FAZ 29.09.2026
07:39 Uhr

In Italien: Warum konvertieren rechte Intellektuelle zum Islam?


Der Präsident der Venedig-Biennale Pietrangelo Buttafuoco ist vor Jahren zum schiitischen Islam übergetreten. Damit ist er unter Italiens Rechtsintellektuellen nicht allein. Woher kommt die seltsame Allianz?

In Italien: Warum konvertieren rechte Intellektuelle zum Islam?

Man sollte meinen, italienische Rechte hätten mit dem Islam nicht viel am Hut. Schließlich demonstriert die Regierung von Giorgia Meloni gern ihre Verbundenheit mit dem christlichen Abendland. Trotzdem gibt es eine Reihe von weit rechts stehenden Italienern, die zum schiitischen Islam konvertieren. Der bekannteste von ihnen ist wohl Pietrangelo Buttafuoco. Der aktuelle Präsident der Biennale, der mit seiner Entscheidung, den russischen Pavillon bei der Biennale wiederzueröffnen, für einen Eklat sorgte, wandte sich Mitte der Zehnerjahre dem schiitischen Islam zu und nennt sich seither auch Giafar al-Siqilli. Die Hinwendung des öffentlichen Intellektuellen, der einmal die Jugendorganisation des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano angeführt und im rechtsextremen Verlag Edizioni di Ar publiziert hat, zum Islam wirkt skurril. Sie ist aber kein Einzelfall, sondern Teil eines Nischenphänomens, das in Italien seit den Achtzigerjahren entstanden ist. Heute gibt es im Land rund tausend schiitische Konvertiten aus dem rechten Lager. Getragen wird die Szene von Institutionen wie dem Centro Tarsis in Triest, dem römischen Studienzentrum Dimore Della Sapienza oder der ebenfalls in Rom angesiedelten Gebetshalle Associazione Islamica Imam Mahdi. Auf einer Einweihungsfeier der Associazione sprach Buttafuoco im Jahr 2018. Verbindung zum antiwestlichen Lager Die Soziologin Minoo Mirshahvalad führt die seltsame Allianz in ihrer Studie „Crises and Conversions: The Unlikely Avenues of ‚Italian Shiism‘“ (2024) unter anderem auf die italienische Niederlage im Zweiten Weltkrieg zurück, die unter einigen faschistischen Veteranen antiamerikanische Ressentiments befeuert habe. Dies habe maßgeblich dazu beigetragen, dass sie die iranische Revolution von 1979 als „verheißenen Aufstand gegen die moderne Welt“ begrüßt hätten. Eine besonders schillernde Figur innerhalb der Szene ist der Publizist Claudio Mutti, der sich in den Achtzigerjahren der Schia anschloss. Laut dem Politikwissenschaftler Ely Karmon ist er eine der „fanatischsten antisemitischen“ Figuren der italienischen Rechten. Mutti ist seit Jahrzehnten in verschiedensten transnationalen Netzwerken aktiv: bei der von der iranischen Regierung unterstützten Zeitschrift „Jihad“, in der neofaschistischen Organisierung Jeune Europe sowie als Herausgeber des russlandnahen Journals „Eurasia“. Biennale-Direktor Buttafuoco preist Mutti in einem Vorwort von dessen Buch „Europa, erwache!“ (2023) als „profunden“ Experten der Geopolitik und widmete ihm 2017 zu Ehren seines siebzigsten Geburtstags einen Beitrag im Sammelband „Der militante Professor“, erschienen im Konvertitenverlag Irfan Edizioni. Die Szene der rechten Konvertiten ist weltweit mit dem antiimperialistischen und antiwestlichen Lager verknüpft. Man preist den „palästinensischen Widerstand“, tauscht sich aus mit Alain de Benoist, dem Vordenker des Ethnopluralismus, ein geschätzter Gesprächspartner ist auch der russische Neotraditionalist Alexander Dugin. Mit Mutti verbindet Dugin, der oft als „Putins Hausphilosoph“ bezeichnet wird, eine langjährige Bekanntschaft. Auch beim Konvertitenklub Dimore Della Sapienza war Dugin schon als Redner zu Gast. Als einer der frühesten bekannten italienischen Konvertiten gilt Edoardo Agnelli, der kapitalismuskritische Sohn des Fiat-Industriellen Giovanni Agnelli. Ein noch heute auffindbares Foto zeigt den damals 27 Jahre alten Industriellensohn 1981 beim Beten direkt hinter Revolutionsführer Khomeini. Nach seinem mutmaßlichen Selbstmord im Jahr 2000 widmete man ihm in Teheran eine Stiftung. Die islamische Märtyrervereinigung Edoardo Agnelli betreibt eine mehrsprachige Website namens „rah-yāfté“ (übersetzt: „der den Weg gefunden hat“) und verschreibt sich bis heute Islamkonvertiten aus aller