FAZ 01.10.2026
12:10 Uhr

Epstein-Aufklärung: Auf der Suche nach Norwegens „schwarzen Schafen“


Norwegen versucht, Verstrickungen seiner politischen Führungsfiguren zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein aufzuklären. Im Fokus stehen das Außenministerium – und der heutige Regierungschef Gahr Støre.

Epstein-Aufklärung: Auf der Suche nach Norwegens „schwarzen Schafen“

Die politische Elite von Norwegen war tief in den Fall Jeffrey Epstein verstrickt: Die Kronprinzessin Mette-Marit, die mittlerweile Königin ist, tauschte über Jahre intime E-Mails mit dem Sexualstraftäter aus; der frühere Ministerpräsident und Außenminister Thorbjørn Jagland soll Geschenke und Reisen von Epstein angenommen und sich von ihm bei einem Wohnungskauf helfen lassen haben; Koryphäen der norwegischen Außenpolitik wie die frühere Topdiplomatin Mona Juul und ihr Mann Terje Rød-Larsen waren auf Epsteins Insel, auf der es vielfach zu Missbrauch gekommen sein soll. Sie ließen sich von Epstein offenbar ebenfalls beim Kauf einer Wohnung helfen, und ihre Kinder wurden von ihm in seinem Testament bedacht. Zudem hatte das von Rød-Larsen geführte und auch von Norwegen staatlich unterstützte International Peace Institute viel Geld von Epstein bekommen. Vor allem außenpolitische Elite in Oslo war verstrickt Warum die eigene Elite so tief verstrickt war, darüber rätselt das Land weiterhin. Als Erklärungsversuch wird regelmäßig auf das Selbstverständnis der kleinen Nation als globale Friedens- und moralische Supermacht hingewiesen. Auch werden die enormen Mengen Geld durch den Öl- und Gasexport, die dem Land seit Jahren einen Einfluss weit über seine eigentliche Größe hinaus ermöglichen, erwähnt. Auffällig ist, dass vor allem Außenpolitiker betroffen sind. Ein Parlamentsausschuss suchte nun am Mittwoch und Donnerstag der Frage nachzugehen, ob im Außenministerium eine Kultur geherrscht hatte, die Verfehlungen beförderte, und ob es dort an Aufsicht mangelte. Dafür wurde eine ganze Reihe ranghoher norwegischer aktiver und ehemaliger Politiker befragt. Jonas Andersen Sayed (Christliche Volkspartei), der Mitglied des Ausschusses ist, sagte, die Epstein-Akten würfen „schwerwiegende Fragen hinsichtlich möglicher Amtsmissbräuche“ sowie einer „Kultur des Versagens bei der Zuordnung von Verantwortlichkeiten“ auf. Gahr-Støre muss Zahlungen an „Friedensinstitut“ verteidigen Als einer der Ersten sagte am Mittwoch Ministerpräsident Jonas Gahr Støre (Arbeiterpartei) aus, er war von 2005 bis 2012 Außenminister. Just nachdem er das Amt angetreten hatte, stiegen die staatlichen Zahlungen an das Friedensinstitut seines Parteifreundes Rød-Larsen stark an. Insgesamt erhielt das Institut, das seinen Sitz in New York hat, bis 2019 vom Staat 130 Millionen Kronen (rund 12 Millionen Euro). Auch Epstein gab viel Geld an das Institut. Zudem sollen dort Berichten zufolge junge, schöne und unqualifizierte Frauen aus Osteuropa für kurze Zeit Tätigkeiten vermittelt bekommen haben – noch unklar ist, ob das im Zusammenhang mit Epstein erfolgte. Kurz vor seinem Tod soll Epstein noch ein Abendessen mit Rød-Larsen und Jagland geplant haben. Gegen Rød-Larsen und seine Ehefrau wird wegen schwerer Korruption und wegen Beihilfe zur Korruption ermittelt. Støre verteidigte nun die Zahlungen an Rød-Larsens Institut. Möglicherweise habe es im Außenministerium Einwände dagegen gegeben, sagte Støre, aber die Einschätzung in der politischen Führung sei gewesen, „dass dies eine richtige Investition für Norwegen war“. Auch wies er Vorwürfe zurück, das Außenministerium sei anfällig für Vetternwirtschaft und Korruption. Die Abläufe funktionierten gut. Aber natürlich könne kein System, an dem Menschen beteiligt sind, garantieren, dass niemand das in ihn gesetzte Vertrauen missbrauche. Früherer Entwicklungsminister streitet „toxische Kultur“ ab Er sei unparteiisch gegenüber Rød-Larsen gewesen, gab Støre weiterhin an. Zu Epstein sagte der Ministerpräsident, ihm sei nicht bekannt, dass dieser „irgendeinen Einfluss auf die norwegische Außenpolitik, Entwicklungspolitik oder andere Entscheidungen, die wir getroffen haben, gehabt hätte“. Im norwegischen Außenministerium ist auch das Entwicklungsministerium eingegliedert. Nach ihm sagte Børge Brende aus, einst ebenfalls Außenminister. Berichten zufolge wollte Epstein Brende in dieser Funktion treffen. Brende gab nun an, das sei nicht passiert. Er hatte einst bestritten, überhaupt Kontakt zu Epstein gehabt zu haben. Nachdem aber Tausende E-Mails des Sexualstraftäters veröffentlicht worden waren, wurde klar, dass das nicht stimmte. Beide trafen sich mehrmals in der Zeit, als Brende das Weltwirtschaftsforum leitete. Am Mittwoch entschuldigte sich Brende dafür, dass er zunächst nicht ehrlich geantwortet habe. Der frühere Entwicklungsminister Nikolai Astrup gab am Donnerstag an, er verbinde weder Vetternwirtschaft oder unzulässige Einflussnahme noch Korruption mit dem norwegischen Auswärtigen Dienst. Aber natürlich gebe es in jeder großen Organisation „schwarze Schafe“. Auch der ehemalige Entwicklungsminister Dag-Inge Ulstein gab an, in seinem früheren Arbeitsumfeld habe es keine „toxische Kultur“ gegeben. Parallel zu den Anhörungen hat das Parlament einen Untersuchungsausschuss eingerichtet, der spätestens im Januar 2028 seinen Abschlussbericht vorlegen wird. Viel erwartet wird von dem Parlamentsausschuss nicht. Diesem sei nur ein recht vager Auftrag erteilt worden, zudem scheine es ihm an diplomatischer Expertise zu mangeln, sagte der Direktor des Fridtjof-Nansen-Instituts, Iver B. Neumann, der F.A.Z. „Folglich gibt es wenig Grund, von seiner Arbeit dauerhafte Ergebnisse zu erwarten.“ Bislang scheine die Öffentlichkeit einen gewissen kathartischen Effekt daraus zu ziehen, dass ehemalige Politiker Sünden bekennten, die sie bereits vor Monaten gestanden hätten, sagt Neumann. „Was eine schöne demokratische Suche nach der Wahrheit hätte sein können, könnte am Ende kaum mehr als eine moderne Form der Anprangerung sein.“