Wellen schlagen an den Fels, Gischt spritzt, Fergal Somerville, ein Bär von einem Mann, drei tätowierte Herzen auf der Brust, steigt in Badehose, Badekappe und Schwimmbrille die Steintreppen hinab ins schäumende Meer und krault hinaus auf die Irische See. Ich kann gut mithalten, jedenfalls auf den ersten 500 Metern. Geh schwimmen, hat der Arzt zu Fergal gesagt, das ist gut für den Rücken – und Fergal, heute 63, ging schwimmen: von England nach Frankreich, von Nordirland nach Schottland, von Wales nach England und, als erster Mensch, rund um die drei Aran-Inseln vor der Bucht von Galway. Manchmal krault er 41 Kilometer am Stück, fünfzehneinhalb Stunden lang, ohne Neoprenanzug, egal ob das Wasser vier Grad kalt ist oder, wie heute, 15. Schwimmen ist gut für den Rücken, gut fürs Herz, gut für die Gelenke. Der perfekte Sport also – wären da nicht all die anderen Schwimmer. Das Freibad: brechend voll. Das Becken: sonnenmilchtrüb. Am Badesee ist der Parkplatz überfüllt, die Liegewiese verbrannt und trotzdem mit Handtüchern übersät. Plötzlich ist da diese Idee, wie ein kühler Schauer an einem schwülen Sommernachmittag: Wildschwimmen in Irland! Ein Roadtrip über die grüne Insel! Meere, Fjorde, Flüsse, Seen – raus aus dem Becken, auf in die Freiheit! Wie ein Traktor pflügt Fergal durch die Wellen, Schaufel für Schaufel wühlt er sich durchs Wasser und vergisst dabei, so erzählt er später, alles um sich herum: die Kälte, die Quallen, die Haie, sogar die Nervosität, die ihn vor den Rennen befällt, wenn er sich fragt, was er da eigentlich tut. Es fällt ihm selbst schwer, das zu erklären: diesen Reiz des Langstreckenschwimmens, das Aufsichgestelltsein in einem fremden Element, allein mit dem Wasser. Zurück an Land ist es an diesem Nachmittag vorbei mit der Einsamkeit: Der Forty Foot, eine felsige Landspitze am Südende der Dublin Bay, ist der beliebteste Schwimmspot Irlands. 100 Kilometer landeinwärts, Lichtjahre entfernt vom Trubel Dublins, steuert Charlie Horan, ein Mann mit stromlinienförmiger Gestalt, sein Kanu durch den River Barrow, den zweitlängsten Fluss des Landes. Go With The Flow River Adventures heißt sein Unternehmen, das Kajaktouren organisiert und Flussschwimmer zu den besten Stellen des Stroms führt. Am Ufer läuft sein Hund Bloom, benannt nach der Quelle des Barrow in den Slieve Bloom Mountains. Aus dem Schilf erhebt sich ein Fischreiher. „Das hier ist mein Paradies“, sagt Charlie. Wir rauschen ein Wehr hinab, ziehen das Kajak an Land, schwimmen seitlich an das Wildwasser und lassen uns wie kleine Jungs von den Fluten mitreißen. An einer Stromschnelle ein Stück flussabwärts füllen wir unsere Lungen mit Luft, legen uns flach auf den Rücken – und schlagen wegen des niedrigen Pegels trotzdem ständig mit dem Hintern auf. Dann paddelt Charlie mit Bloom zurück zum Ausgangspunkt, das Kanu wegbringen. Mich will er mit seinem Kleinbus in der nächsten Ortschaft abholen, zwei Kilometer flussabwärts. So kraule ich die nächste Dreiviertelstunde einsam und allein durch eine vergessene Ecke Irlands, navigiere durch steinige Engstellen und Unterwasserdschungel und lasse mir von Seegräsern den Bauch streicheln. Gemächlich zieht der Barrow dahin, mit entspannten Zügen gleite ich den mäandernden Fluss hinab. Sein Wasser ist weniger wild und milder als das Meer. Getragen vom sanften Strom, könnte ich ewig so weiterkraulen, go with the flow, bis zur Mündung in die Keltische See, aber dann, im Örtchen Graiguenamanagh, steht Bloom am Ufer und wedelt mit dem Schwanz: meine Zielfahne. Lough wie Loch, das klingt tief und dunkel Über grüne Wogen geht es weiter gen Westen, vorbei an Kirchen, die wirken wie Burgen, die Zinnen von Krähen umflattert. Im Autoradio singen die Dubliners von der großen Einsamkeit auf den Fields of Athenry und von früher, als wir noch jung waren und frei. Und irgendwann