Das weiß jedes Kind: „Züge kommen nicht vom Weg ab“, lautet der Titel eines im Frühjahr erschienenen Bilderbuchs. Paul Hirsch hat eine andere Erfahrung gemacht. An einem Sonntagabend Mitte Juli setzte er sich im Frankfurter Hauptbahnhof in einen Regionalexpress, um nach Darmstadt zu fahren. Das liegt an einer Bahnstrecke, die schnurstracks Richtung Süden führt. Der Zug sei um 22.34 Uhr pünktlich losgefahren, berichtet er. Doch nach einigen Minuten habe er plötzlich angehalten. Dann sei die Durchsage erfolgt: „Wir wollten nach Darmstadt, aber jetzt stehen wir am Stadion.“ Die Arena liegt auch an einer Bahnstrecke – die allerdings führt Richtung Südwesten. Hirsch ist Kummer gewohnt. Eigentlich hatte er an diesem Tag von Mainz nach Weiterstadt fahren wollen, doch die Züge waren ausgefallen, und das Fahrrad konnte er nicht mit in den Ersatzbus nehmen. Also wählte er den Weg per Schiene über Frankfurt und kam auch dort nur mit Mühe pünktlich an, um noch den Zug nach Darmstadt zu erreichen. Dass dieser sich dann verfahren habe, sei „eine neue Dimension“. Mit Dimensionen kennt Hirsch sich aus. Er ist Bildhauer, seine Skulpturen bestehen aus beweglichen, ineinander verschachtelten Holzrahmen, die er aus einem Stamm fertigt. Nach der Heiterkeit ein Anflug von Panik Die Reaktion auf die Durchsage im Zug sei erwartungsgemäß eine Mischung aus Ungläubig- und Heiterkeit gewesen, sagt der fehlgeleitete Bahnfahrer. Bis jemand fragte, was eigentlich passiere, wenn schon ein anderer Zug auf der Strecke unterwegs sei. „Auf einmal waren die Mienen versteinert“, erinnert sich Hirsch an einen Anflug von Panik. Dann seien zwei Bahnmitarbeiter mit Köfferchen durch den Zug ans andere Ende gelaufen. Darunter der Lokführer, wie er vermutet. Denn der musste den Zug dann in die Gegenrichtung fahren. Es ging allerdings nicht zum Hauptbahnhof zurück. „Wir sind vom Stadion irgendwie nach Langen gekommen“, sagt Hirsch. Das liegt tatsächlich an der Bahnstrecke Richtung Süden. Es sei ihm nicht gelungen, die eigene Position auf dem Handy zu verfolgen. Die Deutsche Bahn bestätigt den Vorfall und nennt als Grund „zwei unterschiedliche Fahrplanausregelungen“. Diese dienten dazu, den Zugverkehr nach Betriebsstörungen oder Verspätungen möglichst schnell wieder zu stabilisieren. Dazu könnten Fahrzeuge und Personal umdisponiert, Zugläufe angepasst oder „andere betriebliche Maßnahmen“ ergriffen werden. Sie würden durch die Leitstelle koordiniert und mit den beteiligten Stellen, insbesondere der Fahrdienstleitung, abgestimmt. Bahn versichert: Keine Gefahr auf gesicherter Fahrstraße Offenbar gab es also zwei unterschiedliche Fahrplananpassungen, die im Ergebnis den Zug auf die falsche Route führten. Die Sprecherin der Bahn hebt dabei hervor, dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die Fahrgäste bestanden und die Zugsicherung funktioniert habe. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk habe eine sogenannte gesicherte Fahrstraße angelegt und alle Weichen und Signale systemkonform eingestellt. Auch auf der für diesen Zug nicht vorgesehenen Strecke habe daher zur gleichen Zeit keine andere Bahn unterwegs sein können. „Es wurde weder manuell eingegriffen noch eine sonstige Handlung außerhalb der gesicherten Zugfahrt vorgenommen.“ Der Regionalzug fuhr also nicht dorthin, wo er sollte, aber er fuhr dort, wo er es konnte. Vor allem aber wäre es falsch zu sagen, der Lokführer habe sich verfahren, denn: „Der Triebwagenfahrzeugführer wählt seinen Fahrweg nicht selbst, sondern befährt den durch die Fahrstraße vorgegebenen und signaltechnisch gesicherten Fahrweg“, lautet die Erklärung in Bahndeutsch. Aus Sicht der Bahn handelt es sich bei dem falsch abgebogenen Zug um einen „sehr seltenen Fall“. Weshalb meist darüber berichtet wird, wenn ein solcher Fall doch einmal bekannt wird. Vor einem Jahr im Juni zum Beispiel fuhr eine S-Bahn der Linie 2 von Offenbach-Bieber in Richtung Obertshausen statt wie geplant nach Dietzenbach. Sie wurde gestoppt und auf den eigentlichen Weg zurückgeführt. Und in Bayern nahm am Freitag vor Heiligabend eine vom Münchner Hauptbahnhof kommende S-Bahn den falschen Weg und fuhr statt nach Bayrischzell in den Pullacher Ortsteil Höllriegelskreuth – wo sie wenden konnte. Auch im Fernverkehr kommt ein solches Malheur mitunter vor: Im Mai 2023 etwa bog ein ICE auf dem Weg von Hildesheim nach Berlin falsch in Richtung Magdeburg ab und musste umkehren. Die Verspätung war mit einer halben Stunde überschaubar. Misslicher war im September desselben Jahres die Lage für die Fahrgäste eines Regionalzugs, der von Ingolstadt nach Neu-Ulm fahren sollte. Eine falsch gestellte Weiche führte den Elektrotriebwagen auf die Strecke nach Augsburg. Die aber ist nicht elektrifiziert, weshalb der Zug ohne Oberleitung irgendwann ausrollte und später von einer Diesellok zurück nach Ingolstadt geschleppt werden musste.
