Wer in der Vorwoche „ntv“ gelesen hat, konnte kurz auf den Gedanken kommen, dass Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sich plötzlich in Heinrich den Löwen verwandelt hat. Die Überschrift: „Neuendorf auf Distanz“. Die Unterzeile: „DFB verweigert FIFA-König Infantino die Gefolgschaft“. Doch der Gedanke, dass Neuendorf zum Löwen geworden ist – Herzog Heinrich hatte 1176 dem König und Kaiser Barbarossa die Gefolgschaft für dessen Italien-Feldzug verweigert –, währte nur kurz. Kein Brief, aber ein Heer Schon im zweiten Satz des „ntv“-Artikels stand, dass Neuendorf und der DFB kein Unterstützungsschreiben für die Wiederwahl Gianni Infantinos zum Präsidenten des Internationalen Fußballverbandes FIFA unterzeichnet haben. Mit Blick auf das bisherige Handeln der Deutschen ist das so, als hätte Heinrich damals keinen Brief an Barbarossa geschickt, aber sein Heer. Gut, dass es in Europa immerhin eine Löwin gibt. In dieser Woche hat Lise Klaveness aus Norwegen der „Times“ gesagt, dass ihr Verband wegen des WM-Skandals, wegen der Aufhebung einer Sperre durch die FIFA nach einem Infantino-Trump-Telefonat, Beschwerde bei der Ethikkommission einlegen wolle. Und Bernd Neuendorf? Könnte sich im kommenden Wahljahr vielleicht doch noch in den Löwen verwandeln, über den der Chronist Arnold von Lübeck schrieb: „Der Herzog nun erschien an dem ihm anberaumten Gerichtstage und warf sich dem Kaiser zu Füßen.“
