FAZ 12.09.2026
16:32 Uhr

Hürdenläufer Dos Santos: Wie der „Mann mit den Narben“ sein Trauma hinter sich ließ


Sogar seine Freunde machten sich über Alison dos Santos lustig. Der Sport hilft ihm, dem Spott davonzulaufen. Nun ist der Weltrekordhalter auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft.

Hürdenläufer Dos Santos: Wie der „Mann mit den Narben“ sein Trauma hinter sich ließ

Alison dos Santos trägt die Haare nun lang, die er früher auf Millimeterniveau abrasiert hatte. Und er versteckt sich auch nicht mehr unter einer Baseball-Kappe, sobald er die Rennbahn verlassen hat. Seine optische Offensive scheint den Läufer auch auf der Bahn zu beflügeln. Vergangenen Samstag rannte der 400-Meter-Hürdenläufer mit Afro-Look in Brüssel zum Sieg in der Diamond League. Eine Woche zuvor war er in Zürich mit geflochtenen Zöpfen aufgetreten und hatte in 45,80 Sekunden sogar einen Weltrekord erzielt. „Ich werde älter und möchte verschiedene Dinge ausprobieren“, begründete der Sechsundzwanzigjährige seine auffällige Typveränderung. „Ich will mehr von meiner brasilianischen Seite zeigen und dafür sorgen, dass die Menschen Spaß haben.“ Dazu passend trug er nach dem Rennen in Brüssel ein Trikot der Seleção, der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft. Auch wenn Alison Brendom Alves dos Santos, wie der aus São Paulo stammende Leichtathlet mit vollem Namen heißt, schon 2022 Weltmeister war, scheint er jetzt auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft angelangt. Und auch sein Kindheitstrauma ließ er hinter sich. Verbrennungen dritten Grades an Kopf und Körper Im Alter von zehn Monaten hatte er nach einem häuslichen Unfall mit siedendem Öl Verbrennungen dritten Grades an Kopf und Körper erlitten. Seine Großmutter wollte Fisch braten, die Pfanne fiel vom Herd. Die schnelle Reaktion seines Großvaters rettete dem kleinen Alison das Leben. Doch er musste vier Monate im Krankenhaus verbringen. Auffällige Narben im Gesicht, auf der Stirn, an Brust und Armen sind geblieben. Auch innere Wunden hatte er davongetragen. Er litt in Kindheit und Jugend unter dem Mahnmal seiner hohen Stirn, auf der keine Haare mehr wachsen. Sogar seine Freunde hätten sich gelegentlich über ihn und seine Narben lustig gemacht, wenn sie ihn ärgern wollten – was ihn tatsächlich getroffen hat. Der Sport half ihm, dem Spott davonzulaufen. Nachdem er mit Judo begonnen hatte, wechselte er zur Leichtathletik, da sie „billiger“ war. Laufen kostet nichts und kann überall ausgeübt werden. Ein Markenzeichen der einzigen wirklichen Weltsportart. Für den spindeldürren Zwei-Meter-Mann, der erst mit 16 Jahren seine Strecke fand, die goldrichtige Entscheidung. Alison dos Santos verfügt über eine hervorragende Lauftechnik, die für den Hürdenlauf prädestiniert erscheint. Dank seiner 1,11 Meter langen Beine verliert er beim Überqueren der 91,4 Zentimeter hohen Hürden nur wenig Vorwärtsschub. Dank seiner großen Hebel gelingt es ihm, bis zur siebten, achten Hürde einen Zwölf-Schritt-Rhythmus zwischen den Hürden zu halten. Die meisten Konkurrenten nutzen standardmäßig 13 Schritte und weichen bei Ermüdung auf 14 aus. Dos Santos dagegen läuft so flüssig, als würde er ein flaches 400-Meter-Rennen bestreiten. Nach seinem WM-Sieg 2022 sicherte er sich 2025 WM-Silber. Bei den Olympischen Spielen von Tokio und Paris gewann er zweimal Bronze, musste sich jeweils seinen beiden großen Rivalen Rai Benjamin (USA) und Karsten Warholm (Norwegen) geschlagen geben. „Ich möchte der ‚Ultimate Champion‘ werden“ Nach seinem Sieg in Brüssel, wo Benjamin und Warholm fehlten, schrieb dos Santos auf Instagram: „Wenn sich meine Gegner verstecken … ist heute der Tag für die Jagd.“ Doch der Spruch täuscht, die drei Ausnahmekönner pflegen ein respektvolles, fast freundschaftliches Verhältnis und versichern sich oft gegenseitig, dass sie froh seien, in derselben Ära zu laufen – weil keiner von ihnen ohne die anderen beiden jemals so schnell geworden wäre. Doch beim letzten Showdown der Saison, den erstmalig ausgetragenen Ultimate Championships in Budapest, werden nun alle drei am Start sein. Dos Santos kündigte schon mal an die Adresse seiner Kollegen an: „Ich möchte der ‚Ultimate Champion‘ werden.“ Unabhängig davon gibt er sich überzeugt, mit seiner Lebensgeschichte vermitteln zu können, dass jeder Mensch einzigartig sei – sofern er seine Bestimmung gefunden habe. In der Leichtathletik werde er nicht mehr als der „Mann mit den Narben“ gesehen, sondern als der coole Typ, der unglaublich schnell rennen kann. Geschenkt werde einem das neue Selbstbild freilich nicht. Auch diese Lektion hat er gelernt: „Du kannst Großes erreichen, egal, wie schwierig die Umstände sind. Doch du musst daran arbeiten und versuchen, besser zu werden.“ Die Empfindlichkeit seiner Narben ist geblieben. Doch die Zeiten, in denen er sie zu verstecken versuchte, sind vorbei.