Vermutlich gibt es nur wenige Menschen in der westlichen Welt, die Murray Heads Dauerbrenner-Hit „One Night in Bangkok“ von 1984 noch nie gehört haben. Und vermutlich gibt es auch nur wenige, die wissen, was sie da eigentlich mitsummen. In dem Lied schaut ein amerikanischer Schachmeister als rappender Ich-Erzähler abfällig auf diese „überfüllte, verschmutzte, stinkende Stadt“ mit ihrem „trüben alten Fluss“ und den Sextouristen, die ihm aber ohnehin am Allerwertesten vorbeigeht, weil er nur Augen für die Schachmeisterschaft in Bangkok hat. Ein wenig mehr Sinn ergibt das, wenn man weiß, dass der Song dem von den ABBA-Musikern Björn Ulvaeus und Benny Andersson gemeinsam mit Tim Rice geschriebenen Musical „Chess“ entstammt. Eine Nacht in Bangkok – und man ist ein anderer Das ist aber alles herzlich egal, denn eingebrannt hat sich gar nicht Murrays Part, sondern der glamouröse Disco-Refrain des Songs, in dem Anders Glenmark von einer lebensverändernden Überwältigung singt: „One night in Bangkok and the world’s your oyster“. Oder auch: „One night in Bangkok makes a hard man humble“. Schach hin, Schach her, das war zu verstehen. Eine Nacht in Bangkok – und man ist ein anderer. Natürlich läuft das Lied an entscheidender Stelle auch in Rainer Kaufmanns fast schon getanztem statt gespieltem, elegant elegischem und zugleich hoffnungsfrohem Film nach einem wunderbar offen gestalteten Drehbuch von Sathyan Ramesh. In „Eine Nacht in Bangkok“ geht es in nahezu improvisiert wirkender Weise um eine fragile Eltern-Kind-Konstellation und um die Frage, was Familie eigentlich ausmacht in Zeiten permanenter Neukonfigurationen von Beziehungsnetzwerken. Der Tochter wegen sind sie noch einmal gemeinsam gefordert Im Mittelpunkt steht ein geschiedenes Ehepaar, das trotz der gemeinsamen Tochter Lilith (Clara Vogt) seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zueinander hatte. Beide leben längst mit anderen Partnern zusammen. Als die inzwischen erwachsene, in Rostock lebende Tochter jedoch verdächtigt wird, an Einbrüchen beteiligt gewesen zu sein, sind der evangelische Pfarrer Hektor (Matthias Brandt) und die Yogalehrerin Katharina (Désirée Nosbusch) plötzlich noch einmal gemeinsam gefordert. Als Eltern. Obwohl sofort Erinnerungen an tiefe Verletzungen an die Oberfläche kommen, müssen sie ihre Abneigung gegeneinander überwinden, um Lilith in der Untersuchungshaft beizustehen. Als die beiden eigenmächtig Liliths WG aufsuchen, wird ihnen bewusst, wie wenig sie das eigene Kind im Grunde kennen. Wenn Lilith beim Vater war, gab sie sich lebenslustig und zugewandt; bei der Mutter war sie es, die Trost spendete. „Warum habe ich mich nie gewundert“, fragt sich Katharina nun, „dass sie überhaupt keine Probleme macht?“ „Wir waren bequem“, konstatiert Hektor. Man sah nur das Schöne. Die beiden haben sozusagen den Refrain von Liliths Leben mitgesummt, hatten aber keine Ahnung, wovon das Lied (und das Leid) ihrer Tochter eigentlich handelt. Kaum ein Schauspieler ist so überragend darin, im selben Moment Verlorenheit und Würde auszustrahlen, wie Matthias Brandt. Die Ehrlichkeit auch sich selbst gegenüber macht seine Figur Hektor grundsympathisch, so offensichtlich es auch ist, dass er als Vater keine gute Figur abgegeben hat. Auch mit Désirée Nosbusch haben Kaufmann und Ramesh eine perfekte Hauptdarstellerin gefunden, denn nicht nur die Wutanfälle der Yogastudio-Betreiberin Katharina und die sie selbst überraschenden Momente der Zuneigung zu ihrem Ex-Mann wirken überzeugend, sondern vor allem die vielen fein abgestuften emotionalen Übergänge dazwischen. Über die Schuldverarbeitung beginnt eine leise Wiederannäherung, die auch den neuen Partnern nicht verborgen bleibt. „Natürlich hast du mich gehasst, ich dich auch“ Je mehr die Vertrautheit zwischen den Ex-Vermählten wächst, desto härter werden aber auch die Aussprachen: „Natürlich hast du mich gehasst, ich dich auch.“ Der Rhythmus aus Abstoßung und Anziehung zwischen Katharina und Hektor wird zum Rhythmus des in jeder Hinsicht äußerst musikalischen Films. Die Kamera fungiert als diskrete Beobachterin des Aufeinanderzuschwankens der Protagonisten, ohne sich darüber zu erheben. Die Dialoge sind treffend und ganz aus den Figuren entwickelt. „Jetzt hätte ich dich beinahe aus Versehen geküsst“, sagt Katharina einmal, als sie Hektor beinahe geküsst hätte. Er hätte nichts dagegen gehabt. Angst vor Leerstellen und offenen Fragen hat das Buch nicht und lässt emotional doch wenig offen. Die immer weniger verbittert wirkenden Eltern wachsen aneinander. Sie lassen sich gemeinsam anschreien von ihrem Kind. Sie verlängern ihren Aufenthalt in der fremden Stadt. Sie tanzen miteinander zu besagtem Song in einer wunderschönen, langen Szene – und sie werden zu anderen, als sie zuletzt waren. Für einen Moment werden sie zu jenen, die sie einmal hatten sein wollen. Und sie vergeben einander. Das alles nutzt der wütenden Tochter nicht direkt. Die Indizien sprechen gegen sie, und auch Hektor und Katharina glauben nicht mehr an ihre Unschuld. Und doch ändert sich so allmählich alles, denn das ist vielleicht eine der Besonderheiten von Familien, die Perle in der Auster: dass Schuld als etwas Gemeinsames aufgefasst wird. Ein ruhiger, ein besonderer, ein erwachsener Film: wahr und tief und schön. Eine Nacht in Bangkok läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr, im Ersten
