Gleich zu Beginn macht eine der erfolgreichsten deutschen Popkünstlerinnen eine Bemerkung, die viel über ihre Selbstwahrnehmung aussagt: „Ich versuch’, auf dieses Superstarlevel zu kommen. Das ist der Anspruch.“ Mit sieben Nummer-eins-Singles in Deutschland weiß sie, dass sie es trotzdem noch nicht ist. Weil ihre Shows noch nicht bombastisch genug sind, weil ihr Name noch immer nicht bekannt genug ist, weil sie auf Deutsch singt und rappt. Sie will es mit ihrer Tour „Schlau, aber blond“ ändern. Und sie ist, für deutsche Verhältnisse, längst ein ziemlicher Superstar. Dieser Drive, den es braucht, um überhaupt so super zu werden – den zeigt Shirin David in „Barbara – Becoming Shirin David“ immer wieder. Geboren als Barbara Shirin Davidavičius, wuchs sie mit ihrer Mutter und einer jüngeren Schwester in Hamburg auf, verbrachte aber auch immer wieder Zeit in Litauen, der Heimat ihrer Mutter. Der iranische Vater verließ die Familie, noch bevor ihre Schwester Patricia zur Welt gekommen war. Der Mutter war eine künstlerische Ausbildung wichtig: Shirin Davids Schwester, als Influencerin unter dem Namen Pati Valpati bekannt, erklärt, sie seien „gedrillt“ worden, „was Instrumente und so angeht“. Und die Ballettschulen. „Da fragt man sich schon: War das so nötig?“ Noch immer ist die Mutter präsent, begleitet David zu ihren Auftritten, macht bei der Probe der Bambi-Verleihung mit dem Handy Aufnahmen und weist ihre Tochter noch auf kleinste Fehler hin. Fanfiction in schillernden Farben Barbara hat davon profitiert. Schon als kleines Mädchen liebte sie die Bühne, wie sie erzählt. Und wer Opern singen kann, der kann auch Deutsch-Rap, zumindest mit ein bisschen Übung, guten Coaches und vernünftig sitzenden Lyrics. Die erwachsene Barbara, die als Shirin auftritt, hat aber auch Angst davor, nicht genug, nicht perfekt zu sein. Und sie hat Angst vor dem Onlinehass, den das Superstarleben mit sich bringt. Immer wieder weint sie in diesem Film, den Netflix als Dokumentation bezeichnet, der aber größtenteils ein PR-Zusammenschnitt eines Künstlerinnenlebens ist, Fanfiction in schillernden Farben, so wie fast alle Musikerdokumentationen. Man lernt trotzdem etwas, über Shirin David und die andere Person, Barbara. Dass Barbara häufig zu kurz kommt, kein Privatleben hat. „Ich habe keine sozialen Kontakte“, sagt die Dreißigjährige einmal, als sie in das Haus in Litauen fährt, in dem sie früher immer die Sommerferien verbracht haben. „Ist das nicht gestört?“ In einer anderen Einstellung erklärt sie, sie führe eine Beziehung mit ihrem Smartphone, gibt ihm einen Gutenachtkuss und legt es neben sich ins Bett. Außer Mutter und Schwester gibt es nur noch eine Person in ihrem Leben, ihren Manager Taban Jafari. Schon oft wurde den beiden eine Beziehung nachgesagt, sie hat es stets dementiert. Der Film zeigt, dass dieser Taban in ihrem Alltag die präsenteste Figur ist. In einer denkwürdigen Szene versucht ihre Schwester, sie zu einer Therapie zu überreden. Ihr selbst tue das gut. Doch Barbara oder Shirin kann nicht mal einer Therapeutin vertrauen, erklärt sie. Die würde es doch hinterher nur ihrem Mann erzählen. Eine besonders berührende Szene zeigt einfach nur Barbara, die von ihrem Vater erzählt. Einst hat sie einen Song gemacht, vielleicht ihren schönsten, über seine Abwesenheit: „Fliegst du mit“. Er sei verletzt gewesen deswegen, erzählt sie und weint. Sie habe es klären wollen, fuhr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Hamburg, stand um ein Uhr morgens vor seiner Tür – doch traute sich nicht zu klingeln. Monate später starb er. Geredet hatten sie nicht mehr. „Die Leute verwechseln Details mit Attitüde“ Die Perfektionistin hat klare Vorstellungen und viel Ambition. „Die Leute verwechseln Details mit Attitüde“, sagt sie und erklärt bei der Probe zur Bambi-Verleihung den Machern der Show, nach vielen Stunden des Korrigierens sehe es nun noch schlechter aus. „Ich muss für alles hart arbeiten“, sagt sie dazu aus dem Off. Sie ist bestimmt in ihren Ansagen, aber nicht unhöflich. Dabei trägt sie ein enges Shirt mit der Aufschrift „Horny“, das „o“ ist ein Herz. Solche Stilbrüche machen es Künstlerinnen wie ihr immer noch schwer, ernst genommen zu werden. Zugleich machen diese Stilbrüche sie als Künstlerin so interessant. Überhaupt: Wer hat schon den Anspruch, immer von allen ernst genommen zu werden? Dann nähme man sich womöglich selbst zu ernst. Und wäre nicht befreit in der Kunst. Immer wieder werden plakativ Hasskommentare aus dem Netz eingeblendet. Sie war 19, als sie ihr erstes Video auf Youtube hochlud. Schnell gab es mehr Klicks, mehr Kommentare, mehr Liebe – und viel Hass. „Und du liest jeden einzelnen Kommentar.