Zuletzt hatte er es mit einem „in letzter Sekunde aufgefangenen Gehirnunglück im Mai 2022 und den Versuchen, damit umzugehen“ zu tun. Eine Gehirnblutung war dank ärztlicher Kunst so entfernt worden, dass der Kopf intakt blieb. Es war, so beschreibt Helmut Lethen in seinem voriges Jahr erschienenen Buch „Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung“ das Unglück, „keine Erfahrung, sondern nur ein Blackout, der glücklicherweise keinerlei neuronale Schäden, erst einmal nichts außer Gleichgewichtsstörungen, erhöhter Vergesslichkeit und dem Gefühl großer Leere zur Folge hatte“. Um sein Inneres in dieser Situation auszufüllen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, habe er seinerzeit viele Romane verschlungen, heißt es in den „Stoischen Gangarten“ samt beigefügter Leseliste von Stendhals „Kartause von Parma“ bis zu Melvilles „Moby-Dick“: „Ich las sprunghaft oder verschlang unsystematisch immer nur Fragmente, ausschließlich Bruchstücke, von vielen Schlafwellen unterbrochen, während derer ich aufmerksam den Rhythmus meines Atems beobachtete.“ Man könne Physiotherapie eben auch in Räumen der Illusion betreiben, Lektüre als widerständige Realität erfahrend, „um mich in diesen mir haushoch überlegenen, fremden Milieus der Imagination in Gleichgewichtsübungen wieder einzufangen“. Kulturwissenschaften brauchen Künstlernaturen, Meister der Imagination, sofern es in dieser Zunft um etwas gehen soll. Und Lethen verkörperte diese Künstlernatur, indem es ihm bei seinem Lesen und Schreiben eben immer auch um ein Lebenselixier ging. Seine Arbeiten sind materialreich aufbereitete Veranschaulichungen der einen ihn existentiell bewegenden Fragestellung: Wie soll der Einzelne sein Leben führen, ohne sich hinreißen zu lassen von Schmerz- und Verlusterfahrungen, von Befürchtungsszenarien, wie sie den Radartyp, den Menschen im Alarmzustand ausmachen. Darum geht es in Lethens Klassiker übers neusachliche Jahrzehnt der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, seinem, wie bemerkt wurde, Epoche machenden Buch „Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen“. Deren von Helmuth Plessner und neobarocken Handbreviers angeleitete Prämisse lautet: Der Mensch ist von Natur aus künstlich, also aufs Einnehmen von Positionen sich selbst und den anderen gegenüber angewiesen, auf Takt und Vornehmheit und Imagination, will er sich nicht gehen lassen. Das völlige Fehlen eines Diskurs- und Therapiejargons Lethens starke, nachgerade ontologisch daherkommende Thesen denken doch stets ihre Kontingenzen mit, ihre Darstellungen federn ab auf den dann wieder zufälligen Begebenheiten. Das eigentlich Künstlerische an dieser kulturwissenschaftlichen Ausführung ist ihr durchgehaltener neusachlicher Ton, der Lethen-Sound. Negativ formuliert: das völlige Fehlen eines Diskursjargons in den „Verhaltenslehren“, zudem der komplette Verzicht aufs therapeutische Vokabular. Heute springt ins Auge, „dass diese ganze brillant silberne oder getrübt dunkle Diskurssuppe, in der wir damals schwammen, in den ,Verhaltenslehren' keinen Platz gefunden hat“, heißt es in „Stoische Gangarten“. Lethen, bis 1975 Mitglied der maoistischen KPD-AO, kommt ohne diese Diskurssuppe aus, während er seine Kältewelten diskursiv erschließt und aus der therapeutischen Stoßrichtung keinen Hehl macht. Die Provokation dieses einschlagenden Buches, verfasst 1989 bis 1993 in einer Plattenbausiedlung zwischen Utrecht, wo er Professor war, und Amsterdam, so resümiert Lethen selbst im Abstand von drei Jahrzehnten nach Erscheinen des Buchs, „die Provokation bestand in ihrem Angriff auf den Kult der Betroffenheit der achtziger Jahre, auf den Rückzug in eine ,Vulnerabilität', in die sich die Einzelnen einigelten und ihre Verletzbarkeit ausstellten“. Sich voneinander entfernen, ohne sich zu verletzen Lethens Vorstoß gegen solche Empfindsamkeit war kalkuliert und nahm das Risiko hin, als Autor von überkommener Heroizität und Härte rezipiert zu werden. Er selbst wies solche Deutungen als Fehllektüre zurück, zumal wenn sie wortmagisch dem Bedeutungsfeld des Faschistischen angenähert wurden. Dass der Mensch auf Künstlichkeit angewiesen sei, um seine Natur zu verwirklichen, sei eine fundamentale Einsicht des Kulturellen, deren Infragestellung auf die Kritiker zurückfalle. Lethen stand dazu, Formen strategischen Verhaltens für Hofleute und Jesuiten im 17. Jahrhundert aufgegriffen zu haben, die wiederum von Schopenhauer und Nietzsche im 19. Jahrhundert aktualisiert worden waren „und deren Nutzen ich für die Gegenwarft ausloten wollte“. Man habe ihnen Spielregeln der Distanz entnehmen können, mit denen selbstauferlegte, erzwungene und verletzende Näheverhältnisse überwunden werden sollten. Und so gehörte die Kältelehre für Lethen zur Essenz von Kulturwissenschaften, nämlich als Ratgeber für soziale Spielformen, „mit denen sich die Menschen nahekommen konnten, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich voneinander entfernen konnten, ohne sich zu verletzen“. Wer wollte hier von politisch links oder rechts sprechen, fragte sich Lethen, im Blick auf bestimmte Politisierungen der „Verhaltenslehren“ immer wieder neu entgeistert und fügte mit dem ihm eigenen, die neue Sachlichkeit würzenden rhetorischen Überschuss hinzu: „Wer wollte diese Regeln nicht beherzigen? Ein Taschen-Machiavelli für den Hausgebrauch! Darin zeigte sich das Positive der ,Kältelehre' als einer privaten Endmoräne der Stoa.“ Wenn man so will, ein anthropologisches Notstandsprogramm, wie es im Titel seiner 2020 vorgelegten Autobiographie „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“ anklingt. Lethen behielt zeitlebens den Nimbus des Autors der „Verhaltenslehren“, dies auch, während er von 1996 bis 2004 in Rostock den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur innehatte und von 2007 bis 2016 Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz in Wien war. Dazu trug sein 2012 publizierter, thematisch noch einmal einschlägiger Band „Suche nach dem Handorakel“ bei, auf wiederum andere Art aber auch das viel besprochene Buch von 2018 „Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt“. Am 13. August ist Helmut Lethen im Alter von 87 Jahren in Wien gestorben.
