FAZ 25.09.2026
16:05 Uhr

DOSB-Olympiabewerber: Hervorragende Kandidaten, spitzenmäßig nervös


Was entscheidet über den deutschen Olympiabewerber? Viele Spitzenverbände wägen vor der Wahl zwischen München und Rhein-Ruhr am Samstag Stimmung, DOSB-Matrix – und Eigeninteressen.

DOSB-Olympiabewerber: Hervorragende Kandidaten, spitzenmäßig nervös

Alles präzise ausgerechnet! Ein auf zwei Stellen hinter dem Komma kalkuliertes Eignungsergebnis hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) den Wählern des deutschen Olympiakandidaten in dieser Woche in die Hand gedrückt. Auf dass sie am Samstagmittag in Baden-Baden den Richtigen wählen für die Bewerbung um Sommerspiele beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). München oder Rhein-Ruhr mit Köln? Das Ergebnis hängt davon ab, ob die 42 wahlberechtigten olympischen Spitzenverbände (je drei Stimmen), das DOSB-Präsidium (zehn) und die Persönlichen Mitglieder (acht) des Dachverbandes die „Bewertungsmatrix“  und alle mehr oder weniger en détail aufgeführten Erläuterungen nüchtern scannen. Oder ob sie lieber ihren Eigeninteressen folgen, weil ihrer Sportart im Westen oder Süden ganz schöne Perspektiven geboten wurden. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass allein die Attraktivität des Kandidaten in den Augen des IOC entscheidet. Gehopst wie gesprungen? Der Weg ist jedenfalls nicht das Ziel. Der deutsche Sport, und mit ihm die Bundespolitik, will den internationalen Wettlauf gewinnen. Es geht um ein ersehntes Comeback in der Welt, vordergründig im Spitzensport. Wer als Mensch der Zahlen gern der Berechnungsgrundlage des DOSB folgt, die höchstmögliche Genauigkeit suggerieren, vor allem aber Gerechtigkeit in einer komplexen, teils unübersichtlichen Analyse demonstrieren soll, kann laut Resultat nichts falsch machen: München liegt mit  87 Punkten knapp vor Rhein-Ruhr (85). Alle beide „hervorragende Kandidaten“, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert, beide von den Bürgern (66 Prozent) gewollt. Also gehopst wie gesprungen? Und was kostet das? Bei der letzten Jagd um Stimmen nach dem Rückzug von Berlin am Donnerstag sollte es trotz der ausgeglichenen Rechnung noch mal um die Unterschiede gehen, zumindest grob: Rhein-Ruhr wirbt mit dem Superlativ vom Zuschauerrekord dank der kalkulierten mehr als 17 Millionen Tickets.  Das Olympiastadion würde in einem ohnehin geplanten neuen Stadtteil im Norden Kölns stehen und nach den Spielen in Wohnraum umgebaut werden. Zwar ist zu hören, dass in Köln angesichts der leeren Kassen kein einziger Euro für das Olympiaprojekt zur Verfügung gestellt werden kann, aber der Investitionsbedarf wäre in Rhein-Ruhr angeblich geringer als in München. Klar ist: Bund, Land und Sponsoren müssten zahlen. Klar wird aber auch jedem, der in der DOSB-Evaluierung blättert, dass zu Finanzzahlen so eines Milliardenprojekts kaum etwas zu erfahren ist. Bei keinem der Bewerber. Zeltdach oder Dom? In NRW sind sie selbstbewusst: Das IOC könne, beim Blick auf dessen Kriterien, gar nicht an ihrem Regionalprojekt vorbei. In vier der sieben in der Matrix definierten Bewertungskategorien liegt das Projekt vor München. Was vor allem an der Stimmgewalt des DOSB lag, dessen Bewertung mehr zählte – Stichwort Eigeninteresse – als das der Spitzenverbände, die München weitgehend vorn sahen. Und so fragt die Sportfraktion der bayerischen Landeshauptstadt angesichts dieser Hackordnung (rhetorisch) und – klar – „nicht zum Zitieren“, ob denn nicht die Kompetenz dort am höchsten sei, wo der Sport gemacht werde? Münchens Stadtkonzept, vor allem kurze Wege, gute Sportanlagen, die Leichtathletik-WM 2031 als Vertrauensbeweis im Sack und die Atmosphäre der Minispiele, der European Games 2022, vor Augen: das Olympiastadion mit seinem grandiosen Zeltdach im Olympiapark und die Triumphe des Weltklubs FC Bayern lösen in der IOC-Welt andere Gefühle aus als Schalke und der Kölner Dom. Bild schlägt Matrix? Führungspersonen einiger Spitzenverbände räuspern sich in diesen Tagen allenfalls. Zur Wahl kein Wort. Es scheint logisch, nach ihrer Einschätzung München als großen Favoriten zu betrachten. Von den 144 Stimmen verfügen sie über 126. Noch Fragen? Ja. Ob denn im Verlauf des Prozesses Wanderschaften stattgefunden haben könnten? Einer ist sicher. Um das Problem der Distanzen zwischen dem Olympischen Dorf in Köln und etwa dem Schwimmstadion auf Schalke abzumildern, haben die NRW-Organisatoren nachträglich „Athletic Performance Centers“ erdacht, wo sich Sportler ausruhen, vorbereiten und aufwärmen können. Clever war auch, jüngst Rostock-Warnemünde als Segelrevier und Markkleeberg mit dem Kanupark ins Projekt einzubinden. München setzt auf Kiel, wie anno 1972. NRW bindet ein kleines bisschen Ostdeutschland mit ein. Was Berlins Wähler nach dem Rückzug der Hauptstadt dazu verleiten könnte, mit der rheinischen Kampagne zu sympathisieren. Und sei es, weil der Glaube an die Kraft der Frohnaturen der von Kanzler Merz herbeigesehnten Dynamik gegen die Verdrießlichkeit eine Chance gibt. Warum nicht auf die Stimmung setzen, wenn es laut DOSB-Hochrechnung doch pari steht? Einig sind sich manche der Befragten aus dem Kreis der halbwegs redseligen Wähler: Es könnte eng werden. Der Konjunktiv steigert die Nervosität. Und so wächst, wie es hinter vorgehaltener Hand heißt, ein mehr oder weniger begründetes Misstrauen. Selbst im DOSB-Präsidium wird die Objektivität der Matrix unterschiedlich betrachtet. Sie steht. Dem begründeten Anschein von Befangenheit einzelner wahlberechtigter Mitglieder des Führungszirkels lässt sich aber begegnen vor der Wahl: mit einer Enthaltung.