FAZ 18.03.2026
14:02 Uhr

FC Liverpool vor dem Aus: „Wir müssen aufwachen“


Beim FC Liverpool sind sie ratlos angesichts der eigenen Defensivschwäche. Trainer Slot genießt das Vertrauen der Klub-Eigentümer – noch. Nicht nur in der Champions League steht das Team unter Druck.

FC Liverpool vor dem Aus: „Wir müssen aufwachen“

Ein Unentschieden gegen Tottenham Hotspur ist normalerweise keine Schande. Aber so schlecht, wie die Spurs in dieser Saison Fußball spielen, muss man sich dafür rechtfertigen. Das versuchte am Sonntagabend Dominik Szoboszlai, der den FC Liverpool durch einen direkt verwandelten Freistoß zwar in Führung geschossen hatte. Zu einem Sieg gegen die vom Abstieg bedrohten Londoner genügte das seiner Mannschaft in diesem Premier-League-Spiel aber nicht. Der frühere Leipziger wirkte im Fernsehinterview bei Sky unmittelbar nach dem Schlusspfiff niedergeschlagen, genervt und ratlos, warum Liverpool es nicht geschafft hatte, die so dringend benötigten drei Punkte in Anfield zu behalten. Liverpools große Schwäche sind in dieser Saison die vielen Gegentore. Schon jetzt haben sie in der Premier League 40 gegnerische Treffer zugelassen, in der gesamten vergangenen Saison waren es 41 gewesen. Anfällig ist die Defensive vor allem in der Schlussphase: Acht Gegentore haben sie in der 90. Minute oder später zugelassen, weitere 15 waren es zwischen der 75. und 90. Spielminute. Auch am Sonntag erzielte Tottenham den Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit. Von den Rängen waren hinterher Buhrufe des Liverpooler Anhangs zu hören. „Ich weiß nicht, warum uns das passiert“, sagte Szoboszlai: „Ich weiß es wirklich nicht.“ „Das haben wir diese Saison nicht oft genug getan„ Vor dem Hintergrund wirkt das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den türkischen Tabellenführer Galatasaray an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) wie eine hohe Hürde. Das Hinspiel in Istanbul hat Liverpool 0:1 verloren. Um trotzdem ins Viertelfinale einzuziehen, muss man mit zwei Toren Vorsprung gewinnen, was angesichts der defensiven Schwäche anspruchsvoll werden könnte. Zumal auch die Offensive unter gegnerischen Abwehrspielern längst nicht mehr den Schrecken verbreitet wie zu den besten „Heavy Metal“-Zeiten unter Jürgen Klopp. So hatte Liverpool am Sonntag mehr als genug Gelegenheiten, um die knappe Führung auszubauen, aber zu oft fehlte im entscheidenden Moment entweder die letzte Konzentration oder die zündende Idee. Klopps Nachfolger Arne Slot wechselte nach etwas mehr als einer Stunde auf einen Schlag alle drei offensiven Mittelfeldspieler aus: Für Jeremie Frimpong, den erst 17 Jahre alten Rio Ngumoha und den deutschen Nationalspieler Florian Wirtz kamen Mohamed Salah, Curtis Jones und der ehemalige Frankfurter Hugo Ekitiké von der Bank. „Wir haben so viel Qualität im Angriff, aber wenn du nicht genug Tore schießt, musst du hinten sauber bleiben“, sagte Slot nach dem Spiel: „Und das haben wir diese Saison nicht oft genug getan.“ Der Niederländer bemängelte vor allem, dass seine Mannschaft die vielen Konter- und Überzahlsituationen nicht gewinnbringend ausgespielt hatte – und das „mit der Qualität der Spieler, die wir haben“. Das kann man zumindest als leise Kritik auch an Wirtz in der offensiven Schaltzentrale lesen, auch wenn Slot gewöhnlich kein Trainer ist, der Einzelne öffentlich anprangert. Stattdessen nimmt er die Schuld mantraartig auf sich: „Ich bin verantwortlich“ ist zu seiner Routine-Antwort geworden, wenn er mal wieder für ein unbefriedigendes Resultat geradestehen muss. So habe er taktisch „schon viel probiert“, um die späten Gegentore in den Griff zu bekommen, habe verschiedene Wechsel vorgenommen, aber noch keine Lösung gefunden. In der vergangenen Saison, seiner ersten in Liverpool, hatte er auf Anhieb die Meisterschaft gewonnen. Jetzt steht er zunehmend unter Druck. Slot muss jetzt liefern Slots Rückhalt bei der amerikanischen Eigentümergesellschaft Fenway Sports Group dürfte nun entscheidend davon abhängen, ob es Liverpool gelingt, sich für die nächste Champions-League-Saison zu qualifizieren. Zwar wird dazu voraussichtlich der fünfte Tabellenplatz in der Premier League genügen, auf dem Liverpool gerade steht. Aber die Konkurrenz ist mit Manchester United, Aston Villa und dem FC Chelsea namhaft und schlagkräftig. Vor der Saison durfte Slot den Kader für Hunderte Millionen Euro verstärken, jetzt muss er den erwarteten „return on investment“ liefern, den Gewinn einstreichen nach den Investitionen – und der ist untrennbar mit Europas größter und lukrativster Fußballbühne verbunden. Schon nach der Niederlage in Istanbul war es Szoboszlai gewesen, der deshalb versuchte, das Team aufzurütteln. Er sei „ziemlich wütend“, sagte er in den Vereinsmedien, „weil wir nicht so gespielt haben, wie wir sollten und wie wir es können“. Nach dem Unentschieden gegen Tottenham wurde der Ungar nun abermals zum Mahner, obwohl er nicht der Kapitän ist. Wenn es so weitergehe wie bis jetzt, müsse sich Liverpool am Ende der Saison womöglich mit der UEFA Conference League abfinden, der dritten Klasse des Europapokals. Für einen Klub dieser Größe wäre das eine Blamage – und so auch für die Profis, die ihn auf dem Rasen repräsentieren. Als vergangene Saison alles lief wie am Schnürchen, nannten ihn die Fans flachsig „Dommy Schlobbers“, heute ist seine Rolle im Team ernster. Seine Warnung: „Wir müssen aufwachen.“