FAZ 19.09.2026
12:19 Uhr

Eintracht-Torhüter: Die Elfmetertricks des Noah Atubolu


Wie macht er das? Noah Atubolu hält sechs Strafstöße in Folge – und damit den Bundesligarekord. Vor dem Duell mit seinem ehemaligen Klub Freiburg gibt er einige Tricks preis.

Eintracht-Torhüter: Die Elfmetertricks des Noah Atubolu

Achtung vor Noah Atubolu! Dem Giganten im Tor, wenn es mit großer Akribie und Standhaftigkeit um das Parieren von Elfmeterschüssen geht. Die Liste der Fehlschützen im Duell mit dem aktuellen Frankfurter Torhüter wird immer länger, nun hat Atubolu schon sechs Strafstöße in Serie gehalten. Am vergangenen Samstag beim 3:1 der Eintracht scheiterte der Mainzer Nadiem Amiri beim Stand von 0:1 am Elfmeterkiller Atubolu. Zuvor waren es Nationalspieler Florian Wirtz, der ehemalige Auswahlspieler Kevin Volland, Union Berlins Verteidiger Josip Juranovic, der frühere Frankfurter André Silva und der einstige Bremer Romano Schmid. In diesen fünf Fällen gab der Torwart noch für den SC Freiburg den umjubelten Rückhalt und Erfolgsgaranten. Unter dem Strich hat der schlaue Schlussmann den Bundesligarekord weiter ausgebaut vor seinen Kollegen Bernd Leno (Fulham) sowie den Fußballpensionären Frank Rost, Jörg Butt und Thomas Zander (je vier). Was alle vom Punkt gescheiterten Profis eint: Sie dürfen für sich in Anspruch nehmen, mit einer hohen Trefferquote an und für sich Elfmeterspezialisten zu sein. Das macht die Arbeit von Atubolu auf der Torlinie noch wertvoller. Und den Ärger bei seinen Duellanten umso größer. Mit Spannung schauen jetzt viele auf diesen Samstag, denn von 15.30 Uhr an erwarten die Frankfurter im Waldstadion die Spitzenmannschaft (drei Spiele, drei Siege) aus Freiburg zum Kräftemessen (im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky/Dazn). Keiner kennt in Reihen der Eintracht den Gegner momentan besser als der 24 Jahre alte Atubolu, der erst seit Ende August das Frankfurter Trikot trägt. Dementsprechend vertraut sind dem Torhüter, den der neue Bundestrainer Jürgen Klopp in sein großes Nationalmannschaftsaufgebot berufen hat, die wichtigsten Elfmeterschützen des SC, zu denen Vincenzo Grifo, Lucas Höler und Matthias Ginter gehören. Gelingt Atubolu der nächste Streich im Nervenspiel? Vermutlich einer von ihnen stünde Atubolu gegenüber, erhielten die Freiburger einen Elfmeter zugesprochen. Und dann? Bekäme der nächste Schütze – es wäre ein guter, alter Bekannter von Atubolu – das große Zittern gegen den nervenstarken Torhüter, der in dieser Disziplin von Spiel zu Spiel selbstbewusster wird? Ein weiterer Fehlschuss und ein neuerlicher Elfmeterstreich Atubolus würden noch einmal für eine ganz besondere Note in diesem Nervenspiel sorgen. Insgesamt zwölf Jahre war Atubolu sportlich in Freiburg zu Hause. Was macht Atubolu also zum Ausnahmekönner im Wettstreit mit seinen Gegenspielern am Elfmeterpunkt? Bedient er sich im Augenblick höchster Anspannung bestimmter Kniffe? Vor dem jeweiligen Aufeinandertreffen mit den Ligakonkurrenten beschäftigt sich Atubolu intensiv mit den Gewohnheiten seiner möglichen Gegenüber, prägt sich zum Beispiel deren Lieblingsecken ein. Damit ist er im Kreis der Spitzentorleute sicher nicht allein, ein Allheilmittel ist das daher bestimmt nicht. Ist der Moment auf dem Platz gekommen, greift Atubolu in die Psychotrickkiste. So gut es geht, stört er den Schützen mit Spielchen, um ihn abzulenken. Klopft in seine Handschuhe oder springt auf und ab. Stiftet Unruhe. Sucht womöglich auch kurz dessen Nähe und wechselt ein paar Worte mit ihm. Er versuche, „schon viel zu machen. Einfach zu verhindern, dass der Schütze sich den Ball nehmen und einfach schießen kann“, sagt Atubolu und fasst seine Arbeitsweise so zusammen: „Ich will es dem Schützen einfach so schwer wie möglich machen.