FAZ 18.08.2026
15:24 Uhr

Ein zerrissener Held: Was der Erfolg von Nolans „Odyssee“ über unsere Gegenwart aussagt


Man kann Christopher Nolans „Odyssee“ als Actionfilm sehen. Doch zum Klassiker wird er, weil sich hinter Blut, Schweiß und Tränen ein tieferer Sinn verbirgt. Spiegeln wir uns in Odysseus selbst?

Ein zerrissener Held: Was der Erfolg von Nolans „Odyssee“ über unsere Gegenwart aussagt

„Ich würde mich schämen, auch nur einen Teil des Drehbuchs verfasst zu haben“, schrieb Emily Wilson ein paar Tage nach Erscheinen von Christopher Nolans „Odyssee“. Die meisten Elemente, die das Epos bedeutsam machten, fehlten im Film: „Die Erzählstruktur ist effekthascherisch. Der Schreibstil des Scripts ist miserabel. Keiner der Charaktere hat eine überzeugende Motivation für seine Handlungen oder Worte.“ Bald erregte die Generalabrechnung der britisch-amerikanischen Altphilologin so viel Aufsehen, dass die Website der „London Review of Books“ für kurze Zeit zusammenbrach. In den sozialen Medien teilten sich die Nutzer in ein Pro-Wilson- und Pro-Nolan-Lager. Ausschnitte aus Homer-Übersetzungen wurden für oder gegen ihre Argumentation in Stellung gebracht. Wilson selbst legte mit einem Essay im „Atlantic“ nach, in dem sie dem Film zahlreiche Widersprüche nachweisen möchte. Es gibt eine Schicht unter dem Splatter Eine solche Kontroverse auszulösen, ist für einen Hollywood-Blockbuster einigermaßen ungewöhnlich. „Spider-Man: Brand New Day“ und „Toy Story 5“, mit denen die „Odyssee“ derzeit um den Titel des erfolgreichsten Films des Jahres konkurriert, haben vergleichbare Interventionen angesehener Wissenschaftler jedenfalls nicht provoziert. Zwar wird nicht jeder der allein in Deutschland schon mehr zwei Millionen Zuschauer ins Kino gegangen sein, um die Entscheidungen des Regisseurs anschließend mit dem altgriechischen Original abzugleichen. Manche mag die Starbesetzung, andere die IMAX-Technik oder die Hoffnung auf gekonnt inszenierten Splatter angezogen haben. Das war in der Antike jedoch nicht anders: Während sich Gelehrte über die Moralität der homerischen Götter stritten oder den Text von falschen Ergänzungen zu reinigen suchten, erfreuten sich die Massen bei öffentlichen Rezitationen oder Trinkgelagen mutmaßlich eher an den vielen Kampfszenen. Nicht, dass man Nolans „Odyssee“ als Actionfilm sehen kann, ist also das Besondere. Was ihn schon jetzt zum Klassiker werden lässt, ist vielmehr, dass man unter all dem Blut und Schweiß eine tiefere Schicht suchen und in den Augen vieler auch erkennen kann: eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem der ältesten Epen der Menschheit. Was aber macht diese Auseinandersetzung aus? Und warum trifft Nolans Neuinterpretation womöglich einen Nerv, obwohl oder gerade weil sie sich an entscheidenden Stellen vom Original entfernt? Vom listenreichen Odysseus ist bei Nolan wenig übrig Über die Jahrhunderte hat Odysseus als listenreicher Überlebenskünstler fasziniert. Die Odyssee steht sprichwörtlich für eine Irrfahrt, doch ist damit fast immer eine Irrfahrt mit glücklichem Ausgang gemeint. Denn der „vielgewandte Mann“, wie Odysseus bei Homer gleich im ersten Vers genannt wird, trotzt den Elementen wie den Göttern und findet Lösungen noch in den ausweglosesten Situationen. Für Max Horkheimer und Theodor W. Adorno war er deshalb das „Urbild des bürgerlichen Individuums“, ein Prototyp der Aufklärung, der seine überlegene praktische Vernunft gezielt für die eigenen Zwecke einsetzt. Von diesem gerissenen und geschickten Odysseus ist bei Nolan wenig übrig geblieben. Sein berühmtester Einfall kommt im Film gar nicht vor: Als „Niemand“ stellt der homerische Odysseus sich dem Zyklopen Polyphem vor, sodass dessen zu Hilfe gerufene Freunde wieder abziehen, als sie erfahren, „Niemand“ habe Polyphem verletzt. Bei Nolan verpasst Odysseus stattdessen die Gelegenheit zu Verhandlungen mit dem Riesen, weil er fälschlicherweise annimmt, dieser könne ohnehin nicht sprechen, und bringt auf dem Rückzug seine Mannschaft in Gefahr, indem er ihn mit einem unnötigen Pfeilschuss provoziert. Überhaupt fällt der Odysseus im Film – bei allem redlichen Bemühen – immer wieder die falschen Entscheidungen, gerade dort, wo er Autonomie demonstrieren möchte. Nach der Abfahrt aus Troja befiehlt er seinen Mannschaften, nicht wie Agamemnon den schnellsten und direkten Weg nach Griechenland einzuschlagen: