Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe gehören normalerweise nicht zu den Orten, die gefestigte Bürger mit Wohnsitz regelmäßig betreten. In Hattersheim ist das anders. Seit dem Jahr 2005 gehören nicht nur Dusche, Essen, Kleiderkammer und Sozialberatung zu den Angeboten des Hauses St. Martin, sondern auch ein regelmäßiges Kulturprogramm mit Ausstellungen, Konzerten, Vorträgen und Lesungen. Als das Haus errichtet wurde, gab es Widerstand aus der Nachbarschaft. Den Vorbehalten begegnete Leiter Klaus Störch mit Geduld und Hartnäckigkeit, lud immer wieder zu Tagen der offenen Tür ein, mischte bei Festen mit und etablierte schließlich das Kulturprogramm. Die Kultur wirkt in zwei Richtungen: Sie bringt Bürger in das Haus hinein, die sonst keinen Grund hätten, sich in einer Stätte der Wohnungslosenhilfe umzusehen. Und sie bringt Kultur zu Menschen, die sich das normalerweise nicht leisten könnten und in ihrem Tagesablauf, der aufs Überleben ausgerichtet ist, auch kaum Kapazitäten dafür haben. Das ist ein Ansatz, der auf Integration setzt. Der die Menschen nicht gängeln und sanktionieren will. Sondern um Verständnis wirbt, dass Menschen abrutschen können, aber dennoch immer Menschen bleiben. Viele zeitweilige Bewohner des Hauses wurden in einem Fotoband porträtiert und mit ihren Wünschen und Vorlieben vorgestellt. Man blättert durch und denkt: Das könnte ja ich sein. Vorläufiger Höhepunkt der kulturellen Aktivitäten war eine Ausstellung der Fotografien des Schauspielers Armin Rohde. Für Rohde war es die erste Fotoausstellung, die Bilder ließ er anschließend zugunsten des Heims versteigern und kam zu diesem Anlass auch persönlich vorbei. Über 5000 Euro wurden dabei erzielt, und Rohde wurde in die deutsche Gesellschaft für Photographie berufen. Vor allem aber wurde Rohde nicht müde, auf jedem zweiten roten Teppich das Haus St. Martin in Hattersheim zu erwähnen. In dem lange von Klaus Störch geleiteten Haus vermischen sich immer wieder für einen kurzen Moment die Welten, und die gesellschaftlichen Grenzen werden ein wenig durchlässiger. Menschen ohne soziales Sicherheitsnetz bekommen ein Frühstück, der lokale Fotoclub oder der Künstler bekommen eine Ausstellungsfläche, und ein bekannter Schauspieler beginnt eine zweite Karriere. Solche Dinge werden möglich, wenn man den Raum dafür schafft und hartnäckig daran arbeitet. Störch hat das lange geleistet, nun übergibt er an seine Nachfolgerin. Möge auch ihr es gelingen.
