FAZ 26.09.2026
14:53 Uhr

Formel 1 in Baku: Russell schafft seinen persönlichen Neustart


Während sich Kimi Antonelli nach seiner verpatzten Qualifikation in Baku leidlich erfolgreich durch den Verkehr quält, gewinnt George Russell das Rennen mit Macht und Bedacht.

Formel 1 in Baku: Russell schafft seinen persönlichen Neustart

Die lediglich 0,196 Sekunden, die George Russell am Ende des Großen Preises von Aserbaidschan vor Max Verstappen liegt, erzählen nicht die Geschichte des Rennens. Über weite Strecken fuhr der Brite im Silberpfeil mit sich selbst um die Wette, hatte schon zehn Sekunden Vorsprung – bis zwei Safety-Car-Phasen direkt hintereinander alles zunichtezumachen drohten. Das Chaos trug mit zur Schadensbegrenzung von WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli bei, der an einem verkorksten Wochenende vom 16. Startplatz aus am Ende Fünfter wurde. Damit hat er immer noch komfortable 66 Zähler Vorsprung auf den Teamkollegen Russell. „Schön, wieder hier zu stehen“, sagt Russell nach seinem achten Karrieresieg, „ich fühle mich wieder mehr wie ich selbst in diesem Auto. Ich habe das Gefühl, dass ich aus der Krise raus bin.“ Dann bedankt er sich ausdrücklich bei all jenen, die auch in schwierigen Zeiten an ihn geglaubt haben. Und gibt zu: „Es wäre schlimm gewesen, wenn Max mich am Ende noch eingeholt hätte.“ Der Mercedes-Pilot darf zufrieden sein, hat 15 Zähler auf Antonelli aufgeholt und kündigt an: „Jetzt geht es ans Eingemachte.“ Mit acht Zehnteln Vorsprung auf eine Pole-Position in der Formel 1 fahren, das ist nicht bloß ein Wort, das ist ein Machtwort. Die Stärke, die im Heck des Silberpfeils steckt, überträgt sich auch auf den Fahrer. Der auf den Straßen von Baku ausnahmsweise mal nicht Kimi Antonelli heißt, sondern George Russell. Der Brite hat nach seinem Qualifikationserfolg vom Freitag beim 15. WM-Lauf die große Chance, seinen italienischen Teamkollegen in der Gesamtwertung nicht enteilen zu lassen, denn der Spitzenreiter setzte gleich zu Beginn der Qualifikation seinen Mercedes in die Mauer, muss von Rang 16 starten. Russell begegnet der Genugtuung mit Souveränität: „Es ist sein erster richtiger Fehler in diesem Jahr. Ich würde Kimi nicht abschreiben. In Monza ist er von ganz hinten gestartet und hat dann gewonnen, deshalb erwarte ich ihn schnell wieder ganz vorn.“ Antonelli zeigt eine langsame Aufholjagd Die Prognose scheint sich zu Beginn des Rennens am Kaspischen Meer nicht zu bewahrheiten. Russell selbst zieht davon, das befürchtete Chaos am Start bleibt aus. Oscar Piastri im McLaren und Max Verstappen im Red Bull, die noch Sieglosen unter den Top-Piloten, mischen die Spitzengruppe auf, während die Ferrari-Piloten Charles Leclerc und Lewis Hamilton abermals nicht mithalten können. Antonelli ist nicht so dumm, auf der engen und tückischen Piste zu viel zu riskieren, fällt sogar auf den 17. Platz zurück. Erst nach fünf der 51 Runden beginnt er den Aufstieg in der Rundentabelle, und der ist ob der auferlegten Zurückhaltung mühsam: Nach 13 Umläufen ist er als Elfter in Schlagdistanz zu den Punkten. Wer gewohnt ist, meist vorn zu fahren, der muss im Getümmel erst seinen Rhythmus finden. Es gilt, den inneren Antrieb – in seinem Fall den Ärger über den eigenen Fehler – in kontrollierte Aggressivität