FAZ 09.05.2026
12:32 Uhr

Eingewanderte Arten: „Die Nosferatu-Spinne sollten wir willkommen heißen“


Peter Jäger ist Deutschlands bekanntester Spinnenforscher. Er erklärt, warum wir in Deutschland einwandernde Arten nicht fürchten müssen und was Expeditionen im Urwald mit Indiana Jones zu tun haben.

Eingewanderte Arten: „Die Nosferatu-Spinne sollten wir willkommen heißen“

Herr Jäger, zuletzt hat in Deutschland die Nosferatu-Spinne viele Menschen erschreckt. Sie lebt eigentlich im Mittelmeerraum. Wie breiten sich Arten wie diese hierzulande aus? Sie werden eingeschleppt und können überleben, wenn sie einen passenden Lebensraum vorfinden. Die Nosferatu-Spinne – oder Zoropsis spinimana – mag es trocken und warm. Diese Bedingungen findet sie hier vor allem in der Nähe von Häusern. Sie hat hier auch eine besondere Nische erobert. Außer ihr gibt es hier keine so großen Spinnen, die nachts umherlaufen und jagen. Im Übrigen werden wir sie jetzt auch nicht mehr los und sollten sie daher willkommen heißen. Wie kommen die Spinnen hierher? Müssen wir davon ausgehen, dass sich weitere eingeschleppte Spinnenarten an die hiesigen Bedingungen anpassen? Spinnen können vor allem lange hungern. Das hilft ihnen bei langen Aufenthalten in Kisten zum Beispiel. Eine Anpassung dauert aber. Es wird keine fiese, gefährliche Spinne aus dem Amazonas kommen und sich hier innerhalb einer Generation anpassen. Ihre Forschung konzentriert sich aber vor allem auf tropische Spinnenarten in Südostasien. Dort lebt auch die größte Spinne der Welt, Heteropoda maxima, die Sie als Erster beschrieben haben. Was bedeutet es, eine neue Spinnenart wissenschaftlich zu beschreiben? Zunächst muss man herausfinden, ob man da eine neue Art vor sich hat. Diese „Criminal Story“ macht den größten Teil aus. Das Beschreiben selbst dauert dann nur wenige Stunden. Da wird die Spinne vermessen – Beine, Körper, Augendurchmesser –, und Details wie Bestachelung und Färbung werden festgehalten. Und dann darf man die Spinne benennen? Das muss man sogar. Sie nutzen das gerne für prägnante Namen wie bei der Heteropoda davidbowie. Hat man da komplett freien Lauf? Ich habe eine ganze Gattung nach Bowie benannt und viele Arten nach seinen Alben oder Songs, zum Beispiel die Bowie majortom. Dabei muss man sich an die zoologische Nomenklatur halten. Der Name muss beispielsweise mindestens zwei Buchstaben lang und aussprechbar sein. Ansonsten hat man da sehr viel Freiheit. Welche besonderen Merkmale haben die Spinnen, die Sie in letzter Zeit beschrieben haben? Kürzlich haben wir wieder Spinnen aus Laos beschrieben. In Höhlen ohne Licht müssen diese Energie sparen. Daher gebären sie wenige, aber große Nachfahren, um die Ressourcen zu konzentrieren. Das sichert den Nachwuchs. Bei der Geburt waren die Kleinen dann fast halb so groß wie ihre Mutter. Sie haben auch Arten beschrieben, die ihre Augen komplett zurückentwickelt haben. Kommt das bei Spinnen häufig vor? Ja, in der Tat. Wenn Individuen einer Art mehrere Tausend Jahre in der Dunkelheit verbringen, haben sie keine Verwendung mehr für Augen. Wir konnten verschiedene Stufen dieser Augenreduktion beobachten. In laotischen Höhlen haben wir Spinnen derselben Gattung mit acht, sechs, vier, zwei und keinen Augen gefunden. Die meisten Ihrer Funde haben Sie in Südostasien gemacht. Warum ausgerechnet dort? Ein Grund ist die hohe Artenvielfalt. Die hat man überall in den Tropen. Mein Doktorvater hat mich 1997 auf meine erste Forschungsreise nach China mitgenommen. Ich habe mich dann auf eine bestimmte Unterfamilie der Riesenkrabbenspinnen, die fast nur in Asien vorkommt, spezialisiert. Da bleibt man dann auch dabei. Wenn Sie im Dschungel in Laos unterwegs sind, fühlen Sie sich dann wie Indiana Jones? Nein, wie bei Indiana Jones ist das nicht. Da fällt einem keine Vogelspinne auf den Rücken. Die leben nämlich in der Erde oder unter Steinen. Gab es eine Situation, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist? Einmal habe ich mit einem Freund eine Exkursion geplant. Dazu mussten wir eine Höhle inspizieren, die sehr eng war. Ich habe mir den Kopf an einem Stalaktit gestoßen und musste mit zwei heftig blutenden Wunden die sieben Kilometer zurücklaufen. Wie findet und fängt man neue Spinnenarten? Zum einen braucht man eine gute Stirnlampe. Mit einer Federstahlpinzette lassen sich auch winzige Tiere greifen, ohne sie zu beschädigen. Meine über zwanzigjährige Erfahrung hilft mir dann, Spinnen überhaupt zu erkennen, sei es in ihrem Fangnetz oder auf dem Höhlenboden. Funktioniert das auch mit Heteropoda maxima? Nein, die fängt man natürlich mit der Hand. Sie haben schon fast 700 Arten beschrieben. Wann sind Sie fertig? Das Gute ist, dass wir davon ausgehen, dass erst zehn Prozent aller Spinnenarten beschrieben sind. Im „World Spider Catalog“ finden sich etwa 54.000 Arten. Das heißt, wir müssen noch rund 450.000 Arten beschreiben. Ich werde also nicht arbeitslos. Wissen Sie schon, wohin die nächste Reise geht? Ich bin als Redner für einen Kongress auf den Philippinen eingeladen. Da machen meine Frau und ich dann noch Urlaub. Aber wenn meine Frau schnorchelt, kann ich ja mal kurz in den Wald. Im November geht es dann wieder nach Laos.