Welt. „Revolte gegen die moderne Welt“ Großen Einfluss auf die Konvertitenszene haben die Theorien des zum Sufismus konvertierten Franzosen René Guénon (1886–1951), der die dezidiert antimoderne Denkschule des „Traditionalismus“ begründet hat. Nach Guénons Anschauung liegt den verschiedenen Religionen eine ewige göttliche Wahrheit zugrunde, die sogenannte Urtradition, die dem Westen abhandengekommen sei. 1912 wanderte der Franzose nach Kairo aus und schloss sich einer Sufi-Bruderschaft an. Als Traditionalist begriff sich auch der italienische Philosoph Julius Evola. In seinem Hauptwerk „Revolte gegen die moderne Welt“ (1934) ergänzte er Guénons hinduistische Weltzyklen-Theorie um eine „Krieger- und Herrscherkaste“, die in einer idealisierten sakralen Ordnung der mythischen Frühzeit gemeinsam mit der Priesterschaft für die Aufrechterhaltung der göttlichen Ordnung sorgen sollte. „Die semitisch-christliche Tradition hat unseren Geist infiziert“, diagnostizierte Evola 1928. Zum Faschismus hatte Evola ein kompliziertes Verhältnis, weil seine spezifisch spirituelle Variante des Rassismus auf Ablehnung stieß. Nach Kriegsende wurde Evola zur Inspirationsquelle der neofaschistischen Jugend im Umfeld des Movimento Sociale Italiano (MSI). Seine Schriften prägten insbesondere die später aus dessen radikalem Flügel hervorgegangene Strömung Ordine Nuovo und deren Vorstellung eines militanten, antidemokratischen politischen Aktivismus. Die islamische Revolution in Iran 1979 erlebte Evola nicht mehr. In ihrer kämpferisch antiwestlichen Ausrichtung erscheint sie wie der Idealtypus seiner „Revolte“, zumal Evola immer wieder Sympathien für den schiitischen Islam geäußert hat. Lob der russischen Orthodoxie Der iranische Revolutionsführer Khomeini wird auch von Pietrangelo Buttafuoco bewundert. Der Biennale-Präsident nennt ihn einen „bedeutenden Philosophen“ und einen „Mann der Tradition“, der kraft seines Charismas „zweifellos“ zur ewigen Heilsgeschichte gehöre. Buttafuoco schrieb in der Vergangenheit populäre Romane, die vom Zweiten Weltkrieg auf Sizilien aus der Perspektive einer nationalsozialistischen Geheimagentin mit arabischen Unterstützern oder von einer frühen Liebesgeschichte des Nationalsozialisten Hermann Göring handeln. Unter seiner Leitung verzeichnet die Biennale in diesem Jahr trotz aller Skandale hohe Besucherzahlen. Unter der Oberfläche der Meloni-Regierung, die auf der Seite der NATO und der Vereinigten Staaten steht, tut sich mancher Widerspruch auf. Die westlich orientierte Rechte führe unter dem illusorischen Banner von Freiheit und Demokratie einen Krieg gegen das Heilige, verkündete Buttafuoco 2021 in seinem Essay „Cabaret Voltaire: Islam, das Heilige, der Westen“. Angesichts der Nähe der traditionalistisch inspirierten Konvertitenszene zum antiwestlichen Kurs der russischen Regierung mag die Wiedereinladung Russlands zur Biennale weniger überraschend erscheinen. Innerhalb der Institution diene er nicht seinen persönlichen Überzeugungen, sagte Buttafuoco zuletzt in einem Gespräch mit der Tageszeitung „Corriere della Sera“. Auf Forderungen nach der Einbeziehung regimekritischer russischer Stimmen hat er neben der Einladung eines noch nicht namentlich genannten zeitgenössischen Dissidenten mit einer weiteren Veranstaltungsreihe reagiert. Sie widmet sich dem Theologen und Mathematiker Pavel Florenski, der 1938 während der stalinistischen Säuberungen hingerichtet wurde. Der russisch-orthodoxe Naturwissenschaftler und Mystiker wird auch in traditionalistischen Kreisen geschätzt und von Alexander Dugin in dessen nationalistische Philosophie integriert. Bereits 2013 sagte Buttafuoco, dass er Florenskis „spirituelle, mystische und religiöse Kraft“ bewundere. Während das Christentum in Europa die Moderne eingeläutet habe, habe sich Russland die Orthodoxie bewahrt. Buttafuoco nannte dies einen „Dorn im Auge des westlichen Bewusstseins“. Der Tod Florenskis verlasse den Bereich des Politischen. Es handele sich um ein Martyrium „auf dem Gipfel der Metaphysik“. Eine kuriose Ergänzung der früheren Absicht, oppositionelle Stimmen angesichts des russischen Angriffskrieges zu Wort kommen zu lassen.