FAZ 06.06.2026
09:30 Uhr

Frankfurt: Wie ein Aktivist für barrierefreie Haltestellen kämpft


Seit Jahrzehnten kämpft Hannes Heiler in Frankfurt für einen Nahverkehr ohne Hürden. Er will sich nicht damit abfinden, dass Busse und Bahnen noch immer nicht flächendeckend für Behinderte frei zugänglich sind.

Frankfurt: Wie ein Aktivist für barrierefreie Haltestellen kämpft

Der städtische Verkehrsausschuss ist ohne ihn kaum vorstellbar. Regelmäßig ist Hannes Heiler dort in der ersten Besucherreihe anzutreffen. Als hätte er Cato den Älteren zum Vorbild genommen, meldet er sich in Abständen zu Wort und trägt seine Forderung vor. Nicht nach der Zerstörung Karthagos, sondern nach dem barrierefreien Umbau von Straßenbahnhaltestellen, von denen viele für Rollstuhlfahrer, aber auch für Menschen mit Rollator oder Kinderwagen ein Hindernis sind. Dass er für die Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft FBAG nur noch stellvertretender Sprecher des Fachausschusses Verkehr ist, hat sein Engagement nicht gebremst. Heiler will Barrieren aus dem Weg räumen und behinderten Menschen ermöglichen, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. „Und beim Verkehr sind sie persönlich besonders stark betroffen“, sagt Heiler. Das gelte nicht nur für Menschen im Rollstuhl. Seit Langem setze er sich für das Zwei-Sinne-Prinzip ein: Störungsmeldungen müssten über die Anzeige, aber auch per Ansage erfolgen, damit Blinde und Gehörlose informiert würden. Es sei ein Drama, dass beides in Linienbussen oft nicht funktioniere. Heilers Engagement hat zwei Wurzeln. Eine war der Zivildienst in einer Wohnstätte der Lebenshilfe in Mainz. Dorthin war er mit 20 Jahren aus Karlsruhe gekommen, wo er 1954 geboren wurde. „Eine verschnarchte Stadt.“ Seine Mutter sei sehr konservativ gewesen, da habe er Abstand gewinnen wollen. Heiler zeigte eine „gewisse Protesthaltung“ schon durch sein Äußeres – bis heute. „Ich war am Tag vor dem Abi zum letzten Mal beim Friseur.“ Von 1976 an arbeitete Heiler bei dem VHS-Kurs mit, den Gusti Steiner, ein Gründer der emanzipatorischen Behindertenbewegung, mit dem Autor und Filmemacher Ernst Klee in Frankfurt hielt. „1974 gab es an der Hauptwache die erste Demonstration in Deutschland für einen barrierefreien Nahverkehr“, sagt er. Ein Rollstuhlfahrer blockierte eine Straßenbahn, während ein anderer zeigte, dass ihm das Einsteigen unmöglich war. Vier Jahre lang studierte Heiler an der Fachhochschule Wiesbaden Sozialarbeit. Kurz danach lernte er Petra Rieth kennen, die seit ihrer Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen war. Sie wurde der zweite Grund, warum ihn das Thema nicht mehr losließ. „Wir haben abenteuerliche Dinge gemacht“, erzählt er. Dazu gehörte schon, gemeinsam in den Urlaub zu fahren, zum Beispiel 1984 mit dem Zug nach Barcelona. „Nach vier Wochen waren die Achsen des Rollstuhls krumm.“ Dass sie so lange dort waren, lag an der Dialyse, der sich seine Partnerin dreimal in der Woche unterziehen musste. „Da kann man nicht viel machen.“ Mit Rieth, die vor sieben Jahren gestorben ist, leitete Heiler Anfang der Neunzigerjahre einen „Gebrauchstauglichkeits-Überwachungsverein“. Der „GÜV“ teste unter anderem Rollstühle auf ihre Sicherheit.  „Wir haben einen kleinen Hersteller überredet, die großen Räder mit einer Federung auszustatten.“ Seit 26 Jahren arbeitet Heiler hauptberuflich beim Verein „Selbst e.V.“. Dieser unterstützt die behinderten Mitglieder dabei, als Arbeitgeber ihre Helfer anzustellen. „Die 75 Betroffenen beschäftigen 300 Helfer, das reicht bis zur Rund-um-die-Uhr-Betreuung“, erläutert Heiler. Was oft ein Ringen mit den Kostenträgern bedeute. „Wir müssten einen Volljuristen einstellen.“ „Aktiv-Rente“, sagt Heiler dazu, dass er dort noch immer tätig ist. Um den Verkehr will er sich weiter ehrenamtlich kümmern, unter anderem im Fahrgastbeirat. Dort mache er noch einmal fünf Jahre lang mit. Auch wenn er merke, dass er kürzertreten müsse: „Dass ich meinen Mund halte, ist unwahrscheinlich.“