FAZ 11.09.2026
13:41 Uhr

„Escaping Bolivia“: Wenn aus Urlaub ein Kampf um Freiheit wird


Es sollte ein sorgenfreier Mädelstrip werden, dann landen drei junge Norwegerinnen in einem bolivianischen Gefängnis. Die Serie „Escaping Bolivia – Best Friends Forever“ macht aus einem True-Crime-Fall eine packende Serie.

„Escaping Bolivia“: Wenn aus Urlaub ein Kampf um Freiheit wird

„Er will, dass du auf deinen Koffer zeigst“, übersetzt Michelle, was der bolivianische Polizist ihrer Freundin Ida aufgetragen hat. Die drei jungen Frauen stehen hilflos daneben, als die Beamten ihr Gepäck öffnen und durchwühlen. Aus den Koffern holen sie mehrere blaue, in Plastik verpackte Taschen. Geschenke, erklärt Michelle auf Spanisch. Dann trennt eine Beamtin die Nähte auf und zieht ein verstecktes Päckchen hervor. Ida bewegt sich kaum. Ihr Mund steht offen, ihre Augen springen panisch zwischen der Polizistin und dem Päckchen hin und her. Die Beamtin träufelt einige rote Tropfen auf das weiße Pulver. Es färbt sich sofort blau. Gerade noch haben Ida (17), Cecilie (18) und Michelle (21) mit ihrem kleinen Sohn am Pool Urlaub gemacht. Nun werden die drei Frauen in Handschellen abgeführt. In ihrem Gepäck sind 22 Kilogramm Kokain gefunden worden. In der sechsteiligen norwegisch-deutschen Serie „Escaping Bolivia – Best Friends Forever“ endet ein unbeschwerter Urlaub für drei Norwegerinnen am Flughafen von Cochabamba. Wegen des Verdachts auf Drogenschmuggel werden sie festgenommen und in das örtliche Frauengefängnis gebracht. Dort geraten sie in eine fremde Welt mit eigenen, unerbittlichen Regeln. Geld, Beziehungen und Sprachkenntnisse werden zu den wichtigsten Währungen. Die erhoffte Unterstützung aus Norwegen bleibt zunächst aus. Die Haft wird zur Bewährungsprobe für ihre Freundschaft und zum Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung – stets begleitet von der Frage, wie viel die drei tatsächlich von den Drogen wussten. Vor allem für Ida, deren Perspektive die Serie verfolgt, wird die Haft zur Zerreißprobe. Je länger sie dauert, desto entschlossener wird sie, dem Gefängnis und Bolivien zu entkommen. Basierend auf wahren Ereignissen Inspiriert ist die Serie von einem aufsehenerregenden Kriminalfall aus dem Jahr 2008, versteht sich jedoch ausdrücklich nicht als Rekonstruktion, sondern als fiktionale Interpretation. Der Regisseurin und Drehbuchautorin Emilie Beck geht es weniger um die Aufklärung des Falls als um die Frage, was extremer Druck mit Menschen macht und wie weit sie gehen, um sich selbst zu retten. Statt nach Schuld und Unschuld zu fragen, konzentriert sich die Handlung auf moralische Konflikte sowie die Dynamik von Freundschaften unter außergewöhnlichen Bedingungen. Spannung entsteht, indem die Serie die Ereignisse chronologisch und größtenteils ohne Rückblenden erzählt: Das Publikum scheint nie mehr zu wissen als Ida selbst, weshalb man immer wieder an ihr und ihrer Version zweifeln muss. Anfangs ist sie ein verängstigtes, unsicheres Kind, das von den Ereignissen überrollt wird. Doch je länger die Haft dauert, desto mehr verwandelt sie ihre Angst in Entschlossenheit und beginnt, sich gegen ihre Lage aufzulehnen. Aus dem passiven Mädchen wird eine kämpferische junge Frau, die nicht einfach Opfer ihrer Lage ist. Dabei handelt Ida nicht immer nachvollziehbar oder sympathisch. Gerade diese Widersprüche machen ihre Entwicklung glaubwürdig. Wer über Ida urteilt, muss sich zugleich fragen, wie viel Kontrolle und moralische Gewissheit in einer vergleichbaren Situation tatsächlich möglich wären. Nicht immer überzeugt die sprachliche Ebene – zumindest in der deutschen Fassung. Die Dialoge wirken teils gestelzt und aneinandergereiht. Schließlich lenkt die Serie den Blick auf die ungleiche Verteilung von Privilegien: Die drei Touristinnen können trotz des korrupten Justizsystems auf den Rückhalt von Familie, Heimatland und Medien hoffen, während bolivianische Mitgefangene oft jahrelang auf ihren Prozess warten. Auch innerhalb der Gruppe bestimmen Herkunft, Sprache und Geld die jeweiligen Chancen: Cecilie kann auf die finanziellen Mittel ihrer Eltern zählen, Ida hofft auf mediale Aufmerksamkeit, Michelle hat dank ihrer Spanischkenntnisse zunächst einen sprachlichen Vorteil im Gefängnis. Zugleich wird angedeutet, dass Michelle aufgrund ihres Aussehens und ihrer venezolanischen Wurzeln anders wahrgenommen wird, obwohl sie ebenfalls Norwegerin ist. Letztlich regt „Escaping Bolivia“ auch dazu an, darüber nachzudenken, welchen Preis eine gesellschaftlich so salonfähig scheinende Droge wie Kokain andernorts haben kann. Escaping Bolivia – Best Friends Forever läuft in der ARD-Mediathek und am 11. September 2026 von 21.30 Uhr an am Stück auf dem Sender ONE.