“ Eine Youtuberin nimmt die Onlinebeziehung zu Fans und Hatern ernst. Und dann erzählt sie noch, wie sie in der Schule gemobbt wurde, auch online: Eine Schüler-VZ-Gruppe hieß „Ich hasse Barbara“. Oft heißt es, Shirin David sei nur eine Kopie amerikanischer Künstlerinnen wie Cardi B oder Nicki Minaj, die mit einer ähnlichen Ästhetik und Rap erfolgreich sind. Was die Botschaft angeht, stimmt das: Cardi B hat jede Beleidigung, jede abwertende Sexualisierung von Männern im Rap in Empowerment verwandelt. Shirin David rappt von Zusammenhalt unter Frauen und disst dabei männliche Rapper, sie macht sich das Bauch-Beine-Po-Mantra zu eigen und erklärt den Männern, sie sollten doch gefälligst mal lächeln. Doch Shirin Davids Zielpublikum ist in Deutschland und damit erst mal befangener. Während es in amerikanischen Unterhaltungsshows längst normal ist, dass Rapperinnen wie Cardi B als Stars ihrer Szene gefeiert werden, als spannende Künstlerinnen, ist ein weiblicher Rapstar in Deutschland schon ein Ding. Wenn die Rapperin dann auch noch rapüblichen Schönheitsidealen entspricht, dann nehmen Deutsche sie nicht ernst. „Ich fühle mich da wie ein Clown“, sagt Shirin David nach der Bambi-Verleihung bitter. Bei der Rede für ihren Preis sagte Moderatorin Nazan Eckes, David werde noch zu oft für ihr Aussehen kritisiert. Und machte damit genau dieses Aussehen wieder zum Gegenstand, findet David. Warum muss das immer als Erstes genannt werden? Shirin David fühlt sich bei solch einer biederen, deutschen Veranstaltung wie ein Alien. Als Künstlerin macht es sie mutig. Es ist ein altes Problem: Bei Frauen in der Öffentlichkeit ist das Aussehen immer Thema. Da ist eine Musikerin, die erfolgreich ist, weil sie eingängige Popsongs macht, weil sie einen Instinkt dafür hat, was funktioniert. Die aber auch erfolgreich ist, weil sie aussieht, wie sie aussieht. Bei Popstars gehört ein bisschen Glamour wohl dazu, auch bei männlichen. Ein Harry Styles wäre wohl nie so erfolgreich, wäre er nicht nach allgemeiner Auffassung schön. Nur ist es bei Frauen immer so: Ihr Aussehen wird als Erstes genannt, wird aggressiver thematisiert, ist Bestandteil aller Diskussionen, die sich eigentlich um Inhalte, um Kunst, um Pop, oft auch Kommerz, drehen sollten. Das muss auch eine Shirin David noch immer schlucken: dass sie in jedem zweiten Song Empowerment predigt, aber mit ihrer bloßen Präsenz manifestiert, dass erfolgreiche Frauen meist schön oder sexy zu sein haben (oder sind, aber ist das nicht im Grunde dasselbe?). „Das ist ganz schön traurig“, sagt sie zu ihrer Mutter und wischt sich die Tränen weg. Shirin David weiß selbst, dass ihr Aussehen ihr geholfen hat. Von jeder Schönheitsoperation habe sie profitiert, erklärt sie. „Ich bin ein Teil dieses Rades. Nennt man Kapitalismus. Ich verdiene daran. Aber ich leide auch darunter.“ Gleichzeitig nennt sie es Selbstschutz, immer perfekt aussehen zu wollen. Weil sie die Negativschlagzeilen nach Ungeschminkt-Bildern nicht ertragen kann und will. Man darf das weiterdenken. Eines Tages fragen sich Künstlerinnen vielleicht nicht immer nur: Wie sehe ich aus, und warum muss ich immer so aussehen? Pamela Anderson hat es mit 58 Jahren getan, als sie in Paris lieber ins Louvre gehen wollte, als sich aufwendig für die Fashion Week stylen zu lassen. Sie kam nahezu ungeschminkt – und erregte damit wohl die größte Aufmerksamkeit. Manche Frauen müssen erst in ihre Dreißiger oder Vierziger oder Fünfziger kommen, um diesen Punkt zu erreichen, manche tun es nie, und auch das ist kein Verbrechen.
