Mein Liebes, gestern Abend bin ich auf der Farm angekommen. Ich hatte dir gesagt, dass ich meine Reise verschieben würde, aber dann habe ich meine Entscheidung geändert. Ich habe den ersten Flug nach Istanbul gebucht und bin in die Türkei geflogen. Am Tag vor dem Flug rief mich N., mein Exfreund, an und sagte, wegen der Spannungen in der Straße von Hormus sei angekündigt worden, dass der iranische Luftraum erneut geschlossen werde. „Flieg nicht“, sagte er. „Selbst wenn ein Flug stattfindet, ist es gefährlich.“ Ich dachte mir: Wenn die Schließung des Himmels Luftangriffe auf Iran bedeutet, dann bleibe ich besser in Teheran, damit ich nicht wieder wie beim letzten Mal jenseits der Grenze in der Türkei feststecke. Doch die Flüge wurden nicht gestrichen, es gab keinen Angriff, und ich kam ohne Schwierigkeiten in Istanbul an. Die meisten Passagiere im Flugzeug waren Migranten. Entweder Iraner, die außerhalb Irans lebten, oder Afghanen und Turkmenen. Und ich. Für einen Moment sah ich mich selbst als eine einsame Migrantin unter ihnen. Wandere ich aus? Ich habe Angst vor dem Wort Migration. Lieber stelle ich mir vor, ich sei wie ein Zugvogel, der zwischen Sommer- und Winterweiden zieht. Oder wie ein Mensch, der zur Erde gehört und nicht zu einem bestimmten Ort. Ach, wäre es nur so einfach. Bevor ich abreiste, traf ich Sa. noch einmal. Den Mann, mit dem ich in Teheran auf einem Date gewesen war. Ich hatte das Gefühl, seine Worte und seine Blicke würden mich langsam in eine neue Liebesgeschichte hineinziehen. Er erinnerte mich an N. – vom ersten Moment an, als wir uns begegneten, war er in mich verliebt, und nach sechs Jahren liebt er mich immer noch. Sa. erzählte mir, dass er noch ein weiteres Mal verliebt gewesen sei. Nach einem Jahr Beziehung sei die Frau ausgewandert und habe ihn allein zurückgelassen. Er sagte: „Nach ihrem Weggang war ich so einsam, dass ich einmal kurz davor war, mich umzubringen.“ Ich fragte ihn: „Warum bist du nicht mit ihr gegangen?“ Er sagte: „Ich könnte Iran niemals verlassen. Mein Leben ist hier. Mein Kind ist hier, die Mutter meines Kindes ist hier.“ Genau in diesem Moment änderte ich meine Meinung und beschloss, den ersten Flug nach Istanbul zu nehmen. Er fragte: „Wann kommst du zurück?“ Ich sagte: „Ich bin jederzeit bereit aufzubrechen.“ Er drückte meine Hand fest. Ich sagte zu ihm: „Du bist ein treuer Mann.“ Ich meinte seine Treue zu Iran und zu seinem Kind. Doch er sagte: „Nein, bin ich nicht.“ Dann ließ er meine Hand los, hob vier Finger und sagte: „Viermal habe ich meine Frau betrogen. Wir haben uns getrennt, als unser Kind ein Jahr alt war.“ Ich nahm seine Finger in meine Hände und küsste sie. Mit jedem Augenblick erinnerte mich dieser Mann mehr an meine Beziehung mit N. Für einen Moment betrachtete ich die Unschuld in seinen schuldbewussten Augen. Dann verabschiedeten wir uns. In den Upanishaden gibt es einen Satz: „Der Mensch ist wie eine Spinne, die ihr eigenes Netz webt und darin lebt.“ Ich habe das Gefühl, zu viele Spinnennetze halten mich fest. Netze, die die Menschen meines Lebens gesponnen haben und die sich mit meinen eigenen Fäden verflochten haben. Ich versuche, mein eigenes Netz zu weben und mich darauf weiterzubewegen. Alle Gaben der Freundschaft auf einem Tablett Du hattest mir geschrieben, dass du in letzter Zeit unerbittlicher gegenüber den Menschen um dich herum geworden bist. Vielleicht stehen wir beide an einem ähnlichen Punkt. Hier ist es inzwischen ziemlich warm. Als ich auf der Farm im türkischen Dorf ankam, warteten D. und S., das freiwillige Hilfsarbeiterpärchen, schon im Hof auf mich. D. stand barfuß und in kurzen Hosen auf dem Feld, ihre Haut sonnenverbrannt. S. hatte eine Zigarette im Mundwinkel. Beide sahen für mich aus, als wären sie direkt aus dem Boden der Farm gewachsen. Wie sehr sie Teil dieses Ortes geworden waren. In zwei Tagen werden sie die Farm verlassen. S. fliegt in seine Heimat in die USA und D. nach Serbien, um eine Freundin zu besuchen. Das verliebte Paar wird für eine Weile getrennt sein, und D. ist traurig darüber, ihren geliebten Hund Herbie zurückzulassen. Als ich das Haus betrat, sah ich auf dem Tisch ein kleines Tablett. Auf ein großes Blatt Papier hatten sie auf Persisch geschrieben: „Willkommen zu Hause.“ Auf dem Tablett lag ein gelber Stein, den sie am Strand gefunden hatten, kleine getrocknete Blumen, etwas Reis, eine alte kleine Glocke von traditionellen bulgarischen Kleidern und frische Blumen. Dieses kleine Tablett war der Inbegriff unserer Freundschaft, unserer Verbindung. Ich hatte ihnen Datteln aus Iran als Geschenk mitgebracht. Und für meinen türkischen Freund O. etwas Honig, Walnüsse und Haselnüsse von der Farm meiner Eltern. Sie fragten mich nach Iran. Ich sagte, im Moment sei die Lage ruhig. Das eigentliche Problem sei das tägliche Überleben. Ich weiß nicht, wie viele Leben gerade in Sackgassen geraten und wie viele Menschen sich nicht einmal mehr Essen leisten können. Am Abend vor meinem Flug sah ich meinen Bruder, seine Frau und meinen zweijährigen Neffen. Wir trafen uns in einem Park, damit mein Neffe spielen konnte. Er hat gelernt, mich „Amme“ zu nennen. Er hat gelernt, die Stirn zu runzeln, wenn ihm etwas nicht gefällt, seine kleinen Hände nach vorne zu strecken und entschieden Nein zu sagen. Er hat gelernt, mir zum Abschied Küsse zuzuwerfen. Im kleinen Gedächtnis dieses Kindes hat der Krieg keinen Platz. Weil er ihn ignoriert. Aber ich habe letzte Nacht wieder von Raketen geträumt, die dicht über meinen Kopf hinwegzogen und einen gewaltigen Lärm machten. Ich wusste nicht, ob das Beirut war oder Teheran. Jemand flüsterte mir ins Ohr: „Alle Menschen in Iran schlafen noch. Niemand ist bisher aufgewacht.“ Ich schreckte aus dem Schlaf hoch. Mir war kalt. Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.
