshochschule verlängert werden. Warum, weiß ich nicht. Wie groß sind die Gruppen, die Sie unterrichten? Die Gruppen sollten laut dem BAMF mindestens 14 Personen umfassen, höchstens 25. Gerade habe ich einen Kurs begonnen, der hat 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wie groß ist der Andrang? Der war immer groß, es gab Wartelisten. Jetzt wurden Genehmigungen des BAMF aber gestoppt. Wie es weitergeht, weiß ich nicht. Dass mein Kurs überhaupt zustande kommt, liegt daran, dass die Berechtigungen für die Teilnahme vor dem Stopp erteilt wurden. Woher kommen Ihre Schüler? Aus aller Herren Länder, auch aus der EU. Vor Jahren kamen viele Polen, Rumänen, jetzt nur noch vereinzelt. Es kommen Leute aus Nordmazedonien, Albanien oder Südkorea, aus Chile oder Südafrika, aus Brasilien, Venezuela, China oder Indien und vielen anderen Ländern. Und natürlich aus der Ukraine. Jetzt gerade habe ich neun Schüler aus der Ukraine, sieben kommen aus anderen Ländern. Sind das freiwillige Kurse oder Pflichtkurse? Wer muss, wer kann an einem Kurs teilnehmen? Einige kommen freiwillig, andere werden vom Jobcenter geschickt. Was müssen die Teilnehmer für einen Kurs bezahlen? Manche sind sogenannte Selbstzahler, also wenn zum Beispiel der Ehemann hier arbeitet und die Frau in den Kurs kommt, um Deutsch zu lernen. Für andere Freiwillige zahlt der Staat die Hälfte, die andere Hälfte der Teilnehmer. Das sind derzeit 2,29 Euro pro Stunde. Bei 700 Stunden sind das weit mehr als tausend Euro. Aber wer erfolgreich ist, kann sich die Hälfte der Kosten erstatten lassen. Empfänger von Bürgergeld und Asylbewerberleistungen müssen nichts bezahlen. Wer bezahlt Sie? Die Volkshochschule. Seit etwa 15 Jahren bin ich bei der Volkshochschule Hochtaunus als Honorarkraft tätig, seit sieben Jahren bin ich verwitwet und ziehe mit einer Witwenrente und meinen Honoraren zwei Söhne groß. Ich bin auf das Geld angewiesen und kann mir nicht viele Fehltage leisten. Pro Stunde werden 42 Euro gezahlt. Früher waren es nur zwanzig. Den Sprachkurs kann man sich gut vorstellen. Aber welche Orientierung geben Sie den Teilnehmern im „Orientierungskurs“? Es geht um das deutsche politische System, also was ist der Bundestag, was ist der Bundesrat, wer wählt den Präsidenten, wer wählt den Bundeskanzler. Dann geht es auch um deutsche Geschichte, was viele sehr interessant finden und sie Deutschland besser verstehen lässt. Das ist natürlich auch Thema im Sprachkurs: Ich mache ihnen Mut, beim Bäcker zu bestellen. Ich mache ihnen Mut, zu einer deutschen Ärztin oder einem deutschen Arzt zu gehen. Ich animiere sie immer wieder, zu Elternabenden in der Kita oder in der Schule zu gehen. Ich animiere sie, zum Sportverein zu gehen oder die Kinder dort teilnehmen zu lassen. Ich erkläre, wie man in Deutschland Kindergeburtstage feiert, was man schenkt und was man nicht schenkt, was am Einschulungstag passiert und wie der Laternenumzug funktioniert. Ich erkläre den Advent und Weihnachten, Ostern, Christi Himmelfahrt, und, und, und … Sind Sie also so etwas wie eine Vermittlerin deutscher Kultur? Ja, ich erzähle auch viel aus meinem Leben, ich erkläre, wie Hochzeiten, Geburten, Kindererziehung, Beerdigungen in Deutschland funktionieren, ich erkläre, wie Homosexuelle in Deutschland leben, ich erzähle von meinen Großeltern im Zweiten Weltkrieg, von Mitläufertum und Begeisterung für die menschenverachtende Politik der NSDAP. Ich ermutige meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre älteren Nachbarn nach ihren Fluchterfahrungen zu fragen, ich gehe mit meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern außerhalb