“ Das gelingt ihm bestens. Dazu gehört final auch sein auffälliges Auftreten auf der Torlinie. Atubolu fängt gerne an zu lachen. Strahlt dann über beide Backen. Demonstriert dem Gegner damit, dass er in dieser Stresssituation die Souveränität in Person ist. Atubolu tänzelt noch, geht hin und her und breitet seine Arme aus. Der Schütze soll keine ruhige Sekunde haben. Noah habe versucht, ihn zu verunsichern, berichtete Amiri hinterher. „Das wollen viele Torhüter. Eigentlich mache ich ihn trotzdem rein. Heute bin ich gescheitert.“ Der Nationalspieler hat einige Leidensgenossen im Hinblick auf diese Negativbilanz gegen Atubolu. Dessen Nachfolger in Freiburg ist Mio Backhaus. „Ja, schon wieder?“ – so reagierte der Torwart des Sportclubs, als er vom nächsten Elfmeterstreich Atubolus in Mainz hörte. Backhaus hatte in Freiburg noch einige Wochen lang die Bekanntschaft mit Atubolu gemacht. Der langjährige Stammtorhüter Atubolu signalisierte seinem Arbeitgeber früh, den Klub verlassen zu wollen. Bereits im Mai gaben die Freiburger deshalb die Verpflichtung von Backhaus bekannt. Weil Atubolu aber entgegen seiner Erwartung – er strebte eigentlich einen Wechsel in die Premier League an – erst sehr spät ein neues Beschäftigungsverhältnis in Frankfurt fand, begegneten sich die beiden Torhüter noch in der Freiburger Kabine und teilweise auf dem Trainingsplatz. Die Freiburger Fußballfamilie ließ den in der Stadt geborenen Atubolu in dessen ungeklärter Fußballzeit im Sommer nicht fallen. „Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, wie das abgelaufen ist. Die Reaktionen in der Mannschaft, dem Trainerteam und auch von den sportlichen Leuten waren unfassbar gut.“ Er habe „noch am letzten Tag mit den Spielern dort etwas unternommen. Es sind einfach richtig gute Leute im Verein, und ich wünsche ihnen nur das Beste“, blickte Atubolu nach seiner Ankunft in Frankfurt mit großer Dankbarkeit zurück. Dessen Wiedersehen mit Backhaus im Waldstadion ist auch für den Freiburger Torwart etwas Besonderes. In der Vorsaison übernahm Backhaus bei Werder Bremen als Stammkraft für Michael Zetterer. Der wiederum hatte sich der Eintracht angeschlossen – und gewann dann mit ihr 4:1 am ersten Erstligaspieltag gegen die Bremer mit dem vom Ergebnis bedienten Backhaus im Tor. In Frankfurt treffe er kurioserweise immer seine Vorgänger, sagte Backhaus nun. Doch diesmal sollen die Freiburger nach dem Abpfiff etwas zu feiern haben. Und sollte Schiedsrichter Sören Storks ihnen zuvor einen Elfmeter zugesprochen haben, darf dieser aus Sicht von Backhaus gerne ins Eintracht-Tor gehen. Er sei Atubolu für dessen fairen und professionellen Umgang in der kurzen gemeinsamen Freiburger Zeit dankbar, sagte Backhaus. „Trotzdem muss er gegen uns keinen Elfer halten.“ Die aktuelle Statistik aber würde für ein abermaliges Erfolgserlebnis des Elfmeterkillers Noah Atubolu sprechen.