FAZ 09.10.2026
19:39 Uhr

Caroline Wahl: Zu Prada in die Berge


Zur Frankfurter Buchmesse 2026 stellt Caroline Wahl im Schauspiel Frankfurt ihren neuen Roman „1999 Meter über dem Meer“ vor. Und erzählt, was der Erfolg mit ihr macht.

Caroline Wahl: Zu Prada in die Berge

Sieben bis acht Bonbons passen in die wiesengrüne Mini-Bag von Prada, die Samara sich in Sankt Moritz vorführen lässt. Den Schweizer Luxusferienort hat sie gerade erst erreicht. Aber wer eine richtige Hochstaplerin werden will, springt aus dem Mercedes gleich ins kalte Wasser des Ladens, vor dem man geparkt hat, und übt die Kaltschnäuzigkeit. Dazu probiert man die Ware am besten in sämtlichen Farben. Auch wenn man die hübschen kleinen Taschen, die die „Prada-Heinzelmännchen“ hinter dem Tresen der Neukundin gegenüber als „It-Piece“ anpreisen, eigentlich lächerlich findet. Gefühlt so viele Männer wie Bonbons in der Tasche haben es zu Caroline Wahls Buchmessen-Lesung ins Schauspiel Frankfurt geschafft, wo die Autorin im Gespräch mit Emily Grunert, Leiterin des Literaturbüros Nordrhein-Westfalen, ihren neuen Roman „1999 Meter über dem Meer“ vorstellt. Der Rest sind Leserinnen. Zahlen, Frauen, Fluchten: Wahl und ihre Fans sind zurück im Kosmos von „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“. Aber Samara hasst die See, sogar auf Bali, kann auch mit Berlin nicht viel anfangen und wird misstrauisch, als sie sich im Allgäu wohlzufühlen beginnt. Wo kämen wir denn da hin? Dann lieber weiter hinauf in die Berge, wie fliehendes Wild. Geradewegs in die Heimat des „großen Fischs“, den Samara in Gestalt eines Filmproduzenten an der Angel hat, wenn sie denn will, und sie will dann doch. Diesen Selbstfindungspfaden wollen im ausverkauften Zuschauerraum diesmal deutlich mehr Frauen folgen als Männer. Kritik heißt: Jetzt erst recht Zum Hochstapeln in die Berge – es ist, als lasse Wahl Felix Krull auf den Zauberberg fahren. Wer kommt, gehe entweder sofort wieder weg oder bleibe für immer, heißt es im Roman über Sankt Moritz, als sei es Thomas Manns Sanatorium in Davos. Wahl selbst hat eher etwas von Imma Spoelmann, der Heldin von „Königliche Hoheit“. Die wirkt auch apart und tut, was sie will. Ihren Erfolg empfinde sie als Bestätigung, sagt sie auf der Bühne des Schauspielhauses. Und schreibe durch ihn noch selbstbewusster. Für die Kritik an ihr gelte das erst recht. „Es macht Spaß, damit zu spielen.“ Weshalb Fritz, der große Fisch, im Roman prompt eisblaue Augen hat – wie schon Viktor aus „22 Bahnen“ vor ihm. Nicht kleckern, klotzen. Wenn einem schon vorgeworfen wird, dass man sich nicht so literarisch wohltemperiert verhalte, wie der Kritiker oder die Kritikerin es für nötig hält – ja, dann erst recht. In diesem Zusammenhang würde man gerne den Drachen-Roman lesen, an dem Wahl nach der Veröffentlichung der „Assistentin“ so vertieft arbeitete, dass sie ihren Eltern sagte, sie komme zu Weihnachten lediglich für Heiligabend nach Hause. Lektorat und Agentin rieten ihr ab. Was nicht das letzte Wort gewesen sein darf. „1999 Grad“ oder „Flugroute 17“ würde man doch gerne lesen. Kaum jemand wird derzeit jedenfalls so bestaunt wie sie. Ihre Frisur, ihre Art, ihr Erfolg. Vier Bücher in vier Jahren, allesamt Bestseller, die Zuneigung ihrer Fans, die Irritation derer, die es nicht sind. Aber die Signierschlange nach der mit 75 Minuten recht kurz geratenen Lesung ist lang, und der Abend zeigt, was das Publikum an ihr hat. Kürze, Lakonie, eine Schnoddrigkeit, hinter der sich manchmal das Sentiment verbirgt, meist aber die Ironie, das ist so gut, als enthielte die kleine Handtasche süße Bonbons und saure Drops zugleich. Zum Glück sind Bücher billiger als Handtaschen.