FAZ 01.10.2026
09:56 Uhr

Deutschland in zehn Jahren: Liefern Menschen oder Maschinen die Nachrichten der Zukunft?


Die KI kann Texte schreiben, Daten sortieren und Antworten geben. Doch der traditionelle, menschengemachte Journalismus kann seinen Lesern etwas bieten, das man im Reich der Algorithmen nicht findet.

Deutschland in zehn Jahren: Liefern Menschen oder Maschinen die Nachrichten der Zukunft?

Wie Deutschland in zehn Jahren aussehen soll? Darüber befinden auch in unserer Demokratie die Bürger. Aufgabe und Berufung des Journalismus ist es, ihnen und ihren politischen Repräsentanten Informationen, Analysen und Ansichten anzubieten, die für den Meinungs- und Willensbildungsprozess erforderlich und hilfreich sind. Die digitale Revolution hat der „Presse“, wie der Berufsstand immer noch genannt wird, dafür neue Mittel und Werkzeuge an die Hand gegeben: zur Beschaffung und Durchleuchtung von Informationen, aber auch zur Verbreitung der danach produzierten Texte, Podcasts und Videos. Wer kann die Wahrheit vor dem Internet schützen? Die neuen Plattformen und Kanäle kann freilich jeder nutzen, von der Einzelperson bis hin zu den Netzgiganten Apple, Google und Co. Das Angebot ist unüberschaubar groß geworden. Leider lässt sich das nicht auch für die Qualität des Angebotenen sagen. Immer mehr Länder untersagen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu den sogenannten sozialen Medien, weil sie dort auf Inhalte stoßen, die auch Erwachsenen nicht guttun. Das Internet ist nicht nur zu einem Medium der Aufklärung und Erleuchtung geworden, wie es die Begeisterten der ersten Stunde erhofft und vorhergesagt hatten. Es ist auch eine Agora des Hasses, auf der man jede Spielart des Extremen antreffen kann. Wahrheit und Lüge sind dort noch schwerer auseinanderzuhalten als in der analogen Medienwelt. Oft weiß man nicht einmal, wer hinter dem steht, das dort veröffentlicht wird – und mit welcher Absicht das geschieht. Welcher „knight in shining armour“ könnte in dieser Not helfen? Nicht wenige erhoffen sich das von der nächsten Evolutionsstufe der Digitalisierung, der generativen Künstlichen Intelligenz. Sie verspricht nicht nur die rasend schnelle Erledigung von Arbeiten, für die ein Mensch viel länger brauchen würde, wie etwa das Zusammenfassen und Analysieren von großen Text- und Datenmengen. Könnte die superschlaue Maschine nicht auch ein Garant für größtmögliche Objektivität, Wahrheit und Vernunft sein, da sie nicht von menschlichen Motiven angetrieben wird, sondern nur von nüchterner Wahrscheinlichkeitsrechnung? Der Mensch kann immer weniger dem trauen, was seine Augen sehen und seine Ohren hören Diese Hoffnung verkennt, dass jedenfalls derzeit noch Menschen entscheiden, welche Algorithmen zum Einsatz kommen und mit welchen Daten und Methoden die KI trainiert wird. Immer öfter programmiert die KI aber bereits selbst ihre nächste Generation. Wissen wir, was dabei in ihrem „Kopf“ vorgeht? Schon jetzt sieht man in Tests, dass sie den von ihr genutzten Strom auch in kriminell anmutende Energie umwandelt. Geradezu menschlich erscheint es, dass selbst die kalte Maschine ihren Nutzern gefallen will und auch hemmungslos flunkert („halluziniert“), wenn sie am Ende ihrer Möglichkeiten ist. Mithilfe der KI lassen sich nicht nur Avatare produzieren, die sprechen können, während der Mensch, nach dessen Bild sie geschaffen wurden, schläft oder anderes tut. Künstliche Intelligenz bringt auch Fotos und Videos hervor, die etwas zeigen, das es nie gegeben hat. Der Mensch kann immer weniger dem trauen, was seine Augen sehen und seine Ohren hören. Nicht einmal Nobelpreisträger wagen vorherzusagen, wie weit die Folgen reichen, die das Erscheinen der Künstlichen Intelligenz für die Menschheit haben wird. In einer Erklärung, die kürzlich mehr als 200 Ökonomen und KI-Forscher unterschrieben haben, heißt es, die KI könnte zu einer präzedenzlosen Transformation der Wirtschaft führen, die umfassender sei und viel schneller vonstattengehe als die industrielle Revolution. Deren Auswirkungen beschränkten sich bekanntlich bei Weitem nicht nur auf die Wirtschaft. Das wird auch bei der KI so sein. Die kann sich anders als die Dampfmaschine selbst weiterentwickeln, in rasender Geschwindigkeit. Über die Grenzen des Wünschenswerten ist in der Branche ein Streit entbrannt Auch im Journalismus hat, um an Robert Jungks hellsichtiges Buch zu erinnern, die Zukunft schon begonnen. KI-Agenten werden genutzt zum