zu verwandeln. Alle, die aufholen müssen, lauern auf ein Safety-Car, das bislang immer eine sichere Wette auf der improvisierten Rennstrecke war. Max Verstappen vertraut für gewöhnlich lieber auf sich selbst, der Niederländer schimpft schon das ganze Wochenende über sein Auto, mal über die Bremsen, mal über die Reifen, um dann doch schnell von acht auf drei zu springen und Piastri unter Druck zu setzen. „Sagt ihm, dass er schneller fahren soll“ Sein Teamkollege Isack Hadjar, gerade von einer Handverletzung genesen und mit einem frischen Vertrag für die kommende Saison ausgestattet, sitzt dem Niederländer im Nacken. Die Box stellt dem Franzosen frei, zu überholen, doch der will es noch nicht darauf ankommen lassen. Frech funkt er zurück: „Sagt ihm, dass er schneller fahren soll.“ Das hat sich bislang auch noch keiner getraut. Hadjar wird am Ende Dritter. Kimi Antonelli hat nach 17 Runden mittlerweile die Punkteränge erreicht und sollte sich eigentlich frische Reifen holen. Doch die Prophezeiungen, wie lange die Gummimischungen halten, halten einmal mehr der Realität nicht stand – heißt in diesem Fall: Sie halten länger als gedacht. Und die Strategen am Kommandostand halten damit die Fahrer ein ums andere Mal hin. Ein Geduldsspiel für die Piloten und das Publikum. George Russell hat zur Halbzeit fast zehn Sekunden Vorsprung auf Piastri, der im Vorjahr als WM-Spitzenreiter nach Aserbaidschan gekommen war und dort mit einem Crash seinen bis heute anhaltenden Abstieg eingeleitet hatte. Russell ist für einen Moment unkonzentriert und streift die Mauern, er sorgt sich, dass der Reifen Luft verlieren könnte. In der 31. Runde rammt Alex Albon seinen Williams wie ein Pfeil in die Barrieren, Bernd Mayländer kommt zu seinem erwarteten Einsatz, sofort kommt Antonelli zum Reifenwechsel und spart durch die Neutralisierung viel Zeit. Ein ohnehin kompaktes Feld schiebt sich noch mehr zusammen, ein neues Rennen kann beginnen. Antonelli geht den Neustart von Platz acht aus an, 16 Runden bleiben noch, alles wiedergutzumachen. Es beginnt mit einem Gerangel im Windschatten, und schon ist Verstappen an Piastri vorbei. Hinten kegelt Franco Colapinto mit einem spektakulären Verbremser sich und ein paar andere von der Piste, für Opfer Lando Norris dürften damit alle vagen Chancen zur Titelverteidigung dahin sein. Kimi Antonelli kann gerade noch ausweichen – und die Safety-Car-Lichter gehen wieder an. Nächster Versuch, noch mal 13 Runden. Die Unterbrechungen lassen die Reifen kalt werden, Oscar Piastri rutscht aus der Kurve und ans Ende des Feldes. So schnell kann ein Podium verloren gehen. Eine Warnung an Antonelli, der sich als Sechster hinter den beiden Ferrari positioniert. Den größeren Druck verspürt George Russell, in dessen Rückspiegel sich Max Verstappen immer größer zeigt. Kimi Antonelli hingegen ist an Lewis Hamilton vorbei und schon Fünfter, was mit Blick auf die Gesamtwertung vielleicht eines seiner wichtigsten Überholmanöver war. Den letzten WM-Punkt des Tages verpasst Nico Hülkenberg mit dem runderneuerten, aber doch enttäuschenden Audi nach einem Fahrfehler als Elfter knapp. Ganz vorn holt sich George Russell von der Box die Freigabe, die letzten Zusatz-PS aus seinem Sechszylinder rauszuholen – er siegt mit Macht und Bedacht.