FAZ 16.03.2026
08:12 Uhr

Deutsche Großbank: Unicredit legt Übernahmeangebot für Commerzbank vor


Die italienische Großbank ist schon der größte Anteilseigner der Commerzbank. Jetzt legt sie ein Angebot für das gesamte deutsche Geldhaus vor. Der Aktienkurs steigt – doch die Commerzbank sieht keine Grundlage für Gespräche.

Deutsche Großbank: Unicredit legt Übernahmeangebot für Commerzbank vor

Die italienische Großbank Unicredit will die Commerzbank kaufen. Sie legt den Aktionären der zweitgrößten deutschen Privatbank ein offizielles Übernahmeangebot zum Erwerb aller Aktien der Commerzbank vor, wie die Unicredit in Mailand mitteilte. Unicredit ist schon heute der größte Anteilseigner der Commerzbank. Mit der neuen Offerte geht die Unicredit auf Konfrontationskurs mit dem Commerzbank-Management, den Arbeitnehmervertretern und der Bundesregierung, die eine Übernahme ablehnen. Das Angebot ziele darauf ab, die im deutschen Übernahmerecht vorgesehene 30-Prozent-Schwelle zu überwinden und „in den kommenden Wochen einen konstruktiven Dialog mit der Commerzbank und ihren Stakeholdern zu fördern“, teilte das Institut weiter mit. Es werde erwartet, dass Unicredit eine Beteiligung an der Commerzbank von mehr als 30 Prozent erreichen werde, „ohne die Kontrolle zu erlangen“. Das Umtauschverhältnis des Angebots werde in den kommenden Tagen festgelegt. Es werde erwartet, dass demnach die Eigner des Frankfurter Geldhauses 0,485 neue Unicredit-Papiere für jede Commerzbank-Aktie erhalten, was einem Preis von 30,80 Euro pro Commerzbank-Anteil oder einem Aufschlag von vier Prozent zum Schlusskurs am 13. März entspreche. Im frühen Montagshandel erhöhte sich der Commerzbank-Aktienkurs entsprechend, später legte er jedoch um fast 7 Prozent zu. Damit überschritt der Kurs das Niveau der Unicredit-Offerte, was die Erwartungen der Aktionäre eines höheren Angebotes zum Ausdruck bringt. Die Unicredit-Aktie rutschte unterdessen leicht ins Minus. Orcel will europäische Banken stärken Offiziell soll das Angebot Anfang Mai vorgelegt werden, mit einer Angebotsfrist von vier Wochen. Für Mai soll dann eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen werden, um die Zustimmung der Aktionäre einzuholen. Die Unicredit, die im deutschen Markt mit der Hypovereinsbank (HVB) schon ein Standbein hat, wirbt seit Monaten für eine Übernahme der Commerzbank. Unicredit-Konzernchef Andrea Orcel sieht Chancen in einem kombinierten Geschäft mit Privat- und Mittelstandskunden und argumentierte immer wieder, Europa brauche im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken. Am Montagmorgen sagte er in einem Rundruf mit Analysten, dass seine Bank bisher „positive“ Gespräche mit der Commerzbank-Führung gehalten habe, doch in diesem Rahmen hätte nicht über eine engere Kooperation gesprochen werden können. „Die Antwort lautete stets, dass wir ein Übernahmeangebot unterbreiten müssten“. Dies tue die Unicredit nun. „Unsere Botschaft lautet: Es ist Zeit zu reden“, sagte Orcel. Orlopp: Sind überzeugt von unserer Strategie Als mögliches Vorbild nannte er die Zusammenarbeit mit der griechischen Alpha-Bank, an der Unicredit die Anteile schrittweise auf rund 30 Prozent erhöht hat. Von einer losen Geschäftsbeziehung hat sich das Verhältnis mit den kooperationswilligen Griechen zu einer breit angelegten strategischen Partnerschaft mit gemeinsamer Produktplattform wie Asset Management, Versicherungen und Zahlungsverkehr sowie einer gemeinsamen Präsenz in Südosteuropa entwickelt. Die Offerte sei nicht mit der Commerzbank abgestimmt, erklärte das Frankfurter Geldhaus am Montag. „Darüber hinaus beinhaltet die ‌Kommunikation der UniCredit keine weiteren Informationen bezüglich der Eckpfeiler einer wertstiftenden Transaktion. Das wäre die notwendige Grundlage für etwaige ‌Gespräche“, hieß es ‌in der Mitteilung. Vorstandschefin Bettina Orlopp sagte: „Wir sind überzeugt von der Stärke und dem Potenzial unserer Strategie, die auf Eigenständigkeit und profitables Wachstum setzt.