FAZ 28.09.2026
08:45 Uhr

Gail-Gelände Giessen: Tech-Park statt Industriebrache


Keramikfliesen von Gail aus Gießen finden sich an vielen berühmten Gebäuden. Doch vor knapp 30 Jahren ging das Unternehmen pleite, das Gelände verfiel. Bald sollen junge Betriebe es beleben.

Gail-Gelände Giessen: Tech-Park statt Industriebrache

Wer durch den Elbtunnel in Hamburg fährt, muss an ihnen vorbei – Keramikfliesen der Gail’schen Tonwerke aus Gießen hängen an den Wänden. Auch neun Olympia-Schwimmbecken in aller Welt sind mit solchen Klinkern ausgekleidet worden. Doch als so langlebig wie seine Produkte hat sich das Unternehmen nicht erwiesen. Nach einer Blütezeit zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders und in den Siebzigerjahren ging es stetig abwärts, 1997 meldete die Geschäftsführung schließlich die Zahlungsunfähigkeit an. Ein Großteil des Betriebsgeländes im Süden der Uni-Stadt an der Lahn blieb sich selbst überlassen und verfiel zusehends. Die heimische Unternehmerin Christiane Roth möchte das aber ändern. Sie kündigt an, dass ein Technologie- und Gewerbecampus auf dem weitläufigen Gelände entstehen soll. Die Spitze der Stadtverwaltung äußert sich erfreut über die „konkrete Projektentwicklung“. Roth hat das Gelände vor zwei Jahren übernommen. Ihre Familie verdient unter dem Namen Roth-Energie ihr Geld unter anderem mit Treibstoffhandel und dem Betrieb von Tankstellen. Zu ihr gehört auch der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Adolf Roth, der vor seiner akademischen und politischen Karriere selbst im Unternehmen arbeitete. Für den Erwerb der gut 20 Fußballfelder großen Industriebrache gründete die Unternehmerin eigens eine Gesellschaft. „Wir haben Vorstellungen, aber zunächst müssen wir uns mit der Stadt abstimmen, um dann an der Aufstellung eines Bebauungsplans zu arbeiten“, sagte Architekt David Losberg, der bei Roth als Projektentwickler tätig ist, seinerzeit der „Gießener Allgemeinen“. Die Rede war von bis zu 1500 möglichen neuen Arbeitsplätzen am Ort. Zum Vergleich: Die Gail’schen Tonwerke beschäftigten in ihren besten Zeiten dort 1200 Mitarbeiter. Arbeit, Wissenschaft und Freizeit sollen auf das Gail-Gelände Ein Bebauungsplan für das 16-Hektar-Gelände war 2024 „in Bearbeitung“. Das galt schon seit 2007 – und zeigt, wie unsicher die Stadt mit Blick auf die Zukunft des Geländes war. Denn Interesse von Investoren gab es keines. Die Stadt will es als Standort für Industrie und Gewerbe erhalten, zumal es in Gießen an Betrieben aus diesen Branchen eher mangelt. Der Ansiedlung weiterer großflächiger Einzelhandelsunternehmen, wie sie im Süden der Kommune reihenweise anzutreffen sind, hat die Stadt dagegen eine Absage erteilt. Die Nutzungen Industrie und Gewerbe sind auch in übergeordneten Plänen wie dem Regionalplan Mittelhessen und dem städtischen Flächennutzungsplan festgeschrieben worden. Diesen Vorgaben entspricht Roth nun mit ihren groben Plänen. Sie spricht von einem Wirtschaftsstandort „für produktive Unternehmen sowie Forschung und Entwicklung“. Auch Handwerksbetriebe sollen dort Platz finden. Und: „Hier finden Arbeit, Wissenschaft, Kreativität und Freizeit zusammen. Ein integrierter Start-up-Inkubator als zentraler Baustein sorgt für Vernetzung der einzelnen Akteure am Standort und darüber hinaus“, so lautet die Vision. Vorbereitende Untersuchungen zu Umweltfragen und Verkehrsprognosen liefen schon, gleichzeitig werde ein Erschließungsplan erarbeitet. „Damit werden aktuell die erforderlichen Grundlagen für den Bebauungsplan gelegt“, hebt Roth hervor. In der jüngeren Vergangenheit hat ihre Gesellschaft mit Partnern für Zwischennutzungen die Industriebrache belebt. Zu nennen sind vor allem die „Gail-Night-Markets“, für die passend zum Vintage-Trend zahlreiche Aussteller rund um Design und Mode aus früheren Zeiten gewonnen werden konnten, ergänzt um kulinarische Angebote. Zu den bisherigen „Night Markets“ strömen jeweils einige Tausend Menschen. Anfang Dezember soll es den nächsten Markt dort geben. Als Ort dient die ehemalige Fliesenfabrik. Auf dem Gelände sind vor einigen Wochen auch Teile des Jugendfilms „Max und die wilde 7“ gedreht worden, in dem Lucas Herzog als Hauptcharakter Max neben Uschi Glas und Thomas Thieme spielt. Wer sich über die Hauptfahrt dem Gail-Gelände nähert, stößt aber zuerst auf das durch allerlei Schmierereien verunstaltete ehemalige Pförtnerhäuschen mit eingeworfenen oder mit Brettern zugenagelten Fenstern. Auch vor vielen Fenstern des folgenden größeren Geldklinker-Gebäudes, auf dem der mit Keramikfliesen geschriebene Firmenname „Baukeramik Gail Giessen“ steht, sind Bretter gegen Einbrecher angebracht worden. Die Stadt lobt nun die „guten ersten Abstimmungsgesprächen mit Vertretern der Eigentümerin“. Der Bebauungsplan-Entwurf, der die unterschiedlichen öffentlichen und privaten Belange berücksichtigen wird, könnte im nächsten Jahr in eine öffentliche Beteiligung geführt werden.