FAZ 21.09.2026
12:53 Uhr

Hitzeschutz: Schulen dürfen Klimaanlagen nicht nutzen


Das Frankfurter Baudezernat will verhindern, dass sich Schulen zu sehr aufheizen. Zwei kuriose Fälle lassen aufhorchen. Schulgebäude, die ursprünglich klimatisiert waren, können die Klimaanlage nicht einschalten.

Hitzeschutz: Schulen dürfen Klimaanlagen nicht nutzen

Nach den großen Hitzewellen im Hochsommer sind die Temperaturen in den Klassenzimmern wieder auf erträgliche Werte gesunken, „hitzefrei“ ist an den Schulen vorerst kein Thema mehr. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt, und in spätestens einem Jahr wird es wieder Beschwerden geben über schlecht gekühlte Schulräume und zu wenig Schatten auf den Pausenhöfen. Was tut die Stadt Frankfurt, um sich darauf vorzubereiten und die Schulen hitzefest zu machen, damit die Kinder auch im Sommer gut lernen können? Das Baudezernat sagt: eine ganze Menge. Der Hitzeschutz werde grundsätzlich bei allen laufenden und geplanten Bauvorhaben berücksichtigt. Allerdings in einer abgestuften Strategie: Es gehe darum, die Hitze gar nicht erst in das Gebäude zu lassen. „Das Gebäude der Zukunft muss nicht möglichst viel kühlen können – es sollte sich möglichst wenig aufheizen“, teilt das Baudezernat mit. Und wenn die Wärme doch in das Gebäude eingedrungen ist, soll sie möglichst passiv abgeführt werden, also beispielsweise durch eine effiziente nächtliche Lüftung der Schulen. Erst in einem dritten Schritt folgt nach dieser Strategie die Kühlung, um die verbleibende Temperatur etwa mithilfe von Kältetechnik zu reduzieren. Klimageräte sind eine große Ausnahme Bei einem Neubau kann die Stadt ihre „abgestufte Strategie“ relativ leicht befolgen. Durch eine geschickte Wahl des Grundstücks und die Anpassung der Architektur lässt sich Hitze vermeiden. Eine Fassade mit Sonnenschutz und möglichst wenig Glasflächen lässt weniger Sonnenstrahlen in das Gebäude. Und Schulen mit gut gedämmten Wänden und Dächern heizen sich auch langsamer auf. Ungleich schwieriger ist es jedoch, die bestehenden Schulen zu kühlen. Anstelle von Klimageräten setzt die Stadt auch hier in erster Linie auf Sonnenschutzfolien, außenliegenden Sonnenschutz, die gezielte Auskühlung in der Nacht sowie die Dämmung der obersten Geschossdecken. Neue Technik wird in Pilotprojekten erprobt: In der Hellerhofschule im Gallus und der Mühlbergschule in Sachsenhausen wurden Deckenventilatoren getestet. Nun soll evaluiert werden, wie wirksam sie sind und ob sie gegebenenfalls auch anderswo zum Einsatz kommen. Nur in Ausnahmefällen kommen in Frankfurt bisher aber Klimageräte infrage, beispielsweise in der Containeranlage der IGS 15 an der Palleskestraße in Höchst. Weil sich die Container schlecht umbauen und ertüchtigen lassen, hat die Stadt dort ausnahmsweise Klimageräte gemietet. Nebeldusche auf dem Schulhof Und wie lassen sich Schulhöfe so gestalten, dass sich Schüler auch im Hochsommer dort gut aufhalten können? Das Amt setzt auf schattenspendende Starksonnenschirme mit Sitzmöglichkeiten. Außerdem sollen Schulhöfe teilweise entsiegelt werden, an der Wöhlerschule sei damit schon begonnen worden. Zudem ist ein Pilotprojekt an der Pestalozzischule geplant. Auf deren Schulhof will das Amt eine Nebeldusche aufstellen. Bei diesem System wird Wasser mit hohem Druck durch spezielle Düsen gepumpt und in feine