FAZ 25.09.2026
12:48 Uhr

Basketball-Bundesliga: Realitätscheck für die Visionäre aus Frankfurt


Die Zukunftspläne sind groß bei den Frankfurt Skyliners, in der Gegenwart können sie mit dem deutschen Meister nur phasenweise mithalten. Trainer Perwas sieht sein Team dennoch „auf einem guten Weg“.

Basketball-Bundesliga: Realitätscheck für die Visionäre aus Frankfurt

Arbeit erledigt für Alba Berlin. Aufbauspieler Jordan Ford (9 Punkte in knapp 20 Minuten Spielzeit) beklatscht nach der Schlusssirene den 94:83-Heimerfolg über die Frankfurt Skyliners. Sein Teamkollege Malte Delow (3), der ihm von der Bank entgegenkommt und über das ganze Gesicht strahlt, hebt kurz den Arm zur Siegerfaust. Es folgt noch ein kurzes Abklatschen zwischen den beiden. Auch ein Arbeitssieg in der Berliner Arena vor 6700 Zuschauern kann Freude machen. Zumal der deutsche Basketballmeister mit zwei Erfolgserlebnissen in die neue Bundesligasaison gestartet ist. Die Richtung stimmt in der Bundeshauptstadt. Die Skyliners-Profis hingegen begegnen dem ersten Misserfolg im ersten Rundenspiel ziemlich emotionslos. Kein sichtbarer Ärger im ersten Moment und auch kein Aufschrei der Enttäuschung. Als der Wurf von Jamie Edoka (0) mit der Schlusssirene sein Ziel verfehlt, dreht Kapitän Till Pape (9) vom Korb ab. Es kommt zu einem flüchtigen Handshake mit Roman Bedime (6). Der Center gibt auch dem punktlosen Thomas Klepeisz kurz die Hand. Der 35 Jahre alte Shooting Guard hat Redebedarf und geht Bedime hinterher. Auf dem Feld wird offenbar sofort in die Spielanalyse gegangen. Und womöglich auch über verpasste Chancen gesprochen. Große Visionen, kleine Schritte Noch ist es nicht Frankfurts Anspruch, Alba Berlin zu besiegen. Erst in ein paar Jahren will der deutsche Meister von 2004 auf höchstem Niveau wiedererstarkt sein und wie zu seinen erfolgreichsten Zeiten um Titel mitspielen. Mit der Fertigstellung der neuen Multifunktionsarena, die rund um das Jahr 2030 vorgesehen ist, sollen die Skyliners nach eigenem Bekunden auch international eine gewisse Größe darstellen. Zukunftsmusik, die sich in den höchsten Tönen prächtig anhört. Die Gegenwart indes lässt sich sportlich noch nicht in den schönsten Farben zeichnen. Geduld und kleine Schritte sind gefragt, auch wenn die Visionen am Main für manchen Betrachter von außen erstaunlich groß sind. „Wir haben insgesamt eine solide Leistung gezeigt. Aber nicht die Leistung, die es uns erlaubt hätte, hier einen Sieg mitzunehmen“, sagte Trainer Klaus Perwas am Donnerstagabend. „Direkt vor der Halbzeit hatten wir eine Phase von etwa zwei Minuten, in der wir keine guten Lösungen gefunden, den Ball verloren und zwei offene Würfe zugelassen haben.“ Auch mit dem dritten Viertel zeigte sich der Headcoach nicht einverstanden – „weil wir phasenweise in Einzelaktionen verfallen sind und nicht mehr als Team gespielt haben“. Es fehlte die ordnende Hand auf dem Parkett. Ein oder zwei Spieler, die die Mannschaft mit ihrer Autorität und Erfahrung hätten zusammenhalten können. Trotzdem wähnt Perwas seine „neu formierte Mannschaft“ nach dem Realitätscheck beim zweiten Spitzenvertreter neben dem wirtschaftlichen Branchenprimus Bayern München „auf einem guten Weg“. Zumindest phasenweise haben die Frankfurter den Favoriten mit ihrem schnellen und physischen Spiel vor Probleme stellen können. Und damit auch den guten Gesamteindruck vom souveränen Pokalerfolg über den Ligarivalen Jena bestätigt. In der Truppe von Perwas steckt Potential. In den ersten 20 Spielminuten in Berlin kam es häufig noch zu Führungswechseln. Der Außenseiter hielt mit. Kurz vor der Halbzeitpause führten die Frankfurter sogar 39:31. In diesem Augenblick hatte der ein oder andere eine Überraschung vor Augen. „Wir sind heute zu langsam ins Spiel gestartet“, kritisierte Berlins Meistertrainer Pedro Calles. „Wir haben darauf gewartet, dass Frankfurt den Ton angibt, und haben anschließend nur reagiert.“ Doch mit einem 10:0-Lauf in weniger als zwei Minuten rückte der Titelträger die Verhältnisse wieder zurecht. Erstes Heimspiel gegen Vechta „Wir haben am Ende des zweiten Viertels etwas das Momentum verloren“, räumte Frankfurts flinker Aufbauspieler Judah Mintz ein, der mit 21 Punkten Topscorer der Begegnung war. Von zwei Dreipunktewürfen gelang dem US-Amerikaner in der Endabrechnung einer. Sein Mitspieler Isaiah Swope (14) verwandelte von elf Distanzwürfen lediglich drei. Nach 25 absolvierten Minuten beklagte Swope bei seinen sechs Wurfversuchen nur Fehlwürfe. Auch dieses Defizit verhinderte zu diesem Zeitpunkt ein besseres Ergebnis für die Skyliners. Und dann gerieten sie noch mehr ins Hintertreffen. Durch einen 16:4-Lauf im dritten Viertel belohnten sich die Berliner mit einer zweistelligen Führung. Auf Seiten der Skyliners mangelte es an wenigstens einem energischen Spieler, der tatkräftig den Spielfluss des Gegners zu stoppen versuchte. Der damit ein Zeichen setzte. Ins Schlussviertel ging der deutsche Meister schließlich mit einem 69:55-Vorsprung, den Frankfurt bis zum Ende nicht mehr wettmachen konnte; beim 66:71 kamen die Skyliners Alba am nächsten. Berlins nächster Gegner, Bayern München, ist dann in der Neuauflage des Meisterschaftsfinales der erste große Prüfstein für die Mannschaft von Pedro Calles. Einige Unzulänglichkeiten wie etwa beim Tempo oder den Wurfquoten, die sie gegen die Skyliners offenbart haben, werden die Berliner dann abstellen müssen. Die Skyliners hingegen bekommen es an diesem Samstag (18.30 Uhr) in der Ballsporthalle in ihrem erstem Bundesligaheimspiel mit Rasta Vechta zu tun, das von den Bambergern bei deren 108:67-Auswärtserfolg deklassiert wurde. „Jetzt gilt es, den schnellen Turnaround zu schaffen und gegen Vechta einen Sieg einzufahren“, sagte Perwas in Berlin. Schnell vergessen müssen die Frankfurter jedenfalls die Berliner Siegesserie gegen die Skyliners. Mit 17 Siegen in Serie muss sie den Hessen langsam unheimlich vorkommen.