“ Die Mailänder Großbank hatte im September 2024 den Teilausstieg des Bundes genutzt, um im großen Stil bei der Commerzbank einzusteigen. Die Unicredit baute ihre Beteiligung nach und nach aus und löste den deutschen Staat als größten Commerzbank-Aktionär ab. Inzwischen hält Unicredit gut 26 Prozent der Anteile und hat über Finanzinstrumente Zugriff auf weitere gut drei Prozent. Bund lehnt „feindliche Übernahme“ der Commerzbank weiterhin ab Schon im März 2025 erhielt die Unicredit die Erlaubnis der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), ihren Anteil auf knapp 30 Prozent aufzustocken. Auch das Bundeskartellamt gab grünes Licht. Auf die italienische Großbank käme im Fall einer Übernahme der Kontrolle über die Commerzbank laut Bundeskartellamt eine Prüfung durch die EU-Kommission zu. „Nach unserem aktuellen Verständnis muss bis zum Kontrollerwerb keine erneute Anmeldung erfolgen. Dann wäre aber die ‌EU-Kommission zuständig“, sagte ein Sprecher der Bonner Behörde am Montag. Der Bund, der die Commerzbank in der globalen Finanzkrise mit Steuermilliarden vor dem Kollaps bewahrt hatte, hält gut 12 Prozent der Anteile und will die Beteiligung nicht verkaufen. Die Bundesregierung reagierte zurückhaltend. Noch gebe es lediglich Ankündigungen, aber kein förmliches Angebot dafür, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums in Berlin. Sollte es dazu kommen, sei es Sache des Vorstands und des Aufsichtsrats der Commerzbank, dieses Angebot zu prüfen und eine Empfehlung an die Aktionäre auszusprechen. Zugleich machte der Sprecher aber klar, der Bund lehne eine „feindliche Übernahme“ der Commerzbank weiterhin ab. „Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank. Eine feindliche Übernahme wäre insbesondere mit Blick darauf, dass die Commerzbank eine systemrelevante Bank ist, nicht akzeptabel“, sagte er. Hessens Ministerpräsident Rhein zurückhaltend Auch Hessens Ministerpräsident Boris Rhein hat zurückhaltend auf ⁠das Übernahmeangebot der italienischen Bank Unicredit für die Commerzbank reagiert. „Wir werden ‌die neue Situation ergebnisoffen und verantwortungsvoll prüfen und bewerten“, teilte der ‌CDU-Politiker ‌am Montag mit. „Maßstab für uns ist und bleibt, dass der europäische Finanzplatz Frankfurt ⁠am Main, Europas Nummer 1, gestärkt und nicht geschwächt wird“, fügte er hinzu. ⁠Außerdem müssten in ‌allen Gesprächen die Interessen der Mitarbeiter und der ⁠Kunden der Commerzbank, ⁠eines wichtigen Finanzierers des Mittelstands, „angemessen ⁠berücksichtigt“ werden, betonte ⁠Rhein. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hat angesichts der Begehrlichkeiten der Unicredit die Eigenständigkeit ihres Hauses mit allen Mitteln verteidigt. Sie verordnete dem Konzern ehrgeizige Renditeziele, höhere Dividenden und verkündete trotz eines Rekordgewinns 2024 den Abbau von rund 3900 Stellen, davon der Großteil in Deutschland. Nach abermals starken Zahlen für das Jahr 2025 schraubte die Commerzbank erst kürzlich ihre Ziele nach oben. Orlopp setzte auf den stark gestiegenen Aktienkurs als Abschreckung gegen die Unicredit. Unicredit-Chef Orcel hielt unterdessen betont gelassen an seinen Plänen fest. Er betonte immer wieder, er sehe große Synergien zwischen der Commerzbank und der Mailänder Großbank. Betriebsrat will mit „allen Möglichkeiten und Mitteln vorgehen“ Die Gewerkschaft Verdi befürchtet einen Kahlschlag bei der Commerzbank und verweist auf die Übernahme der HVB durch die Unicredit im Jahr 2005, die bei der Münchner Bank zu einem Schrumpfkurs führte. Commerzbank-Betriebsratschef Sascha Uebel hält das Vorgehen der Unicredit für „geschäftsschädigend“. Mit der Ankündigung des Übernahmeangebots setze Unicredit-Chef Andrea Orcel sein Taktieren fort – zulasten der Mittelstandskunden und der Belegschaft der Commerzbank. „Das ist die nächste Stufe der Unverschämtheit. Das ist nicht nur unabgestimmt, das ist feindlich“, sagte der Vorsitzende von Konzern- und Gesamtbetriebsrat der Commerzbank der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt. Uebel kündigte deutlichen Widerstand an: „Wir werden mit allen Möglichkeiten und Mitteln dagegen vorgehen“, sagte der Betriebsratschef, ohne konkreter zu werden. Spätestens zur Commerzbank-Hauptversammlung am 20. Mai dürfte mit Aktionen der Belegschaft zu rechnen sein.