Manchmal werden auch bekennende Verfechter des modernen Fußballs von einer Sehnsucht nach vergangenen Zeiten erfasst, in denen vielleicht wirklich manches besser war. „Früher“, sagte Simon Rolfes, der für den Sport zuständige Geschäftsführer von Bayer Leverkusen nach dem 1:1 gegen den FC Arsenal, da „gab es mal internationale Härte.“ In den Sinn kamen den Zuhörern entschlossene Grätschen von Männern wie Jürgen Kohler, Franco Baresi oder John Terry. „Heute sind wir davon weit entfernt“, sagte Rolfes nach einer Berührung im Strafraum, die so ein Verteidiger der alten Schule allenfalls als sanftes Streicheln wahrgenommen hätte. Nach diesem angeblichen Foul von Leverkusens Malik Tillman an Noni Manueke schoss Kai Havertz in der 89. Minute per Elfmeter das 1:1 für die Londoner, und die unendliche Debatte um die Videoassistenten hatte ein neues Kapitel. „Es ist kein Elfmeter“, sagte Trainer Kasper Hjulmand, „das reicht doch nicht“, rief Kapitän Robert Andrich. Weil es aber eben diesen kurzen Kontakt der Hüfte des fallenden Tillman mit dem Fuß seines Gegenspielers gab und die VAR verstärkt dem jahrelang vernachlässigten Vorsatz folgen wollen, wirklich nur bei klaren und offensichtlichen Fehlern einzugreifen, blieb es bei der Entscheidung auf Strafstoß. Das Märchen von der Übermacht Und so stellte Hjulmand am Ende dieses nicht unbedingt spektakulären, dafür aber sehr niveauvollen Fußballspiels fest: „Wir sind enttäuscht.“ Zugleich waren die Leverkusener aber mächtig stolz auf ihre „gute Leistung“ (Hjulmand), nachdem auch eine klare Niederlage gegen das beste Team der Champions-League-Vorrunde vorstellbar gewesen war. Bei den Bundesligavereinen unterhalb des FC Bayern hat sich ja eine Art Grundehrfurcht gegenüber den Klubs aus der sagenhaften Premier League entwickelt, weil dort so unglaublich viel Geld vorhanden ist und der nationale Wettbewerb die Massen auf dem ganzen Planeten bewegt. Aber in so einem direkten Duell mit dem Tabellenführer der besten Liga der Welt wird dann schnell sichtbar, dass die angebliche Übermacht eher Teil einer Erzählung ist als die Realität. Gerade jetzt, wo die Saison schon lange läuft und das Ende trotzdem noch in weiter Ferne liegt, sind die Engländer schlagbar. Galatasaray besiegte den FC Liverpool, Manchester City wurde von Real Madrid mit 3:0 aus dem Bernabéu gefegt, Chelsea ging mit 2:5 in Paris unter, genau wie Tottenham bei Atlético Madrid. Und der Gast in Leverkusen benötigte das Wohlwollen der Schiedsrichter, um nicht auch zu verlieren. „Wir haben gesehen, dass wir Arsenal schlagen können“, sagte Andrich, der ein Tor geköpft hatte, wie es eigentlich die Londoner in dieser Saison oft erzielten: Durch geschicktes Beschäftigen und Blocken der Verteidiger wurde ein Raum am langen Pfosten freigesperrt, in dem der Kapitän der Werkself frei zum Abschluss kam und diese Gelegenheit geschickt nutzte (46.). „Man hat gesehen, dass die hinten auch was zulassen“, sagte Andrich, der sich schon nach fünf Minuten wegen einer Verwarnung und eines weiteren Fouls akut in der Gefahr befand, mit einer gelb-roten Karte vom Platz zu fliegen. Kofanes beeindruckende Stabilität Hjulmand dachte über eine frühe Auswechslung nach, entschloss sich aber dann, seinem Kapitän zu vertrauen, der tatsächlich ohne weiteres Foul durch das Spiel kam. Auch deshalb sprach Rolfes später von einer Leistung, die „sehr erwachsen“ gewesen sei. Wobei sich irgendwann eben doch ein Unterschied zu den Londonern zeigte: Bayer 04 wurde mit jeder Einwechslung schwächer. Als Exequiel Palacios seinen Platz für Equi Fernandez räumte, ging Stabilität verloren, der Wechsel von Tillman zu Ibo Maza kostete Ballsicherheit, und Hofmann war körperlich nicht so präsent wie zuvor Martin Terrier. Arsenals Trainer Mikel Arteta hingegen wechselte den Torschützen Havertz und den Dribbler Madueke ein, der den Elfmeter erbeutete. Ohne Spielminute blieb unterdessen der Leverkusener Stürmer Patrik Schick, weil der 19 Jahre alte Christian Kofane, der seine Jugend statt in einem europäischen Nachwuchsleistungszentrum in seiner Heimat Kamerun verbracht hat, faszinierend gespielt hatte. Vor eineinhalb Jahren wechselte Kofane aus Afrika in die zweite Liga in Portugal, von wo er vor der Saison nach Leverkusen geholt worden ist. Bereits nach wenigen Minuten ließ sich beobachten, wie Arsenals Weltklasseverteidiger Gabriel und Wiliam Saliba über diesen kaum bekannten Teenager sprachen. „Die wollten Christian am Anfang ab und zu abräumen und haben gemerkt, dass das nicht ganz so einfach funktioniert“, sagte Rolfes. „Dann sind sie ein bisschen vorsichtiger geworden.“ Mindestens ebenso erstaunlich war aber, dass Kofane im Gegensatz zu einem auf dem höchsten Niveau bei Bayern München ausgebildeten Spieler wie Tillman bis zur letzten Sekunde der Nachspielzeit hochintensiv und auffallend intelligent mitverteidigte. „Er hat ein Gespür für Situationen“, sagte Rolfes, dessen Klub nun am Samstag gegen Bayern München spielt und dann voller Hoffnung nach London reist. „Wir haben dort eine Chance“, sagte Andrich. Zumindest eine ordentliche Portion Selbstvertrauen haben die Leverkusener an diesem Abend also gewonnen.