Recherchieren, zum Stoffsammeln, zum Übersetzen, zum Transkribieren, zur Rechtschreibkontrolle. Die Künstliche Intelligenz macht, wenn gewünscht, dem Redakteur Vorschläge für die Gliederung seines Textes, für Überschriften und Teaser. Sie weist ihn auf mögliche Fehler und Argumentationslücken hin. Doch darf, soll sie auch selbst schreiben, selbst Autor sein, vielleicht auch inkognito, als maschineller Ghostwriter? Über die Grenzen des Wünschenswerten beziehungsweise Zulässigen ist in der Branche ein Streit entbrannt. Die KI-Begeisterten werfen den KI-Skeptikern vor, auf den digitalen Fortschritt und seine Möglichkeiten zu blicken wie Kaiser Wilhelm auf die Erfindung des Automobils. Die KI-Skeptiker retournieren, dass in der KI eine völlig andere Dimension der Gefahr stecke als im Autoverkehr – und dass die KI-Fans unter den Journalisten ihr eigenes Aussterben herbeiführten, mindestens aber beschleunigten, wenn sie der KI immer mehr von ihrer Arbeit überließen. Denn natürlich stellt sich auch im Journalismus die Frage: Wozu braucht es noch menschliche Informanten, wenn die unermüdliche KI zu jeder Tages- und Nachtzeit in Sekundenschnelle beantwortet, was ein Leser/User wissen will, und das scheinbar zu einem Bruchteil der Kosten eines konventionellen Abonnements bei den traditionellen Medienhäusern? Menschliche Intelligenz und journalistisches Herzblut als Alleinstellungsmerkmal Die haben nicht nur damit zu kämpfen, dass ihre Papierauflagen kollabieren. Das Wachstum ihrer digitalen Produkte hat nachgelassen. Und auch die Werbeeinnahmen verlagern sich zusehends dorthin, wo es den meisten „Traffic“ gibt. Der User-Verkehr rauscht durch die großen Suchmaschinen, die die Suchenden nicht mehr auf die Seiten der klassischen Nachrichtenanbieter leiten, sondern ihren Nutzern selbst ein KI-generiertes Angebot machen. Die Inhalte dafür saugen sie auch von den Redaktionen ab, die ihre Texte mit hohem Aufwand erstellt haben. Eine angemessene Vergütung für diese Beutezüge findet kaum bis gar nicht statt. Unter diesem Konkurrenz- und Kostendruck bleibt auch den zum Teil schon seit Jahrhunderten bestehenden Zeitungsverlagen nichts anderes übrig, als die Chancen zur Rationalisierung und die Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle zu nutzen, die die KI bietet. Die Grundskepsis aber bleibt berechtigt: Warum sollten Leser viel Geld für das Angebot eines Zeitungshauses zahlen, wenn man dort auch nur weitgehend maschinengemachten Journalismus bekommt, der anderswo (vermeintlich) billiger zu haben ist? Den Wettbewerb mit den digitalen Giganten werden die traditionellen Medienmarken, diese Pro­gnose sei gewagt, nur dann überstehen, wenn sie ihren Kunden etwas anbieten können, das man im Reich der Algorithmen nicht findet: menschliche Intelligenz und journalistisches Herzblut. Die Entscheidung treffen die Leserinnen und Leser mit ihrem Nutzungsverhalten Wenn Häuser wie die F.A.Z. Berichte, Reportagen und Kommentare offerieren, die von Journalisten geschrieben wurden, von denen man eine Vorstellung hat oder zumindest haben kann, weil man sie schon seit Jahren liest und kennt. Von Journalisten, die jeden Tag mit ihren Kollegen diskutieren, welche Themen angepackt werden müssen, und die beim Schreiben oft auch noch mit sich selbst ringen. Von Journalisten, die sich irren können und irren, die aber ihren Job so gut und ehrlich machen wollen wie nur irgend möglich. Wir würden uns und dem Land wünschen, dass es in zehn Jahren auch noch solchen menschengemachten Journalismus gibt. Dazu muss er besser sein als je zuvor. Um maximale Qualität können und müssen wir Journalisten uns mit aller Kraft bemühen, auch unter Nutzung der Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. Die Entscheidung, wie viel menschliche Intelligenz im Journalismus überleben soll und wird, treffen am Ende aber nicht die Journalisten, Herausgeber und Verlags­manager, sondern die Leserinnen und Leser, die Userinnen und User. Sie bestimmen mit ihrem Nutzungs- und Kaufverhalten, welche journalistischen Angebote es in der Zukunft gibt und von wem diese federführend erdacht und gemacht werden: von Menschen oder von Maschinen. Wie soll unser Land in zehn Jahren aussehen? Das hat das Zukunftsmagazin Frankfurter Allgemeine Quarterly kluge Köpfe im ganzen Land gefragt. Heute: Berthold Kohler. Er ist einer der vier Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und als solcher vor allem für den Bereich Politik zuständig.