breitet sich vor mir das nächste Ziel meiner Reise aus: Lough Derg. Von zu Hause schienen mir die Seen am unheimlichsten: Lough Erne, Lough Hyne, Lough Derg – Lough wie Loch, das klingt tief und dunkel und ungeheuer. Jetzt aber, vom Südufer des drittgrößten Sees des Landes, sehe ich aufblasbare Wasserrutschen – und fahre, ohne zu halten, weiter ans Nordufer. Auch dort, in Mountshannon, empfängt mich ein fast schon deutsches Badeseeflair. Nur ein tätowierter Kerl mit Kapitänsmütze und verbrannter Nase sieht aus, als sei er gerade gestrandet. Er schläft in seinem Auto oder da drüben – er zeigt auf eine Insel im See – in einer Hängematte zwischen den Bäumen. „Starlight bed“, nennt er das. Doch weil ich keine Hängematte habe und mir das alles ansonsten weder unheimlich noch abenteuerlich genug ist, zieht es mich nach einer kurzen Schwimmrunde weiter nach Norden, Richtung Killary Fjord. Von steil aufragenden Hügeln umstellt schlängelt sich der Meeresarm vom Nordatlantik landeinwärts. Ein bildschöner Anblick – aber schwimmen? An einem Anleger steht, halb im Schlick versackt, ein Fischkutterwrack mit geborstenen Scheiben. Ein kleiner Hafen, den mir jemand empfohlen hat, ist mit Schafsscheiße übersät. Aber an der Mündung des Fjords soll ein Strand liegen wie in der Karibik. Und tatsächlich, da ist er, am Ende vieler immer enger werdender Straßen: Glassilaun Beach, eine halbrunde Bucht mit weißem Sand und türkisblauen Wasser. Außer mir ist niemand da, in Badehose renne ich durch die Dünen zum Meer – und bremse kurz vorm Wasser ab. Quallen, überall Quallen! Es ist Niedrigwasser. Ich gehe den weiten Strand hinauf – und sehe alle Stadien der Auflösung einer Ohrenqualle: Am Wasser noch fett und wässrig, vielleicht noch lebendig, sind sie ein Stück weiter oben schon halb vertrocknet. Nahe der Dünen ist nicht mehr von ihnen geblieben als runde Strukturen im Pudersand, eine poröse Schicht, hauchdünn, die beim Anheben sofort bricht und zerfällt. Verwesung, innerhalb eines halben Gezeitenzyklus. Iren fürchten sich nicht Gar nicht so leicht, das Wildschwimmen, denke ich, als ich am Abend im Whirlpool des Delphi Resorts liege, vorm Fenster ein Hügel wie eine grüne Pyramide. Beim Abendessen schwimmen auf meinem Teller Muscheln aus dem Killary Fjord in Weißweinsauce – so bekomme ich ihn doch noch, the taste of Killary. Am nächsten Morgen schaukle ich südwärts, der Wild Atlantic Way schlängelt sich durch die Wogen der Landschaft, am Straßenrand steht knorrig und gedrungen der Weißdorn im Wind. Dann öffnet sich der Blick, silbern und endlos glitzert der Ozean, aus den Boxen haucht der Ire Damien Rice: „Cold, cooold water surrounds me now, and aaall I’ve got is your hand!“ In Galway sitzt Fiona Monaghan, eine Frau mit glattem Haar und feinen Zügen, an eine sonnenwarme Steinwand gelehnt, in der Hand ein Cappuccino, vor ihr der Nordatlantik und, am Ende eines Stegs, ein Zehnmetersprungturm aus den Fünfzigerjahren. Jeden Morgen geht Fiona hier schwimmen, im Sommer krault sie parallel zum Strand bis zur 500-Meter-Boje und zurück, im Winter taucht sie nur kurz ein, und immer sitzt sie danach hier, am Ende der Promenade, mit einem Kaffee und einem Mandelcroissant, gemeinsam mit ihren Gleichgesinnten – und das sind viele am berühmten Blackrock Diving Tower: Nach dem Forty Foot in Dublin ist dies der zweitbeliebteste Schwimmort des Landes. „Fergal Somerville?“, sagt Fiona, als ich ihr von meiner Begegnung mit Distanzschwimmer erzähle. „Der Mann ist eine Legende!“ Sie selbst geht die Sache entspannter an. Aber dann fragt sie: „Bist du heut Abend noch hier? Da machen ein paar Leute ein Nachtschwimmen.“ In der Dämmerung strömen immer mehr Gestalten auf die Felsen am Sprungturm. „Der da“, Fiona zeigt auf einen Kerl mit langen, dunklen Locken, „ist um ganz Irland geschwommen.