der Kurszeit zum Weihnachtsmarkt und erkläre dort Dinge wie den Adventskranz, Bethmännchen, Räuchermännchen, Schneekugeln und Glühwein. Was empfinden Sie dabei? Ich habe den Eindruck, ich bin mit meiner jahrelangen Erfahrung nicht nur eine Tür zur deutschen Sprache, sondern auch zur deutschen Gesellschaft. Und ich erkläre meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wer was bezahlt, wenn man angestellt ist. Mit dem Gedanken im Kopf, dass das alles für mich leider nicht gilt. Wieso nicht? Wir Kursleiterinnen und Kursleiter arbeiten auf Honorarbasis, versichern uns selbst in der Rentenversicherung und bei Krankenkassen. In den Schulferien müssen wir freinehmen, unbezahlt. Sie sind also nicht fest angestellt? Sind Sie selbständig? Aber bei nur einem Arbeitgeber ist das ein Problem, oder? Es gab 2022 ein Urteil zum Thema Scheinselbständigkeit, bei dem die Volkshochschulen und die Musikschulen aufgefordert wurden, bis Ende 2026 eine rechtskonforme Lösung zu finden. Mittlerweile ist diese Frist anscheinend um ein Jahr verlängert worden. Ich habe noch keine Informationen über neue Regelungen bekommen, ich hoffe natürlich sehr, dass es Verbesserungen sein werden. Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie? Ich habe den Eindruck, kostengünstiger kann man Deutschkurse nicht organisieren. Ich belaste die VHS und damit das BAMF noch nicht mal mit einem Raum, denn ich nutze seit über zehn Jahren durch meine guten Kontakte und die Großzügigkeit der Menschen hier im Stadtteil kostenlos einen Raum im Gemeindezentrum der katholischen Kirche. Es fallen keine Mietkosten an, keine Heizkosten, keine Stromkosten, keine Reinigungskosten. Ich brauche kein Internet im Raum, ich arbeite mit einem Whiteboard, lediglich neue Stifte brauche ich ab und zu. Hördateien spiele ich mit meinem Handy und mit meiner Box ab. Jetzt sind Sie für kurze Zeit arbeitslos gewesen. Warum? Ja, obwohl es genug Arbeit gibt, bin ich arbeitslos geworden. Mein letzter Kurs hat die beiden Prüfungen gemacht (B1-Deutschprüfung und „Leben in Deutschland“-Prüfung), ein neuer Kurs beginnt normalerweise ein paar Tage später. Aber dieses Mal konnte mir die Volkshochschule keinen genauen Termin mitteilen. Das war für mich ein finanzieller Rückschlag, der völlig aus dem Nichts kam. Mit Arbeitslosigkeit hatte ich nie gerechnet. Das BAMF möchte nun freiwillige Integrationskurse für Ausländer ohne Bleibeperspektive nicht mehr unterstützen, also zum Beispiel für Männer und Frauen aus der Ukraine oder für Asylbewerber. Was bedeutet das für Sie? Das könnte bedeuten, dass Kurse gar nicht mehr zustande kommen. Was ist, wenn die Mindestgröße von 14 Personen unterschritten wird? Bei meinem neuen Kurs wäre das so, wenn die ukrainischen Teilnehmer wegfallen. Das macht mich nicht zuversichtlich, sondern zehrt sehr an den Nerven. Wenn der Kurs ausfällt, soll dann wirklich die jahrelange Erfahrung und das Engagement als wertlos aufgegeben werden? Ich empfinde das als großen Schlag ins Gesicht. Aber ist es sinnvoll, jemandem einen Integrationskurs zu bezahlen, wenn wahrscheinlich ist, dass er nicht in Deutschland bleiben kann? Ich finde es gut und richtig zu überlegen, was man mit Steuergeldern macht, also auch prüft, wem man Deutschunterricht zukommen lässt und wem nicht. Man darf uns Kursleiter dabei aber nicht vergessen. Man könnte die Kurse auch mit weniger Teilnehmern laufen lassen. Wenn die Sicherheit, nach vier Wochen einen neuen Vertrag zu bekommen, wegfällt, wer soll, wer will dann noch Deutsch unterrichten? Wir machen sehr gute und sehr sinnvolle Arbeit, aber wir brauchen mehr Sicherheit und Anerkennung.