Der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist am Donnerstag im Alter von 87 Jahren in Wien gestorben. Das teilte sein Verlag Rowohlt Berlin mit. Bekanntheit erlangte Lethen durch seine Epochenstudie „Verhaltenslehren der Kälte“ von 1994 und das Gottfried-Benn-Porträt „Der Sound der Väter“ aus dem Jahr 2006. Lethen wurde 1939 in Mönchengladbach geboren. Von 1977 bis 1996 lehrte er an der Universität Utrecht, später übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Von 2007 bis 2016 leitete er das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Lebensversuche zwischen den Kriegen „Helmut Lethen zählt zu den prägenden Denkern der Gegenwart und zu den charismatischsten Vertretern der Kulturwissenschaften in Deutschland“, hieß es von seinem Verlag. Man verliere „einen außergewöhnlich großherzigen Menschen, dessen Heiterkeit und intellektuelle Neugier bis zuletzt ansteckend waren“. Als sein wichtigstes Werk galt „Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen“. Am Beispiel von Autoren wie Bertolt Brecht, Ernst Jünger oder Helmuth Plessner zeigte Lethen darin, wie in der Weimarer Republik und der Zwischenkriegszeit, als nach dem Ersten Weltkrieg Moral und Traditionen zusammengebrochen waren, Verhaltenslehren propagiert wurden, die auf einen Habitus der Härte setzten. Lethens Partnerschaft auf der Bühne 2020 erschienen Lethens Erinnerungen „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen war das Stück „Three Times Left is Right“ eingeladen, eine Produktion von Studio Julian Hetzel in Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Schauspiel Leipzig. Verhandelt wird in der 2025 uraufgeführten Performance mit Josse De Pauw und Kristien De Proost eine hochpolitisierte Paarbeziehung. Er ist alt und links, sie ist viel jünger und rechts – und trotzdem funktioniert diese Beziehung irgendwie. Regisseur Julian Hetzel sagte in Interviews, die Inspiration für „Three Times Left is Right“ sei Helmut Lethens Partnerschaft gewesen: „Seine Partnerin, Caroline Sommerfeld, ist vielleicht immer noch eine der führenden intellektuellen Persönlichkeiten der Neuen Rechten in Deutschland und Österreich. Und wir dachten: Das ist eine interessante Situation.“ Für das autobiographisch gefärbte Buch „Der Schatten des Fotografen“, in dem der Schriftsteller etwa Robert Capas Kriegsbilder untersuchte, erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch.