“ Ein Glatzkopf verteilt gelbe Leuchtstäbe und Klebeband; wir sollen sie hinten an unseren Schwimmbrillen befestigen, damit wir in der Dunkelheit nicht verloren gehen. Das weiße Blinken da draußen auf dem Meer, sagt er, das ist unser Ziel. Hin, einmal rum, wieder zurück. Zweikommazwei Kilometer – falls man den Kurs hält. Aber den Kurs, hat Fergal gesagt, hält man nie. Wo ist das rote Licht? Und so steige ich mit 50 anderen in den dunklen, kalten Nordatlantik. Auf den ersten Metern kraulen wir in einem großen Hauptfeld, es gibt ein paar Kollisionen, dann lichtet sich das Feld. Wo bin ich? Hinten? Vorne? Ich habe keine Ahnung. Und wo ist das Blinken? Die Brille ist beschlagen, das Wasser zerwühlt. Statt lange zu gucken, schwimme ich einfach weiter, mit den anderen. Nach Ewigkeiten umrunde ich das Leuchtzeichen und blicke zurück Richtung Land. Am Sprungturm soll ein rotes Blinklicht angebracht sein, aber das rote Licht, das ich sehe, springt plötzlich auf Grün, eine Ampel. Egal, ich schwimme weiter, noch mal 1100 Meter, im Freibad ein Witz, aber hier? Es ist nun kaum noch jemand in meiner Nähe, außer einer Schwimmerin mit rosa Schwimmboje. Statt mich am Land zu orientieren, schaue ich nur noch nach dieser Boje. Mal ist sie links von mir, mal rechts, mal vor mir, und nachdem ich sie eine Weile aus den Augen verloren habe, taucht sie plötzlich hinter mir auf. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich froh darüber, nicht allein im Wasser zu sein. Das Meer ist kein Freibad. In den wilden Wassern Irlands ist es manchmal ganz gut, jemanden an seiner Seite zu haben. Eine Teilnehmerin, so höre ich später, geht in dieser Nacht verloren – und landet 700 Meter weiter westlich, hinterm Golfplatz, erschöpft, aber unversehrt. Als ich es zurück zum Sprungturm geschafft habe, sind zwei Drittel der Schwimmer schon da. Eine Frau mit pinker Schwimmboje kommt auf mich zu: „Aufregend, oder?“ Auch sie war zum ersten Mal dabei – und weil sie auf dem Rückweg Schwierigkeiten hatte, sich zu orientieren, sagt sie, habe sie gar nicht mehr nach dem roten Blinklicht geschaut, sondern: nach mir. Das ist es also, was bleibt von meiner Suche nach der großen Freiheit: Sie und ich, ich und sie, in Schlangenlinien durch die Nacht, zwei gelb leuchtende Punkte im düsteren Nordatlantik, die sich, halb verloren im Dunkel, aneinander orientieren und aufeinander verlassen. Auch schön, irgendwie. Zum Wildschwimmen nach Irland Der Forty Foot liegt in Sandycove, am Südende der Dublin Bay. Es gibt Umkleiden, Duschen und gleich nebenan einen seichten Sandstrand: Sandycove Beach. Der Blackrock Diving Tower befindet sich am Ende der Promenade von Salthill, Galway. Die Termine zum Nachtschwimmen werden spontan verkündet – einfach vor Ort nach Paddy fragen, so heißt der Organisator. Wer im River Barrow schwimmen möchte, wendet sich an Charlie Horan: www.gowiththeflow.ie. Touren starten an der Adresse The Lock House, Clashganny, Borris, County Carlow. Im Killary Fjord steigt am 12. September 2026 der Gaelforce Great Fjord Swim. Start vom Boot aus, Strecken von 750 bis 8000 Meter. www.gaelforceevents.com/en/gaelforce-great-fjord-swim Hotels Ganz in der Nähe vom Forty Foot liegt das wunderschöne, viktorianische Viersternehotel Haddington House. Viele Zimmer haben Meerblick – mit den Leihfahrrädern ist man in ein paar Minuten am legendären Schwimmspot. Von 200 Euro an (haddingtonhouse.ie). Nirgends erholt man sich so schön von Anstrengung und Kälte wie im Wellnesshotel Delphi Resort am Killary Fjord. Auch das Restaurant ist erstklassig, Doppelzimmer von 150 Euro an (delphiadventureresort.com). Literatur Über 200 irische Wildschwimmorte gibt es in dem Buch The Complete Book of Wild Swimming in Ireland von Paul McCambridge und Maureen McCoy. Verlag Gill Life, 19,99 Euro. Weitere Information auf der Website des Irischen Tourismusbüros
