FAZ 04.10.2026
12:00 Uhr

Frankfurt: Als die Alte Brücke noch ganz neu war


Lange Zeit kamen die Frankfurter nur an dieser Stelle trockenen Fußes über den Main: Die Geschichte der Alten Brücke reicht weit zurück. Vor 100 Jahren wurde sie neu errichtet.

Frankfurt: Als die Alte Brücke noch ganz neu war

Es war eine Eröffnung mit Paukenschlag. Als Erstes explodierte eine „Luftgranate mit mächtiger Detonation“. Danach stiegen weitere Feuerwerksraketen in den Abendhimmel über Frankfurt. Immer neue Explosionen hallten zwischen den beiden Uferseiten des Mains wider. Funkenregen und Feuerschweife spiegelten sich auf der dunklen Wasseroberfläche. Sogar ein Wasserfall aus Licht ergoss sich von der Alten Brücke. So steht es im Programm des Feuerwerks, mit dem die Stadt Frankfurt die Wiedereröffnung ihrer Alten Brücke einläutete. Den Abschluss bildete die sogenannte „Schluß-Front“ – ein „Grandioses Bombardement von Bomben erlesenster Art“. Man kann sagen: Wer von der Wiedereröffnung der Alten Brücke noch nichts mitbekommen hatte, wusste spätestens jetzt davon. Zum feierlichen Anlass hatten die Stadt Frankfurt und ihr Oberbürgermeister Ludwig Landmann auch einen Film in Auftrag gegeben, der das festliche Treiben am folgenden Tag, dem 15. August 1926, zeigt. Das war der Tag der Eröffnung. Zwischen den neuen Straßenlaternen spannten sich Girlanden auf der Alten Brücke. Ringsherum waren die Häuserfronten mit rot-weißen Frankfurt-Flaggen dekoriert. Am Mainkai hatte die Stadt eine Zuschauertribüne aufstellen lassen, wie für ein Sportereignis. Doch nicht einmal sie konnte den zahllosen Schaulustigen genug Platz bieten. Ein Zwischentitel des Stummfilms gibt die Atmosphäre so wieder: „Alles ist in fieberhafter Erwartung, zu beiden Seiten des Mains – eine unübersehbare Menschenmenge.“ Schon damals war die Alte Brücke als ein Wahrzeichen bekannt. Sie war die erste Frankfurter Brücke, die über den Main führte. Damit verband sie nicht nur beide Mainufer, sondern war auch ihrerseits eng mit der Frankfurter Geschichte verbunden. Schon Johann Wolfgang von Goethe schrieb in seiner Autobiographie „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“: „Am liebsten spazierte ich auf der großen Mainbrücke. Ihre Länge, ihre Festigkeit, ihr gutes Ansehen machte sie zu einem bemerkenswerten Bauwerk.“ Die Geschichte der Brücke reichte bis ins Hochmittelalter zurück. Schon vor ihrer ersten Erwähnung im Jahr 1222 dürfte es an dieser Stelle hölzerne Vorläufer gegeben haben. Bis ins 19. Jahrhundert blieb die Alte Brücke die einzige Frankfurter Mainbrücke. Auch an Symbolen war sie reich. So platzierte man 1843 eine Sandsteinstatue Karls des Großen auf der Brücke. Geehrt wurde er damit als mythischer Stadtgründer. Der Legende nach hatte Karl der Große Frankfurt gegründet, als er im Krieg mit den Sachsen lag. Dabei sei Karl mit seinen Franken an den Main gekommen und habe ihn von Süden her durchqueren wollen. Erst habe er nicht gewusst, wo das möglich war. Doch dann habe er eine Hirschkuh durch das Wasser waten sehen. Ihr folgend, seien Karl und seine Franken durch eine flache Stelle im Wasser gezogen, eine Furt. Auf der anderen Mainseite hätten sie dann die Stadt Frankfurt gegründet – die Furt der Franken. Die Sachsen wiederum seien zu spät gekommen. Sie hätten die Hirschkuh nicht mehr gesehen und daher auf der anderen Uferseite hausen müssen – in Sachsenhausen. So weit jedenfalls die Legende. Gleich zwei Festumzüge Bis ins 17. Jahrhundert fanden auf der Alten Brücke zudem Hinrichtungen statt. Vom mittleren Brückenbogen, markiert mit einem Kruzifix, stürzte man die Delinquenten in den Main, der an dieser Stelle am tiefsten war, sodass sie ertranken. Über die Jahrhunderte wurde die Alte Brücke immer wieder baufällig. Abnutzung, Hochwasser und Eis beschädigten sie oder zerstörten sie manchmal auch. Mehrfach musste man die Brücke ausbessern oder wiederaufbauen. Im Jahr 1914 kam es zum endgültigen Abriss. Zwar war ein Neubau auch zu dieser Zeit schon vorgesehen, doch der Erste Weltkrieg und seine Folgen verschleppten dieses Vorhaben. Erst zehn Jahre nach dem Abriss, 1924, lief der Wiederaufbau an. Noch im selben Jahr wurde Ludwig Landmann Oberbürgermeister. Er brachte den Brücken-Neubau dann zu seinem Abschluss. Der Film zeigt Landmann bei der Wiedereröffnung. Im Anzug steht er zwischen Stadtoberen in Frack und Zylinder sowie historisch gekleideten Stadtwachen mit Kniebundhosen, Zweispitz und Hellebarden. Auch wenn seine Rede im Stummfilm nicht zu hören ist, hat sich das Redemanuskript erhalten. Ihm zufolge sprach Landmann zunächst über den Ersten Weltkrieg, dessen Folgen schwer auf Deutschland gelastet und auch den Neubau der Brücke verlängert hätten. Inzwischen seien die Krisen aber überstanden. Die Alte Brücke sei nun wiederaufgebaut, und Deutschland finde „wieder den Weg aus dem Dunkel ins Licht“. Dass Landmann, als ein überzeugter Demokrat, mit diesem neuen Licht auch die Weimarer Demokratie gemeint haben könnte, legt auch der Abschluss seiner Rede nahe. Darin formulierte er den Wunsch, „dass alle Hoffnungen auf Frieden, Freiheit und Wohlfahrt, die wir an die Zukunft knüpfen, erfüllt werden!“ Dann durchschnitt Landmann das Brückenband und gab die neue Alte Brücke frei. Es folgten ein doppelter Festumzug, zu Fuß über die Brücke und mit dem Schiff unter der Brücke hindurch, sowie ein Volksfest mit Bierzelt am Eisernen Steg. Doch Landmanns Hoffnung auf Frieden und Freiheit erfüllte sich nicht. 1939, als Landmann schon in die Niederlande geflohen war, begannen die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg. Im März 1945, als Landmann bereits im Versteck gestorben war, sprengte die deutsche Wehrmacht in einem letzten Aufbäumen alle Frankfurter Mainbrücken, auch die Alte Brücke. Den Einmarsch der amerikanischen Armee verhinderte das nicht. Zwei Jahre nach dem Kriegsende wurde die Brücke dann noch einmal neu gebaut – zunächst nur provisorisch, bis in die Sechzigerjahre hinein aber auch wieder voll verkehrsfähig. Seitdem folgten mehrere Sanierungen, zuletzt im Jahr 2014. Zwei Jahre darauf wurde außerdem eine Kopie der Statue Karls des Großen wieder an der Brücke aufgestellt. In ihrer reinen Bausubstanz ist die Alte Brücke inzwischen nicht mehr die älteste Frankfurter Brücke. Bis heute bleibt sie aber die Frankfurter Brücke mit der längsten Tradition.