Sie seien dem König jetzt schon lang genug gefolgt und wollten doch lieber noch etwas von der Welt sehen. Anders als bei Homer, wo Götter und Winde die Treiber sind, ist Nolans Odysseus für seine Irrfahrt also in erster Linie selbst verantwortlich. Und von Kalypsos Insel gelangt er nicht nach Hause, weil er sich innerhalb von vier Tagen ein seetüchtiges Floß mit Ruder und Segel zu bauen versteht, sondern indem er sich auf ein paar Brettern übers Meer treiben lässt: „Um zu leben, musst du loslassen können“, rät ihm die Nymphe. Das klingt eher nach Zen als nach sapere aude. Wilson: Nolans Odysseus ist ein „Tollpatsch“ An dieser Darstellung des Odysseus haben manche Altertumswissenschaftler Anstoß genommen. Der listenreiche Held sei bei Nolan zu einem „goody two-shoes“, einem Moralapostel, geworden, der nur noch trickse und betrüge, wenn es unbedingt nötig sei, befand die Althistorikerin Mary Beard in ihrem Podcast „Instant Classic“ (der sich in gleich drei Episoden dem Film widmete). Emily Wilson meinte in ihrer eingangs zitierten Fundamentalkritik, Nolans Odysseus sei ein „Tollpatsch“, dem alle Qualitäten abgingen, die ihn bei Homer auszeichneten. Andere vermissen Sex und Humor: Odysseus reiße im ganzen Film nicht einen einzigen Witz. Gerade aus Wilsons Mund muss die Kritik jedoch verwundern. Denn die Philologin von der University of Pennsylvania war es selbst, die 2017 mit einer modernistischen englischen Neuübersetzung der „Odyssee“ für Kontroversen sorgte. In ihrer Einleitung nannte sie Odysseus damals „einen Soldaten mit einer traumatischen Vergangenheit“, und aus dem „vielgewandten“ Mann im berühmten ersten Vers machte sie einen „komplizierten“ Mann. Das war nicht unbedingt textfremd: Das griechische Adjektiv polytropos besagt, dass jemand viele „Arten und Weisen“ hat, in welcher Form auch immer. Zugleich ist im stark psychologisch konnotierten „kompliziert“ schon jene Verinnerlichung von Odysseus' Windungen angelegt, die Nolan, der sich gerne auf Wilsons Übersetzung berufen hat, in seinem Film nun zu Ende denkt. Nolan holt Odysseus in unsere Zeit Denn der Odysseus im Film ist zwar kein wendiger Problemlöser, aber deswegen nicht weniger vielschichtig. Es ist das schlechte Gewissen, ja man könnte sagen, ein Trauma, das ihm zu schaffen macht. Ein dreifaches Schuldbewusstsein schleppt er mit sich herum: gegenüber dem jungen Sinon, den er für seine Finte vor Troja sterben ließ (was Vergil, nicht Homer entnommen ist); gegenüber seinen Gefährten, die er allzu oft in Gefahr brachte und manchmal nicht einmal bestatten konnte; gegenüber den Trojanern, deren Vertrauen auf höhere Gesetze er mit dem falschen Pferdgeschenk verletzte. Vor allem letzteres Vergehen erweist sich als fatal, führt zum Zusammenbruch der Ordnung und, wie wir am Ende erfahren, letztlich zum Untergang der Zivilisation. Im kollektiven Gedächtnis begründet das Trojanische Pferd Odysseus' Ruhm – bei Nolan wird es zum Symbol des Umschlags von Technik in Barbarei. Odysseus wird daraufhin zwar nicht zum verzagten Pazifisten. Was ihm gefährlich wird, tötet er routiniert wie eh und je. Doch er weiß um seine Verantwortung, um den Preis seiner Taten, und das nimmt ihm jedes Triumphgefühl. „Ich sehe überall die Folgen meines Versagens“, meint er an einer Stelle zu Athena. Noch am Ziel seiner Reisen, in den Armen seiner Frau Penelope, beweint er seine Fehler. Könnte es, in den engen Grenzen des Hollywoodkinos, einen komplizierteren Helden als diesen geben? Eigentlich hat auch Wilson das erkannt, wenn sie in einem Interview erklärt, Nolans Odysseus sei ein Actionheld, der kein Actionheld sein wolle. Die vielen „Arten und Weisen“ von Homers Odysseus behält Nolan bei, nur dass er die äußere Gerissenheit durch eine innere Zerrissenheit ersetzt. Gerade dadurch aber gehört er in unsere Zeit. Denn an der Beherrschbarkeit der Welt sind uns längst Zweifel gekommen. Während in den Kinos die „Odyssee“ läuft, ist der Sommer draußen außer Rand und Band und die regelbasierte Ordnung kaum mehr eine Chimäre. So wie Nolans komplizierten Helden plagt uns das Gefühl, irgendwie dafür verantwortlich zu sein. So wie er schlagen wir uns durch und wissen doch, dass uns keine noch so ausgetüftelte Klimaanlage oder hochgerüstete Bundeswehr langfristig vor Chaos und Übel bewahren werden. So wie er erleben wir einen Kontrollverlust aus eigenem Versagen. Dieser Odysseus sind wir.