FAZ 24.09.2026
22:11 Uhr

Football-Variante: Die Taunus-Enklave der Flag Footballer


In zwei Jahren ist Flag Football zum ersten Mal olympisch. Deutschland rechnet sich gute Chancen für die Qualifikation aus. Auch weil ein Ort im Taunus ein Viertel der Nationalspieler stellt.

Football-Variante: Die Taunus-Enklave der Flag Footballer

Zu den großen Gewinnern bei den diesjährigen Finals in Hannover zählen die Damen der SG Kelkheim Lizzards. Erstmals in der Vereinsgeschichte sicherte sich das Team aus dem Taunus die deutsche Meisterschaft im Flag Football. Bei der kontaktlosen Variante des American Football zählt Kelkheim bereits seit einigen Jahren zu einer der Topadressen in Deutschland. 2028 gibt die Sportart im Mutterland bei den Olympischen Spielen in Los Angeles ihr Debüt. Nach der Gründung 2001 sind die Lizzards schnell zu einem der erfolgreichsten Flag-Football-Vereine aufgestiegen. Die Herren gewannen in den ersten Jahren mehrmals die deutsche Meisterschaft. Was nicht von ungefähr kommt: In Kelkheim steht mit dem Sportplatz „Im Stückes“ seit vielen Jahren eine Anlage, die aus zwei reinen Flag-Football-Feldern besteht. Fußball musste der stetig wachsenden Sportart weichen und ist nur noch auf dem Kleinfeld vertreten. In diesem Jahr landeten die Hessen auf Platz vier. Die Damen haben sich drei Jahre nach Gründung einer Frauenliga im Flag Football ebenfalls unter den Topvereinen in Deutschland etabliert. Im Meisterschaftsfinale setzten sich die Kelkheimerinnen Ende Juli 32:20 gegen die Munich Spatzen durch. Es war das Verdienst einer intensiven und langen Entwicklung über die gesamte Saison. „Erfolg ist für mich immer ein Stück weit langfristig. Und langfristigen Erfolg aufzubauen, ist deutlich schwieriger. Das gilt es jetzt zu zeigen, dass wir das hinbekommen, dass wir auch in den nächsten Jahren immer wieder oben mit dabei spielen“, sagte Trainer Torsten Grom der F.A.Z. „Wir wollen immer die Chance haben, deutscher Meister zu werden.“ Der Unterschied zum American Football Im Gegensatz zum American Football ist Körpereinsatz und damit auch das klassische „Tackling“ im Flag Football verboten. Stattdessen tragen die Spieler an ihrem Körper einen Gürtel, an dem je zwei Flaggen befestigt sind. Wird mindestens eines dieser Stoffelemente erfolgreich von den Gegenspielern herausgezogen, ist der Spielzug beendet. Statt der üblichen elf Spieler pro Team stehen sich außerdem nur jeweils fünf Spieler gegenüber. Der Platz ist mit etwa 70 Yards (64 Meter) Länge und 25 Yards (23 Meter) Breite deutlich kleiner als beim American Football. Der Spielablauf ist bei den beiden verwandten Sportarten jedoch nahezu identisch. Das angreifende Team hat vier Versuche Zeit, um mit einem Pass- oder Laufspielzug einen gewissen Raumgewinn zu erzielen. Gelangt die Mannschaft schließlich am Ende des Spielfelds in die Endzone, erhöht sich ihr Punktestand durch einen Touchdown um sechs Punkte – ein Extraversuch gibt die Möglichkeit für einen oder zwei weitere Punkte. Gespielt werden insgesamt zweimal zwanzig Minuten, die bei der Flagvariante insbesondere von Schnelligkeit und geschickten Körpertäuschungen geprägt sind. Der Erfolg der Lizzards entsteht in der Region In Kelkheim hat sich Flag Football seit vielen Jahren als eine äußerst beliebte Sportart etabliert. „Zu den Hauptstoßzeiten bei der Jugend hat der Platz keine Kapazitäten. Das ist spannend zu sehen“, erzählt Trainer Grom stolz. Durch ihre erfolgreiche und besonders engagierte Jugendarbeit sind die