FAZ 06.05.2026
16:07 Uhr

Fluggesellschaft: Lufthansa strebt trotz Krise höheren Gewinn an


Die Kerosinrechnung steigt in diesem Jahr wohl um 1,7 Milliarden Euro. Lufthansa will das durch höhere Ticketeinnahmen kompensieren. Doch der zuversichtliche Ausblick hat einen Haken.

Fluggesellschaft: Lufthansa strebt trotz Krise höheren Gewinn an

Über neue Flugzeuge redet der Vorstandsvorsitzende von Lufthansa, Carsten Spohr, normalerweise ausgesprochen gern. Bei der Vorlage der Geschäftszahlen für den Jahresauftakt am Mittwoch geht es aber weniger um die Flugzeuge als um deren Tanks und die Frage, ob diese bei einer andauernden Krise am Persischen Golf noch alle gefüllt werden können. Nur einmal, fast beiläufig, erwähnt Spohr, dass Lufthansa in diesem Jahr fast jede Woche ein neues Flugzeug erhalte. Und all diese Jets verbrauchten weniger Kerosin als die zu ersetzenden älteren Exemplare, womit er thematisch schon wieder beim Kraftstoff ist. „Leider ist der Ausblick nicht so transparent, wie man sich das wünschen würde“, sagt Spohr zum Kerosinbezug. Für die kommenden sechs Wochen habe er von Lieferanten die Gewissheit, dass an allen Verkehrsknoten des Konzerns stets genug Kraftstoff da sein werde. Für die Zeit danach fehlen solche Zusagen. Es ist unklar, ob es dann zu Engpässen kommt oder nicht. Ob Lufthansa die Geschäftsprognose erfüllen kann, wird davon abhängen. Der Konzern will in diesem Jahr das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern „deutlich“ über den Vorjahreswert von knapp zwei Milliarden Euro heben. Streiks kosten im zweiten Quartal 150 Millionen Euro „Deutlich“ meine einen „Anstieg um mehr als zehn Prozent“, sagt Finanzvorstand Till Streichert. Er sei weiter der Ansicht, dass das gelingen werde, „sofern es nicht zu Lieferengpässen beim Treibstoff oder zu weiteren Streiks kommt“. Die Ausstände von Flugbegleitern und Piloten hatten im ersten Quartal 40 Millionen Euro gekostet, die Streiks im April werden das zweite Quartal mit 150 Millionen Euro belasten. Auf Basis der derzeitigen Buchungs- und Preisentwicklung sei davon auszugehen, „dass wir die hohen Treibstoffkosten sukzessive weitgehend kompensieren können – vor allem in der zweiten Jahreshälfte“, sagt Streichert. An der Börse kam das gut an. Der Lufthansa-Aktienkurs stieg im Handelsverlauf um acht Prozent. Der Konzern arbeitet vorsorglich an Krisenmaßnahmen mit Flugstreichungen oder Zwischenlandungen zum Nachtanken. „Szenarien werden geplant, aber eine kurzfristige Umsetzung ist nicht geplant“, sagt Spohr. Er hofft, dass Lieferausfälle sich durch andere Bezugswege ausgleichen lassen und dass der Bund und die EU dabei unterstützen. Etwa 25 Prozent der Kerosins sei bislang aus der Golfregion gekommen. Rund die Hälfte davon werde durch Zusatzlieferungen aus den USA und aus Nigeria ersetzt. Doch beim amerikanischen Kerosin gibt es einen Haken: Es ist in der Europäischen Union nicht zugelassen. Die Lieferungen aus Amerika muss Lufthansa erst nochmals durch eine Raffinerie geben, bevor sie es nutzen kann. Spohr fordert deshalb eine Freigabe für Jet-A in Europa. Es sei besser, die Kapazitäten hier für zusätzliche Produktion zu nutzen, sagt er. Grund für die Nachbehandlung von Jet-A in der EU ist, dass es bei niedrigen Temperaturen schneller gefriert als das europäische Jet-A1. Im Sommerhalbjahr und weil wegen der Sanktionen Sibirien nicht überflogen werde, spiele der Unterschied keine Rolle, sagt Spohr. Er fordert auch, dass Regeln, wie viel Kerosin ein Flugzeug auf dem Hinweg schon für den Rückflug mitnehmen dürfe, gelockert werden, um auf lokale Engpässe oder Preisspitzen reagieren zu können. Neun Milliarden Euro für Kerosin Lufthansa hat indes schon Flüge gestrichen, auch nach dem vorgezogenen Betriebsende für die Tochtergesellschaft Cityline. Im Sommerhalbjahr fallen 20.000 ursprünglich geplante Flüge weg, jeden Tag sind das rund 100 oder ein Prozent des Angebots. In der zweiten Jahreshälfte könnten es einige mehr werden. Statt eines Kapazitätswachstums um vier Prozent strebt der Konzern nun noch zwei Prozent an. Wachstum soll es aber geben. Der erste Kürzungsschritt sei nicht wegen eines Kerosinsmangels erfolgt, sondern weil diverse Kurzstreckenflüge wegen gestiegener Kosten nicht mehr profitabel  gewesen seien, sagt Spohr. Lufthansa rechnet damit, nun 8,9 Milliarden Euro für die in diesem Jahr benötigten 9,5 Millionen Tonnen Kerosin ausgeben zu müssen. Das sind 1,7 Milliarden Euro mehr als geplant, obwohl der Konzern die Bezugspreise für 78 Prozent seines Bedarfs abgesichert hat. Für den Rest haben sich die Einkaufspreise jedoch verdoppelt. Rekordergebnis für das erste Quartal Die Geschäftszahlen für das erste Quartal zeigen wenig Krisenspuren. Der Umsatz stieg um acht Prozent auf 8,7 Milliarden Euro. Das ist der höchste Wert, den Lufthansa jemals in einem Auftaktquartal erreicht hat. Der saisonübliche Verlust fiel mit 665 Millionen Euro um ein Viertel geringer aus. Das laufende Sanierungsprogramm für die zuletzt defizitäre Kernmarke Lufthansa habe dazu 110 Millionen Euro beigetragen, heißt es. Die Flottenmodernisierung, aufpreispflichtige Zusatzleistungen sowie die Verlagerung von Flügen zu den jungen Tochtergesellschaften Discover und City Airlines mit niedrigeren Konditionen sollen die Kernmarke profitabler machen. Die Verlagerungen führten zur Stilllegung der Tochtergesellschaft Cityline und haben Piloten und Flugbegleiter verstimmt. Der harte Streikkurs dürfte dadurch motiviert gewesen sein. Weitere Schließungen von Betriebseinheiten seien nicht mehr geplant, sagt Spohr. Lufthansa hat dafür die nächste Übernahme im Blick: Auf das nicht bindende Angebot für einen Einstieg bei der portugiesischen TAP soll ein bindendes folgen. Zudem erwägt Lufthansa, einen geplanten zusätzlichen Standort zur Pilotenausbildung in Portugal anzusiedeln.