Die Industrie in Süddeutschland ist nach dem Atomausstieg auf Windstrom von der Küste angewiesen. Der milliardenteure Netzausbau gestaltet sich allerdings schwieriger als erhofft. Am Montag meldete der Bauherr und künftige Betreiber, das Unternehmen Transnet BW, einen vorübergehenden Baustopp der Stromtrasse Südlink und bestätigte damit einen Bericht der „Stuttgarter Zeitung“. Offenbar gibt es Probleme bei der unterirdischen Verlegung der Kabel in einem alten Salzbergwerk. Bei Arbeiten zur Anbindung des Schachtstandorts in Bad Friedrichshall-Kochendorf hätten neue geologische Erkenntnisse eine Anpassung der bisherigen Planung erforderlich gemacht, teilte Transnet BW mit. Die Arbeit sei eingestellt. Spekulationen, die Probleme könnten im Zusammenhang mit Thermalwasser-Vorkommen aufgetreten sein, kommentierte Transnet BW nicht. Gemeinsam mit dem Bergwerksbetreiber, die Südwestdeutsche Salzwerke (SWS), hat Transnet BW nach eigenen Angaben einen „alternativen Lösungsweg entwickelt, den wir derzeit technisch weiter ausarbeiten“. Am Dienstag will sich das Unternehmen dazu äußern. Das Wirtschaftsministerium steht nach eigenen Angaben „im engen Kontakt mit den Akteuren“. Ob sich das Großprojekt verteuert oder verzögert, ist offen. Das größte Projekt der Energiewende Südlink ist eine von vier im Bau befindlichen großen Stromtrassen. Sie sollen Wind- und Solarstrom von der Küste nach Süddeutschland und von Osten nach Westen transportieren. Ziel ist es, so den Wegfall der Kernkraftwerke zu kompensieren und den wachsenden Bedarf nach Grünstrom zu decken. Weitere Trassen sind geplant. Finanziert werden die Leitungen über Netzentgelte. Sie werden auf den Börsenstrompreis aufgeschlagen und so von allen Verbrauchern bezahlt. Mit Kosten von zehn Milliarden Euro und einer geplanten Kapazität von vier Gigawatt gilt Südlink als größtes Einzelprojekt der Energiewende. Die 700 Kilometer lange Leitung soll Strom von der Nordseeküste in die Industrieregionen nach Bayern und Baden-Württemberg leiten. Startpunkte sind Wilster und Brunsbüttel in Schleswig-Holstein, Endpunkte Bergrheinfeld in Bayern und Großgartach/Leingarten in Baden-Württemberg. Nach heftigen Protesten von Anwohnern wird die gesamte Leitung unter der Erde verlegt. Bundesnetzagentur will sich nicht zu „Spekulationen“ äußern Je zwei gerade mal 15 Zentimeter dicke Kabel pro Leitung sollen rein rechnerisch die Versorgung von zehn Millionen Haushalten sichern. Transportiert wird der Strom via Hochspannungs-Gleichstromübertragung, kurz HGÜ. Sie gilt als effizienter und schneller, macht allerdings am Start- und Endpunkt Konverter nötig, die Gleichstrom in Wechselstrom wandeln. Den nördlichen Teil, die Konverter an der Küste und den Konverter in Bayern verantwortet der Netzbetreiber Tennet, den südlichen Teil und den Konverter in Baden-Württemberg die ENBW-Tochtergesellschaft Transnet BW. Als Betriebsstart ist Ende 2028 vorgesehen. Ob und wie die Verzögerung sich auf Zeitplan und Kosten auswirkt, ist noch nicht klar. Entscheidend wird sein, ob der Alternativvorschlag des Betreibers einen neuen Planfeststellungsbeschluss nötig macht. Der Bundesnetzagentur liegt nach eigenen Angaben noch kein Änderungsantrag vor, deswegen könne man sich zum aktuellen Stand nicht äußern, „insbesondere nicht zu Spekulationen bezüglich möglicher Folgen und Auswirkungen“, so ein Sprecher. Planänderungen aufgrund neuerer Erkenntnisse ließen sich nie vollständig ausschließen. Zwischen Bad Friedrichshall und Leingarten sollten die Leitungen auch deshalb auf 16 Kilometer Länge und 200 Meter Tiefe durch die alten Bergwerksgruben geführt werden, um den Ballungsraum Heilbronn und eine Neckar-Querung zu umgehen. Die anderen drei Stromautobahnen sind weiter Südlink ist die größte von zunächst vier geplanten „HGÜ-Stromautobahnen“. Die drei Parallelprojekte – allesamt mit einer geplanten Leistung von zwei Gigawatt – sind schon weiter: Vollständig im Bau befindet sich derzeit der „Südost-Link“, der erneuerbaren Strom von Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt nach Landshut bringen soll und als wichtigster Anschluss Bayerns gilt. Die 540 Kilometer lange Leitung soll Ende 2027 in Betrieb gehen. Schon Ende des Jahres ist der Start der 340 Kilometer langen „Ultranet“-Trasse geplant, von Osterath bei Düsseldorf nach Philippsburg in Baden-Württemberg. Die Betreiber nutzen bestehende Freileitungen, der Bau gilt deshalb als vergleichsweise einfach. Das vierte Großprojekt firmiert unter dem Namen „A-Nord“ und soll Strom in Emden aufnehmen, nach Osterath bei Düsseldorf bringen und dort an die Ultranet-Trasse gekoppelt werden. „Der Baustopp ist ein Ärgernis“, sagte Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen. Er forderte: „Die Bundesregierung sollte allen Beteiligten ihre Unterstützung anbieten, um eine gute und schnelle Lösung zu finden.“ Das Beispiel zeige auch, dass der Netzausbau frühzeitig angegangen werden müsse und das „aktuelle Bremsen der Regierung“ der falsche Weg sei. „Ein Baustopp ist jedenfalls kein Grund, etwa den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien zu verlangsamen“, sagte Nina Scheer, die energiepolitische Sprecherin der SPD. Deutschland komme beim Bau von Stromspeichern und der Flexibilisierung des Stromnetzes schneller voran als noch vor einigen Jahren gedacht. „Bis zum Ende des Jahres 2027 werden allein etwa sechs Gigawatt an Großbatteriespeichern ans Netz gehen“, sagte Scheer. Deswegen könne man die Energiewende weiter vorantreiben, selbst, falls es beim Ausbau der Stromtrasse Südlink zu Verzögerungen kommen sollte.