Lizzards längst über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Der Verein kann mit 273 aktiven Mitgliedern mit Fußballvereinen aus der Region konkurrieren. Zu den drei Jugendmannschaften gehört inzwischen auch eine U7, die bereits Kinder an die abwechslungsreiche Sportart heranführt. Hinzu kommt, dass die Lizzards ihren Sport im Landkreis kontinuierlich fördern und mit Lehrkräften und Schulen zusammenarbeiten. Die verschiedenen Programme, die auch eine Kooperation mit der Goethe-Universität in Frankfurt beinhalten, bringen motivierte junge Menschen in den Verein. Für sie ist der Sport vor allem durch die geringe Einstiegshöhe mit niedrigen Kosten interessant. Anders als beim American Football wird keine teure Schutzausrüstung benötigt. Für sein besonderes ehrenamtliches Engagement im Flag Football wurde Torsten Grom, der neben seiner Arbeit in Kelkheim auch im Hintergrund für die beiden Teams der Nationalmannschaft aktiv ist, 2024 mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet. Die erste Chance auf Olympia verpasst Vor gut fünf Wochen bot sich den Kelkheimer Spielern um Philipp Klein, Theo Hack, Timo Straßburger, Daniel Grom bei den Herren sowie Hannah Bahn, Carla Törner, Nora Cermak, Nina Barkhausen und Anja Kreitczick bei den Damen die Möglichkeit, für den nächsten großen Triumph zu sorgen. In Düsseldorf wurde mit insgesamt 16 Frauen- und Männer-Nationalteams aus 19 Nationen die Heimweltmeisterschaft ausgetragen. Ein Sieg im Endspiel bedeutete automatisch auch die frühzeitige Qualifikation für die Olympischen Spiele in zwei Jahren. Erstmals wurde das Turnier mit Unterstützung der NFL organisiert. Die Profiliga hat längst das Potential des Ablegers entdeckt und fördert den Sport kontinuierlich, um die Trendsportart besser aufzustellen. „Das, was wir als Sport niemals leisten könnten, macht die NFL“, ist sich Grom daher sicher. Flag Football ermöglicht es dem großen Ligaverband aus den USA als eigene olympische Variante zudem, auf den internationalen Märkten und in Europa weiter Fuß zu fassen. Beim wichtigen Turnier in Düsseldorf war für die deutschen Nationalteams aber jeweils im Viertelfinale Schluss. Insbesondere die Frauen mussten mit einer 34:35-Niederlage gegen die USA ein denkbar knappes Aus hinnehmen. Deutschland kann also noch nicht frühzeitig mit den Spielen in Los Angeles planen. Bei den Frauen jubelte letztlich Kanada über das erste Olympia-Ticket – die USA wurden bei den Männern ihrer Favoritenrolle gerecht. Für Chef de Mission Torsten Grom ist jedoch klar, dass mit dem fünften Platz bei den Frauen und Rang acht bei den Männern eindeutig der richtige Weg eingeschlagen wurde: „Beide Teams stehen damit fest unter der Weltspitze. Im Vergleich zum Vorjahr ist ein deutlicher Schritt nach vorne sichtbar. Der Traum von Los Angeles 2028 lebt definitiv weiter und ist absolut realistisch.“ Die Lizzards stellten an diesem intensiven Wochenende zudem mit insgesamt neun von 40 Spielern bei den Frauen und Männern die höchste Dichte an Nationalspielern aller deutschen Vereine. Und der Traum von Olympia ist für diese noch lange nicht ausgeträumt: Mit der Europameisterschaft im kommenden Jahr und der möglichen Qualifikation für die Olympic Q-Series 2028 gibt es für Deutschland als eine der Topnationen in Europa weiterhin einen realistischen Weg zu den Olympischen Spielen. Neben den deutschen Meistern könnte Kelkheim in Zukunft also vielleicht auch einige Europameister und Olympiateilnehmer in seinen Reihen zählen.