Herr Frasnelli, wenn im Sommer der Regen auf den heißen Asphalt fällt oder eine Wiese frisch gemäht wird, geraten manche Menschen regelrecht ins Schwärmen. Warum lösen manche Alltagsgerüche so intensive positive Gefühle aus? Grundsätzlich sind Gerüche flüchtige Duftstoffe, die beispielsweise von Bakterien im Boden oder frischem Schnittgras freigesetzt werden. Beim Einatmen gelangen diese Moleküle in die Nase und docken an spezialisierte Riechrezeptoren an, die über Nervenzellen Signale ins Gehirn leiten. Wenn im Sommer der typische Regengeruch, der sogenannte „Petrichor“, entsteht, nimmt unser Gehirn nicht bloß Chemie wahr: Der Geruch umgeht unseren rationalen Verstand und katapultiert uns direkt zurück in die unbeschwerten Sommerferien der Kindheit. Funktioniert das anders als bei den anderen Sinnen? Ja, das ist das Besondere am Geruchssinn: Die Signale werden direkt im limbischen System verarbeitet. Das Seh- oder Hörzentrum im Gehirn verarbeitet ausschließlich visuelle oder akustische Reize, bevor die Information weitergeleitet wird. Beim Riechen hingegen landen die Reize ohne Zwischenstation direkt dort, wo Emotionen, Erinnerungen, Belohnung und Lernen gesteuert werden. Deshalb wirkt ein Duft wie eine Zeitmaschine. Ein Phänomen, das in der Literatur als Proust-Effekt berühmt wurde. Ganz genau. Bei dem Schriftsteller Marcel Proust löste der Geruch einer in Lindenblütentee getauchten Madeleine eine Flut von Kindheitserinnerungen aus. Düfte rufen oft schlagartig sehr plastische, emotionale Erinnerungsbilder wach; man sieht plötzlich die Kleidung oder den Lippenstift einer Person vor sich, die man vor Jahrzehnten gekannt hat. Wann entstehen die stärksten Verknüpfungen von Duft und Erinnerung im Leben? Studien zeigen, dass diese geruchsbezogenen Gedächtnisinhalte vor allem im ersten Lebensjahrzehnt geprägt werden, während Musik- oder Bildassoziationen meist aus der Jugend und den Teenagerjahren stammen. Entscheidet also nur die persönliche Erinnerung darüber, ob wir einen Duft mögen? Nein, das ist einer von fünf wesentlichen Faktoren. Die ersten beiden liegen in der Natur des Duftstoffs selbst: Erstens seine chemische Struktur – Moleküle mit Schwefel riechen meist faulig und abstoßend, Moleküle mit Benzolringen oder Alkoholgruppen oft aromatisch oder fruchtig. Zweitens die Konzentration: Selbst das feinste Rosenwasser kippt ins Unangenehme, wenn es überkonzentriert ist. Umgekehrt riecht der Stoff Skatol in normaler Dosis nach Fäkalien, stark verdünnt jedoch blumig und wird daher sogar in Parfüms beigemischt. Die drei weiteren Faktoren hängen vom Menschen ab: unserer Genetik, unserer Erwartungshaltung und eben unserer persönlichen Vorgeschichte. Wie groß ist der Einfluss der Genetik? Riechen wir biologisch betrachtet alle dasselbe? Keineswegs. Wir Menschen besitzen etwa 400 verschiedene Typen von Riechrezeptoren. Zum Vergleich: Beim Sehen reichen uns vier Rezeptortypen für die gesamte Farbwahrnehmung. Aber nicht jeder Mensch besitzt dieselben 400 Rezeptoren. Sie haben vielleicht 410, ich 380, und meine 380 decken sich nicht komplett mit Ihren. Wir sind praktisch alle im Vergleich zueinander partiell „geruchsblind“. Ein bekanntes Beispiel ist Koriander: Wer eine bestimmte Rezeptorvariante besitzt, nimmt ihn als intensiv seifig und ungenießbar wahr, während andere ihn aromatisch finden. Jeder von uns riecht eine leicht andere Welt. Und die Erwartung kann diese Wahrnehmung noch einmal kippen? Enorm. Wir haben dazu ein Experiment gemacht: Wir ließen Probanden an einer Duftprobe riechen und deklarierten sie als Parmesankäse. Die Teilnehmer bewerteten den Geruch als angenehm und hielten ihn für hochgradig essbar. Später legten wir denselben Probanden exakt dieselbe Duftprobe noch einmal vor, diesmal aber mit der Beschriftung „Erbrochenes“. Die Bewertung stürzte ab: Der Geruch wurde als extrem abstoßend und absolut ungenießbar empfunden. Chemisch enthalten sowohl Parmesan als auch Erbrochenes Buttersäure beziehungsweise Milchsäurekomponenten. Allein das Etikett im Kopf entschied über Genuss oder Ekel. Manche Menschen