Tröpfchen zerstäubt. Eltern geht das aber alles nicht weit genug. Sie beklagen, dass die Stadt dem Hitzeschutz der Schulen unnötig Steine in den Weg lege und den Schülern eine angenehme Raumtemperatur verwehre, obwohl zum Teil die technischen Voraussetzungen dafür bestünden. Konkret geht es um zwei Fälle, und zwar jeweils um Schulen, die in angemieteten und für die Schulen umgebauten, früheren Bürogebäuden untergebracht sind, die ursprünglich einmal klimatisiert waren. Die Neue Börse, ein früheres Bürogebäude in Bockenheim, wird derzeit von drei Schulen genutzt: dem Stadtgymnasium, dem Margot-Friedländer-Gymnasium und der Julius-Leber-Berufsschule. Das frühere Bürogebäude verfügt über eine Klimaanlage, sie darf jedoch nicht genutzt werden. Einerseits, um Kosten zu sparen, denn die Miete ist für die Stadt schon hoch genug. Die Nutzung der Klimaanlage sei deshalb nicht im Mietvertrag vereinbart worden, heißt es. Außerdem war die Nutzung der Kühltechnik bisher aus ökologischen Gründen nicht erwünscht. Eine vorhandene Klimaanlage wurde ausgebaut Das soll sich laut dem Baudezernat nun ändern. Im konkreten Einzelfall prüfe das Amt für Bau und Immobilien, ob die technischen, baulichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen bestehen, um schon vorhandene Kühlsysteme zu nutzen. Bei der Neuen Börse sei das der Fall. Die vorhandenen Kühldecken könnten in Betrieb genommen werden, teilt die Sprecherin mit. Das Amt hole dazu ein Angebot beim Vermieter ein. In Elternkreisen kursiert schon eine Summe: Angeblich verlangt der Eigentümer dafür 30.000 Euro – pro Tag. Der zweite Fall betrifft ein Gymnasium im Westend. Für die Bettinaschule wird derzeit ein Bürogebäude an der Beethovenstraße hergerichtet. Die neue Außenstelle soll die Raumnot der Schule lindern und von den Schülern der Oberstufe genutzt werden. Dem Vernehmen nach war das frühere Bürogebäude bislang klimatisiert. Im Zuge des Umbaus für die Schule sollen jedoch die Klimaanlagen ausgebaut worden sein. Jens Jäckel, Vorsitzender des Elternbeirats der Bettinaschule, fragt sich, warum die Stadt so verfährt: „Wir brauchen dringend einen besseren Hitzeschutz an Schulen. Ich verstehe nicht, warum die Stadt die Kühlung der Gebäude durch Klimaanlagen nicht ermöglicht.“ Das Baudezernat bestätigt, dass das Gebäude an der Beethovenstraße ursprünglich klimatisiert war. Um es für die Schule herzurichten, sei es innen in großen Teilen bis auf den Rohbau zurückgebaut worden. In diesem Kontext habe der Eigentümer auch die „abgängige“ Klimaanlage ausgebaut: Sie sei komplett veraltet und nicht mehr funktionsfähig gewesen. Das Baudezernat verweist auf die „Leitlinien zum wirtschaftlichen Bauen“ der Stadt. Demnach soll eine aktive Kühltechnik aktuell möglichst vermieden werden. Vorrang hätten eben passive, klimaschonendere Maßnahmen wie Sonnenschutz, die Reduzierung von Glasflächen, Speichermasse sowie eine gezielte Nachtlüftung. „Allerdings haben die letzten beiden Hitzesommer eine politische Debatte über diese Festlegung ausgelöst, deren Ergebnis abzuwarten ist“, sagt die Sprecherin. Sebastian Papke, Fraktionsvorsitzender der FDP, hält es für dringend geboten, die bisherige Haltung angesichts der Hitzesommer zu überdenken. Er meint: „Aus ideologischen Gründen auf eine Klimatisierung der Schulen zu verzichten, wird der Realität nicht gerecht.“