FAZ 14.09.2026
12:23 Uhr

Formel 1 in Madrid: Oma Antonelli auf Sonntagsfahrt


Kimi Antonelli fährt „wie eine Oma“ über den Formel-1-Kurs an der Madrider Messe. Noch schaut er wie ein kleiner Bruder auf die Weltmeister Max Verstappen und Lando Norris. Das wird sich ändern.

Formel 1 in Madrid: Oma Antonelli auf Sonntagsfahrt

Die meisten redeten noch über die engen Gassen und scharfen Kurven, da hatte Kimi Antonelli aus Bologna schon eine andere Idee. Wer auf der neuen Strecke in Madrid gewinnen wolle, müsse auf die Reifen aufpassen, sagte er. Er müsse fahren „wie eine Oma“, defensiv, umsichtig, schonend. Einen Tag später stand der 20 Jahre alte Antonelli ganz oben auf dem Podium, er hatte gewonnen. Wieder einmal. Schon zum achten Mal in dieser Saison, zum achten Mal seit April. Zum ersten Mal in Madrid, wo die Formel 1 seit Jahrzehnten nicht haltgemacht hatte. Und wo viele befürchteten, die Rennstrecke könnte vor lauter Crashs am Sonntagabend aussehen wie ein Hühnerstall, den nicht nur eine Oma verwüstet hat. Antonelli aber ist ein patenter Rennfahrer, der auf dem Weg zu seinem ersten Titel nicht aufzuhalten scheint. 81 Punkte liegt der Italiener vor seinem Mercedes-Teamkollegen George Russell, über 100 Punkte sind es auf die weitere Konkurrenz. Neun Rennen plant die Formel 1 noch. Wer soll den Italiener aufhalten? Er fährt mit dem Hunger eines Jungen und der Ruhe einer Großmutter. Es ist gerade eine Woche her, dass der WM-Führende in Italien zum Nationalhelden-Status raste, als er in Monza von Platz 19 nach vorne fuhr. Das war das Spektakel der Saison. Antonelli machte einen stage dive wie die großen Rockstars, er blickte in die Augen seiner weinenden Fans. Er war auf der schnellsten Strecke das perfekte Angriffsrennen gefahren. Eine Woche später, auf dem neuen Parcours in Madrid, klagten tagelang die älteren Fahrer über das Streckendesign. Die beiden Weltmeister Lando Norris und Max Verstappen darüber, dass es keine Möglichkeit zu überholen gebe. Verstappen wiederholte das am Sonntag, als ihn ein Reporter auf seine Abwehrkünste im Rennen ansprach. Nur in der Mitte habe er fahren müssen, lächelte der Niederländer. Antonelli betrachtete ihn von der Seite und nickte, wie der kleine Junge neben dem großen Bruder. Antonelli hatte den Parcours schon früh als das „kompliziertere Monaco“ gelobt. Ein enges Stadtrennen also, auf dem es darum geht, konzentriert seinen Platz zu verteidigen. Selten darum, anzugreifen. Wer vorne fährt, muss schließlich nicht überholen. Das tat Antonelli fast das gesamte Wochenende. Am Samstag im Qualifying hatte ihn der amtierende Weltmeister überrascht. Lando Norris war im McLaren auf Platz eins gerast, in der letzten Runde der Session. Der Brite war in Madrid der einzige Fahrer, der Antonelli gefährdete. Auch im Rennen lag Antonelli hinter Norris, bis McLaren entschied, ihn während einer virtuellen Safety-Car-Phase in die Box zu holen. Der Stopp dauerte länger als geplant, die Streckenposten holten die gelbe Fahnen ein: freie Fahrt. Norris kam als Fünfter auf die Strecke zurück. Später sagte Antonelli: Ich habe den Sieg nicht verdient, Norris schon. War das der Junge, der den sechs Jahre Älteren respektiert? Oder der Senior, der geschickte Komplimente verteilt? Norris haderte: „Es war nicht mein Fehler, ich fahre nur das Auto.“ Auch nicht der seines Teams, schließlich könne niemand wissen, wann wieder Vollgas erlaubt sei. „Wir hatten einfach kein Glück.“ Antonelli schon. Aber Glück hatten auch Charles Leclerc, Verstappen und George Russell. Sie alle zogen mit ihm an Norris vorbei. Antonelli ließ sich nicht verunsichern, als Verstappen und Russell im Rückspiegel auftauchten, während vor ihm Leclerc auf eine rote Fahne hoffte, um seine alten Reifen gegen neue zu tauschen. Leclerc verschwand irgendwann in die Boxengasse. Antonelli hatte freie Fahrt. Knapp 100.000 Motorsportfans, darunter die Sportstars Rafael Nadal, Jude Bellingham und Vini Jr., sahen Antonelli die Kurven hinter sich lassen. Wie eine alte Frau auf Sonntagsfahrt, souverän, fehlerfrei. Ein Meisterstück sei das gewesen, rief ihm sein Team per Funk ins Ohr, wie vor einer Woche in Monza. In Madrid gelang es einer anderen Disziplin. Das war kein Angriffsrennen, eher ein Defensivspektakel. Antonelli kann beides, attackieren und verwalten. Mercedes-Teamchef Toto Wolff versuchte nach dem Rennen, die Interessen seiner beiden Fahrer zu balancieren. Russell war nur Fünfter geworden, haderte mit seiner Reifenstrategie und den fehlenden Überholmöglichkeiten. „Ein Teil der Box ist zufrieden, der andere nicht“, sagte Wolff. „Wir geben beiden Fahrern die größtmögliche Unterstützung, egal was passiert. Und deshalb geht es manchmal darum, den Fahrer zu trösten, manchmal darum, ein bisschen mehr Druck auszuüben.“ Er habe ein schlechtes Gewissen, sagte der Teamchef. Russell fuhr die schnellste Rennrunde. „Offensichtlich steckt es in ihm, es steckt im Auto, und wir müssen es nur freisetzen“, sagte Wolff. Mercedes fährt in der Konstrukteurswertung allen davon, weil Antonelli ein Rennen nach dem anderen gewinnt. Als der Italiener in Madrid im Ziel ankam, rannte er nicht als Erstes zu seinem Vater, der ihm eine rote Rose in die Hand drückte und ihn abknutschte. Auch nicht in die Arme seines Teams. Antonelli ging erst auf Verstappen zu, um mit ihm das Rennen zu besprechen. Der Niederländer freute sich. Später fragte jemand Verstappen, ob Antonelli noch aufzuhalten sei. Und was er von ihm, dem viermaligen Weltmeister, lernen könne. „Er ist noch sehr jung, er sollte sich nicht stressen“, antwortete Verstappen, vier Titel, acht Jahre und zehn Saisons älter. Er kann es sich leisten, Antonelli zu loben. Kimi werde noch erfahrener, sagte Max, aber: „Er fliegt heute schon.“ War das schon die weiße Fahne? Verstappen liegt 147 Punkte zurück. Und sagt: „Ich glaube nicht, dass es noch ein Comeback von mir gibt.“ Antonelli schaute zum Boden und schmunzelte. Das tat er auch, als Norris ihn danach für seinen „erschreckend guten Job“ lobte und sagte, er wolle ihm, dem kommenden Weltmeister, keine Ratschläge geben. „Ich freue mich auf viele gemeinsame Jahre Racing“, sagte Norris. Antonelli nickte. Da war er wieder, der kleine Bruder Kimi zwischen den großen Weltmeistern. Er wird bald einer von ihnen sein.