riechen erstaunlich gern an Dingen, die eigentlich gesundheitsschädlich sind, wie zum Beispiel Benzin. Müsste die Evolution uns davor nicht warnen? Benzin enthält aromatische Kohlenwasserstoffe, die von der Molekülstruktur her per se nicht unangenehm riechen. Hinzu kommt eine berauschende, pharmakologische Wirkung auf das Nervensystem: Bestimmte flüchtige Substanzen überwinden die Blut-Hirn-Schranke und docken an Strukturen an, die unser Belohnungssystem aktivieren. Dieses System ist evolutionär eigentlich dafür gedacht, lebenswichtiges Verhalten zu belohnen: beispielsweise, wenn wir nach Hunger endlich essen, den Durst löschen oder soziale Nähe erfahren. Ich fand den Geruch in den Kellern meiner Großeltern immer toll. Können Sie mir das erklären? Hier greift ganz stark die emotionale Konditionierung. Rein biologisch wird dieser typische Kellergeruch durch organische Zersetzungsprozesse erzeugt, vor allem durch Bakterien und Schimmelpilze. Unter neutralen Bedingungen würde man das eher als modrig oder muffig ablehnen. Wenn Sie diesen Geruchseindruck als Kind aber verknüpft haben mit dem Gefühl von Geborgenheit, dann wird der Reiz positiv überschrieben. Das Gehirn trennt den Geruch nicht von der damaligen Situation. Bei mir ist es ähnlich mit Kaffeebohnen: Meine Großeltern arbeiteten in einer Rösterei; wenn ich frisch gerösteten Kaffee rieche, bin ich sofort wieder zu Besuch bei ihnen. Die persönliche Biographie triumphiert hier über die bloße Biologie des Schimmels. Werden wir eigentlich schon mit Vorlieben und Abneigungen geboren? Nur in Grundzügen. Neugeborene reagieren zwar empfindlich auf stechende Reize, aber fast alle Geruchspräferenzen müssen wir erst lernen. Ein Kleinkind empfindet ein Hundehäufchen nicht automatisch als eklig. Man muss ihm erst beibringen, dass man damit nicht spielt. Woran liegt es eigentlich, dass wir Gerüche oft so schlecht in Worte fassen können? Das ist ein anatomisches Problem. Das olfaktorische System, also das Organsystem für den Geruchssinn, und das limbische System liegen schlichtweg weit weg von den Sprachzentren des Großhirns, und die neuronalen Verbindungen dazwischen sind relativ spärlich. Es fällt uns generell schwer, pure Emotionen präzise zu verbalisieren. Bei Gerüchen ist es genauso: Wir erkennen einen Duft sofort wieder, können ihn aber kaum beschreiben, ohne Vergleiche anzustellen. Selbst Weinsommeliers oder Parfümeure haben nicht zwingend mehr Riechrezeptoren als andere Menschen – sie haben vor allem trainiert, das Wahrgenommene in Sprache zu fassen. Kann man seinen Geruchssinn auch gezielt trainieren? Ja, absolut. Wir haben in Studien gezeigt, dass sich der Geruchssinn durch regelmäßiges Training nachweislich verbessert und dass sich dabei sogar Hirnstrukturen verändern. Das gilt für Menschen, die nach Infektionen wie zum Beispiel Covid ihren Geruchssinn verloren haben, ebenso wie für Gesunde. Wie geht das? Es reicht schon, im Alltag bewusst an Gewürzen, Kaffee, Früchten oder Blumen zu schnuppern, zu vergleichen und aktiv darüber zu sprechen, sodass man sich die Gerüche bewusst macht. Warum parfümieren wir uns eigentlich so aufwendig? Wir senden permanent Signale aus, visuell durch Kleidung, Haare oder Make-up und eben auch olfaktorisch über unseren Körpergeruch. Mit Parfüm versuchen wir, diesen Eindruck zu steuern, etwa Aspekte unserer Identität zu unterstreichen. Die Gefahr ist dieselbe wie bei zu starkem Make-up: Wird es zu viel, wird das Parfüm zur Maske, hinter der der eigentliche Mensch verschwindet. Körpergerüche sind in unserer Kultur ein hochsensibles, intimes Tabu. Einem Kollegen zu sagen, er habe Petersilie zwischen den Zähnen, ist kein Problem. Ihm zu sagen, er rieche nach Knoblauch aus dem Mund oder Schweiß, gilt sofort als verletzender Übergriff. Was ist Ihr persönlicher alltäglicher Lieblingsduft? Im Herbst liebe ich den Geruch von frisch gerösteten Kastanien sehr. Und wenn es um etwas Ungewöhnliches geht: Ich rauche selbst zwar nicht, aber der Geruch einer ganz frisch angezündeten Zigarette in der Luft – den finde ich erstaunlicherweise sehr angenehm.
