Karl muss ein Geheimnis aufklären, und diese Aufgabe führt in die Häuser und Höfe an der Nordstraße. Gerade erst, im Jahr 1898, haben die Hanauer Stadtväter sie so umbenannt, bis dahin erinnerte der Name Judengasse an das ehemalige Ghetto am Rand der Hanauer Altstadt. Dort spricht Karl mit den Anwohnern, sammelt Hinweise, und das ganz digital: „Echoes of Hanau“ heißt das Computerspiel, für das der Straßenzug rekonstruiert worden ist. Denn wie die gesamte Innenstadt wurden auch die Häuser an der Nordstraße im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt. Geblieben ist ein Teil der Ghettomauer und ein Mahnmal gegenüber der ehemaligen Synagoge. Zu den Initiatoren des Projekts gehört neben der jüdischen Gemeinde Hanaus der Verein Makers, der sich der Förderung Jugendlicher in ihrer beruflichen Orientierung verschrieben hat. Kein Lernspiel habe man geplant, sagt Nils Hachmeister, „sondern ein richtiges Game“. Der Spieler solle in die Welt der Nordstraße um das Jahr 1900 eintauchen und dort die virtuellen Rekonstruktionen des Viertels erkunden. Voraussetzung für das Projekt waren aufwendige Recherchen zu den Ereignissen der Zeit. Daran haben sich auch Schüler des Karl-Rehbein-Gymnasiums und der beruflichen Eugen-Kaiser-Schule beteiligt, außerdem die Hanauer Historikerin Iris Lach. Mystery-Adventure im ehemaligen Ghetto Denn das Spiel gehört zwar in die Sparte der Mystery-Adventure-Games, aber die Grundlagen sollen stimmen. Neben alten Karten und Fotografien sind auch Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, dem ersten jüdischen Maler, der internationale Bekanntheit erlangte, eine Quelle. Der 1800 in Hanau geborene Künstler wuchs im Ghetto auf und hielt Szenen in seinen Gemälden fest. Alles Grundlagen auch für die Schüler, die für das Spiel Modelle bauten, Charaktere entwickelten und testeten. So stammen die CAD-Daten, mit denen die Szenerie entwickelt worden ist, vom Hanauer Designer Philipp Lach. Er hatte alte Akten durchforstet, um für das Denkmal an der Nordstraße im 3D-Druck eine Nachbildung der Häuser aus Metall herstellen zu können. Schon die Recherche wies auf die wechselvolle Geschichte der Straße hin. Dass es alte Pläne überhaupt noch gegeben habe, hat Lach einmal erzählt, sei einem Mitarbeiter des Bauamts zu verdanken, der sie in einer anderen Akte versteckte und so vor den Nazis verbarg. Seit 20 Jahren gibt es in Hanau wieder eine jüdische Gemeinde Die Geschichte der Judengasse beginnt im Jahr 1603, als Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg das Privileg zur Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde erteilte. Schon Jahrhunderte zuvor hatten Juden in der Stadt gelebt, aber die erste Gemeinde war in den Pestpogromen Mitte des 14. Jahrhunderts ausgelöscht worden. 1608 wurde an der Nordstraße die Synagoge eingeweiht, 159 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde zu dieser Zeit. Ihre Gasse war an beiden Zugängen mit Toren versehen, die sonntags abgeschlossen wurden – denn dann durften die Bewohner das Ghetto nicht verlassen. Nach der Öffnung des Ghettos wuchs die Gemeinde bis 1822 auf 540 Mitglieder, das entsprach damals vier Prozent der Bevölkerung Hanaus. Die Geschichte der zweiten jüdischen Gemeinde in der Stadt endete unter der Naziherrschaft Deutschlands, bei den Novemberpogromen wurde auch die Synagoge zerstört. Wer nicht floh, dem drohte der Tod: 230 Hanauer Juden wurden von den Nazis im Holocaust ermordet. Erst 2005 wurde wieder eine jüdische Gemeinde gegründet, die meisten ihrer Mitglieder stammten damals aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Synagoge und ihr Gemeindezentrum sind an der Wilhelmstraße in der ehemaligen Zahnradfabrik Schwan eingerichtet worden. Für Entwickler Hachmeister und auch für Oliver Dainow, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde, bietet das Spiel einen neuen und niedrigschwelligen Weg, sich mit jüdischem Leben und der Geschichte Hanaus auseinanderzusetzen. Vertrieben werden soll das Spiel unentgeltlich über die Plattform Steam, aber auch eine im Browser spielbare Version soll aufgelegt werden. Einen Fan hat das Spiel schon jetzt: Uwe Becker, Präsident des Hessischen Rechnungshofs und Beauftragter der Landesregierung für Jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, sprach bei Vorstellung von „Echoes of Hanau“ von einer „großen Chance, jüdisches Leben sichtbar zu machen“.
